LEBENSFREUDE IST NICHT MIT GELD ZU KAUFEN


Regierungsrat Reber

Regierungsrat Reber erfährt gelebte Integration. Foto: David Haas

An der diesjährigen Integra wurde auf der grossen Bühne musiziert

An der diesjährigen Integra wurde auf der grossen Bühne musiziert ...

kulinarische Leckereien verkauft

... kulinarische Leckereien verkauft ...

und die kulturelle Vielfalt der Schweiz demonstriert

... und die kulturelle Vielfalt der Schweiz demonstriert.


Alle zwei Jahre versammelt sich die Welt im Herzen von Liestal zum bunten Volksfest Integra. Was Anfang September für die Besuchenden eine Weltreise im Kleinformat war, bedeutet für das Organisationsteam und Beteiligte jeweils einen Grosseinsatz.


Anfang September nahm in Liestal zum sechsten Mal das Volks- und Integrationsfest Integra Plätze und Gassen in Beschlag. Gefüllte Weinblätter, Lammragout, Pizza, Schweinsbratwurst, indischer Reis, Rentiersuppe, Crêpes. Das Zusammentreffen so vieler Kulturen, Gaumenfreuden, aber auch Tanz-, Gesangs- und Handwerkskünste mitten in Liestal bietet Stoff für eine bunte Reportage über Sinneswahrnehmung und Lebensfreude. Ein Erleben des kreativen Potenzials der breiten Bevölkerung im Baselbiet. Der Rundgang über das Festgelände durch die hunderten Besucherinnen und Besucher und die Gespräche mit den Teilnehmenden zeigten aber auch Aspekte der Integration, die weit mehr als der Austausch von kulinarischen Spezialitäten und von Folklore sind.


Wertschätzung auf allen Ebenen

Integra ist ein Anlass, der wie viele andere Volksfeste ganz im Zeichen des Einsatzes von freiwilligen Helferinnen und Helfern steht. Was die Veranstaltung in Liestal zu etwas Besonderem macht, ist die Tatsache, dass die Mitwirkenden im Dienste der Integration und des Abbaus von Vorurteilen arbeiten. Dabei wirken das Organisationskomitee und die beteiligten Vereine, Gruppen und Organisationen Hand in Hand und tragen gemeinsam zum Gelingen bei. Ein Engagement, das sowohl von der Kantons- als auch der Stadtregierung gewürdigt wird. «Die Integra ist aus dem Liestaler Kulturkalender nicht mehr wegzudenken und ist hier bestens verankert,» freute sich Isaac Reber, Grüner Regierungsrat, und zeigt sich in seiner Festrede beeindruckt über das vielfältige Programm, das ohne Freiwilligenarbeit nie zustande gekommen wäre. Und auch die FDP-Stadträtin Marion Schafroth weist darauf hin, dass ein Anlass wie die Integra ohne die unermüdlichen Helfenden nicht zustande käme: «Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig das Engagement dieser Menschen ist – auch in der täglichen Integrationsarbeit, wo viele unentgeltlich für ein besseres Zusammenleben arbeiten.»


Integration ist Ehrensache

Co-Präsidentin im Organisationsteam und EVP-Landrätin Elisabeth Augstburger kann auf ein Team von motivierten Kräften aus verschiedenen Generationen und Nationalitäten zurückgreifen. Dass die Einsatzfreude für die Organisation eines Anlasses in dieser Grössenordnung ihre Grenzen hat, erfährt auch Augstburger. «Wenn die Leidenschaft, die Zeit oder die körperliche Kraft fehlen, wird es schwierig.» Gleichzeitig geht es ihr wie vielen, die Zeit und Geld in ihre Arbeit investieren: «Ohne die ehrenamtlichen Tätigkeiten hätte ich mehr Freizeit oder Raum für bezahlte Arbeit. Durch die verschiedensten Engagements habe ich aber dafür ein so spannendes Leben, das man nicht mit Geld kaufen kann.» Ein schönes Beispiel dafür, dass der Lohn für die Arbeit nicht nur auf dem Bankkonto ablesbar sein muss, ist das Ehepaar Margrit und Ueli Mumenthaler, das trotz Pensionsalter bereits seit zehn Jahren das Gesicht der Integra mitprägt. Ihre grösste Motivation sei es, dass sich die Bevölkerung mit Migrationshintergrund hier wohlfühle, «und wir mithelfen können, dass die gegenseitigen Hemmschwellen und auch Vorurteile abgebaut werden.»


Von den Regeln in der Gesellschaft ...

Reber hat in seiner Rede auch erkannt, «dass wir, damit die kulturelle Vielfalt wirklich bereichernd sein kann, Regeln fürs Zusammenleben brauchen. Jedes Land hat seine Regeln. Man muss sie nur kennen und wissen, wo und wie man sie anwendet.» Ein Augenschein bei den Köchen, Rüsterinnen, Kassiers und Anrichterinnen hinter den Marktständen, die Leckereien aus aller Welt feil bieten, zeigt, dass Regeln und Strukturen nicht nur im grossen, sondern auch im kleinen gesellschaftlichen Rahmen zu Kreativität und Funktionieren von Nöten sind. Bei der finnischen Tanzgruppe aus Liestal, welche mit erfrischenden Getränken gleich neben der grossen Bühne vertreten ist, hält Päivi Milan die Zügel in der Hand. Sie hat im Vorfeld auch Freunde ausserhalb des Vereins motivieren müssen, um den Stand betreiben zu können. «Wir machen zum ersten Mal mit, deshalb fehlt uns noch etwas die Routine, aber wir haben grössten Spass zusammen.»


... bis zu den Strukturen im Verein.

Eventerfahrener ist dafür der serbische Folkloreverein KIKAC aus Basel, laut eigenen Angaben der älteste ausserhalb Serbiens. «Wir sind immer wieder mit unserem kulinarischen Angebot an Festen vertreten. Entweder, wie hier, um unsere Kultur zu repräsentieren und etwas für das Image der Serbinnen und Serben zu machen, oder dann, um unsere Vereinskasse aufzubessern», nennt Natasa Djordjevic die Beweggründe. Wie das etwas kleinere finnische Pendant sind auch sie in den klassischen Schweizer Strukturen eines Vereins organisiert und diesen Regeln auch treu. Neben den Mitgliederbeiträgen sind ihre Tanzensembles auf die Einnahem aus Festaktivitäten angewiesen, denn die Trachten für die Auftritte sind teuer. «Letztendlich dienen solche Veranstaltungen aber auch immer dem inneren Zusammenhalt der Gruppe, die nicht nur aus Serbischstämmigen besteht. Wir haben neben der vielen Arbeit ja auch Spass dabei.» Djordjevic war lange in einem Handball- und Judoverein in Liestal engagiert und auch ihrem lupenreinen Baselbieter Dialekt ist zu entnehmen, dass sie bestens in der Schweiz verankert ist. «Wegen des Krieges in Ex-Jugoslawien haben wir in den 1990er Jahren einen grossen Imageschaden erlitten. Meine Vereinstätigkeit ermöglicht es mir, ein anderes Bild von Serbinnen und Serben in der Schweiz zu zeigen.»


Verkehrte Regelwelt

Lachende Gesichter trifft man auch am Stand der Tibetan Community Basel. Eingebunden in die grosse, gesamtschweizerische Organisation leben sie die demokratischen Werte der Schweiz auch unter sich. Thubten Zahner ist regionaler Volksvertreter in der nationalen Organisation und unter anderem gewählt von den emsigen Männern, die nun die hungrigen Festbesucherinnen und -besucher bedienen. «Wir haben gut geplant, damit wir das bewältigen können,» nennt Zahner die Gründe für die speditive Abwicklung. «Wir arbeiten in zwei Schichten à fünf Personen», fügt er lächelnd hinzu und erklärt, dass für das Kochen die Männer zuständig seien, wie in Tibet auch im privaten Rahmen üblich. Eine eher unschweizerische Tradition, aber in diesem Fall auch nicht weiter schlimm.

Ein paar Strassenzüge weiter kümmern sich die Kinder am Schminkstand wohl gerade nicht um grosse oder kleine Regeln – egal, welche Hautfarbe sich unter den Katzen-, Clown- oder Piratengesichtern verbergen. Wer weiss, vielleicht werden sie in ein paar Jahren für die bunten Integra-Feste in Liestal besorgt sein.

Philipp Grünenfelder

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