EHRENAMT IST EHRENSACHE


Markus Freitag

Markus Freitag ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bern. Foto: z.V.g.

Elisabeth Kopp

Elisabeth Kopp war die erste Frau im Bundesrat. Foto: Christian Lanz


Die Europäische Union hat das Jahr 2011 zum Jahr der Freiwilligenarbeit erkoren. Auch die Schweiz nimmt das zum Anlass, um die Wertschätzung dieses Engagements in der Öffentlichkeit zu fördern. Eine Anerkennung, die sich auch Migrantenvereine wünschen.


Schon im antiken Griechenland war die aktive Sorge um das Wohlergehen des Gemeinwesens selbstverständlich. Freiwilliges Engagement ist kein neues Phänomen. Es ist ein Grundpfeiler der menschlichen Zivilisation und fester Bestandteil der abendländischen Kultur. Grosse Bedeutung erlangte die ehrenamtliche Arbeit mit der stetig zunehmenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der damit einhergehenden Verelendung und Massenarmut breiter Bevölkerungsschichten. Weder der Staat noch die Kirchen waren Herr der Lage. So fingen wohlhabende Bürgerinnen und Bürger an, Menschen in Notsituationen zu unterstützen und so die öffentlichen Bemühungen für die Armenfürsorge zu ergänzen – auch in der Schweiz. «Das Bürgertum fing an, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, was sich nicht zuletzt auch in der Gründung von Gesellschaften und Vereinen äusserte, welche zur typischen Organisationsform privater Wohltätigkeit erwuchsen», weiss Markus Freitag, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bern. Zu den wichtigsten Vereinigungen zählt die 1810 gegründete Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG), die sich u.a. der Gefährdung Einzelner durch Armut annimmt.

Diese jahrhundertealte humanitäre Tradition in der Schweiz wird auch heute in Form von Freiwilligenarbeit aktiv gepflegt. Im internationalen Vergleich nimmt sie eine Spitzenposition ein. Im Freiwilligenjahr 2011, das von der Europäischen Union ausgerufen wurde, soll die Bedeutung der Freiwilligentätigkeit ins öffentliche Bewusstsein gerückt und ihre Anerkennung gefördert werden.


Frauen sind anders als Männer

Gemäss der Studie «Freiwilligenarbeit in der Schweiz», die das Bundesamt für Statistik (BFS) in Zusammenarbeit mit der SGG und dem Forum freiwilligenarbeit.ch 2008 veröffentlicht hat, führen knapp drei Millionen Menschen (circa 40 Prozent der Wohnbevölkerung ab 15 Jahren) mindestens eine unbezahlte Tätigkeit in Vereinen, Non-Profit Organisationen oder Stiftungen aus. In der Europäischen Union liegt der Durchschnitt bei 23 Prozent. Für Markus Kocher, der sich in seiner Masterarbeit am Institut für Soziologie der Universität Basel mit Freiwilligenarbeit in der Schweiz auseinandersetzt, ist vor allem die geschlechtsspezifische Aufteilung interessant: «Oft hat man das Gefühl, dass sich ausschliesslich Frauen freiwillig engagieren. Dabei sind die Männer in der Mehrzahl. Doch klassische Rollenbilder spiegeln sich auch hier wider.» Während Frauen sich vor allem im informellen bzw. im sozialen Bereich wie in der Nachbarschaftshilfe, in der Kinderbetreuung oder in der Pflege engagieren, sind Männer mehrheitlich in der institutionalisierten Freiwilligenarbeit, das heisst in Sport- und Kulturvereinen oder in Interessenvereinigungen anzutreffen. Die Daten der Erhebung zeigen zudem auf, dass die Beteiligung an Freiwilligenarbeit tendenziell zurückgeht und dass sich die ausländische Bevölkerung viel weniger ehrenamtlich engagiert als Schweizerinnen und Schweizer. Markus Kocher mahnt bei der Analyse allerdings zur Vorsicht: «Bei diesen Ergebnissen betreffend die Migrationsbevölkerung wurden lediglich Stichproben ausgewertet. Man kann also nicht von einer repräsentativen Umfrage sprechen.»


Lange Tradition

Obwohl in der Schweiz viele Migrantinnen und Migranten Freiwilligenarbeit für wohltätige Zwecke und nicht zuletzt auch für die Integration anderer Zugezogener leisten, ist in der Öffentlichkeit kaum etwas darüber bekannt. Dabei hat das ehrenamtliche Engagement von Migrantinnen und Migranten eine lange Tradition. Paola Gallo, Geschäftsleiterin Surprise Strassenmagazin GmbH und Präsidentin des italienischen Vereins Colonia Libera Italiana di Basilea, kennt die Hintergründe: «Während noch Ende des 19. Jahrhunderts viele Einwanderer aus Norditalien als Tunnel- und Strassenbauer in der Schweiz tätig waren, fand nach dem Ersten Weltkrieg vor allem die intellektuelle Elite des Landes Zuflucht in der Schweiz.» Grund dafür war die faschistische Herrschaft unter Benito Mussolini: Parteien wurden verboten, die politischen Freiheiten eingeschränkt und Oppositionelle verhaftet und umgebracht. So wurde 1925 in Genf auf Initiative von aus Italien geflüchteten Antifaschisten die erste Colonia Libera Italiana gegründet. «Später entstanden weitere Gruppierungen und Vereine mit politischer, kultureller wie auch sozialer Ausrichtung», erklärt Gallo. Eine dieser Organisationen ist die von der römisch-katholischen Kirche gegründete Missione Cattolica. «Die Missione Cattolica bot schon in den 1950er Jahren soziale Dienstleistungen an, die in der Schweiz in dieser Form nicht vorhanden waren: Ganztageskindergarten, Mittagstisch, Gottesdienst in italienischer Sprache, Hilfeleistungen im Alltag.» Die 46-jährige Tochter sizilianischer Einwanderer schätzt den Wert dieses Engagements: «Diese Vereine bemühen sich vor allem um Integrationsprojekte, vernetzen sich untereinander und möchten nach wie vor die italienische Kultur weitervermitteln.» Ihre Arbeit als Präsidentin der Colonia Libera Italiana di Basilea sei ein Teil ihrer Biographie, «ich kann so vieles zurückgeben, was die erste Generation für uns aufgebaut hat.» Sie selbst sieht ihren Freiwilligeneinsatz darin, zwischen Gesellschaften Brücken und Verständnis aufzubauen, denn «Integration beginnt jeden Tag wieder aufs Neue.»


Positive Auswirkung

Trotz dieser langen Geschichte weiss man sehr wenig über das Engagement der Migrantenvereine – nicht einmal deren genaue Zahl ist bekannt. Um hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen, gab das «Forum für die Integration der Migrantinnen und Migranten» (FIMM Schweiz) als Dachorganisation der Migrantenvereine eine Studie in Auftrag. Emine Sarisaslan, die seit 1998 in Bern lebt und selber ehrenamtlich als Präsidentin des FIMM tätig ist, begründet diesen Auftrag: «Es ist in der Schweiz kaum bekannt, dass tausende Migrantinnen und Migranten sich unentgeltlich in Vereinen für das bessere Zusammenleben in der Gesellschaft engagieren. Wir wollen im Rahmen des europäischen Jahres der Freiwilligenarbeit die Gelegenheit nutzen, um auf die ehrenamtliche Arbeit der in der Schweiz lebenden Migrantinnen und Migranten aufmerksam zu machen.» Oft habe man das Gefühl, dass Migrantenvereine nur dazu da seien, sich von der Schweizer Gesellschaft abzuschotten, so die 47-jährige Türkin, was allerdings nicht stimme. «Menschen leisten mit ihrem Engagement einen wichtigen Beitrag zur ihrer eigenen Integration sowie der ihrer Landsleute.»

Auch Osman Besic, Gründer des bosnischen Elternvereins (siehe Porträt weiter unten) und Leiter der Abteilung Gesundheit beim Schweizerischen Roten Kreuz kann diesen positiven Einfluss bestätigen: «Man erreicht die Menschen schneller und direkter in den Vereinen. Oft bieten diese Vereine Sprachkurse an, informieren über die lokalen Gepflogenheiten und organisieren Veranstaltungen zu aktuellen Themen wie Abstimmungen oder Gesundheitsprävention.» Gemäss Besic könnten sich die Integrationsstellen solche Angebote zur Bewältigung des Alltags schon aufgrund mangelnder Ressourcen nicht leisten. Umso wichtiger sei eben, dass man die Arbeit ehrenamtlich tätiger Migranten würdigt und sie noch intensiver in die staatliche Integrationsarbeit miteinbezieht. In einem Punkt sind sich Sariaslan und Besic einig: Durch das Aufzeigen dieses Engagements kann man dem negativen Bild der Migrantinnen und Migranten in der gegenwärtigen medienpolitischen Debatte entgegenwirken. «Wir fordern einen Paradigmenwechsel in der öffentlichen Wahrnehmung. Zur Abwechslung könnte man einmal aufzeigen, wie wir uns durch Eigeninitiative in die Schweizer Gesellschaft einbringen und etwas Positives schaffen. Und nicht immer die negativen Vorfälle in den Vordergrund rücken. Wir würden uns gerne noch mehr engagieren, aber dazu benötigen wir im Gegenzug Mitsprache- und Partizipations-
möglichkeiten», ergänzt Emine Sariaslan.


Freiwilligenuni ohne Migranten

Unter dem Titel «Freiwilligenarbeit zwischen Freiheit und Professionalität» fand in Basel im vergangenen September die 6. Europäische Freiwilligenuniversität statt, wo über die neusten Entwicklungen in der Freiwilligenarbeit diskutiert wurde. Auch an diesem dreitägigen Symposium hat man vergebens nach Repräsentantinnen und Repräsentanten von Migrantenvereinen gesucht. Daniel Wiederkehr, Theologe und Leiter von «Diakonie und Soziale Arbeit der katholischen Kirche Basel-Stadt und Basel-Landschaft» bedauert diesen Umstand. «Als Projektleiter der Europäischen Freiwilligenuniversität wünsche ich mir natürlich, dass wir alle Aspekte der Freiwilligenarbeit abdecken können.» Nur der von Expats gegründete Basler Verein Centerpoint war an der Freiwilligenuniversität vertreten. «Das muss sich künftig ändern», erklärt Wiederkehr bestimmt. «Es wird eine wichtige Aufgabe der verschiedenen Partner der Freiwilligenarbeit sein, mit den Migrantenvereinen in Kontakt zu treten und ihnen die gesellschaftliche Bedeutung ihres Engagements bewusst zu machen.» Ob die Verantwortlichen dieses Ziel beim nächsten Treffen in drei Jahren erreichen werden, bleibt vorerst offen.


Hilfe für die Heimat

Dass sich Migrantinnen und Migranten weniger oft ehrenamtlich engagieren würden, ist auch bei Benevol, der Dachorganisation der Fach- und Vermittlungsstellen für Freiwilligenarbeit in der Deutschschweiz, nicht bekannt.«Selbstverständlich erhalten wir auch von Menschen mit Migrationshintergrund Anfragen. In der gleichen Form und aus den gleichen Beweggründen wie Schweizerinnen und Schweizer. Voraussetzung ist allerdings, dass sie die deutsche Sprache einigermassen beherrschen. Wir haben kaum Einsatzmöglichkeiten, die keine Deutschkenntnisse erfordern», erklärt Pasqualina Barazza, Geschäftsleiterin GGG Benevol, der regionalen Vermittlungsstelle in Basel.

Vom vielseitigen Engagement der Migrantinnen und Migranten profitieren nicht nur die hier lebenden Menschen, sondern oft auch jene, die in der Heimat geblieben sind. Der Wunsch, die zurückgebliebenen Familienangehörigen finanziell zu unterstützen, spielt beim Engagement von freiwillig tätigen Ausländerinnen und Ausländern eine wichtige Rolle. Vor 25 Jahren hat Anny Hefti-Misa die Stiftung «Kinderdirekthilfe Negros Philippinen» gegründet. Seither ist viel passiert und die aus den Philippinen stammende Psychologin ist stolz auf ihre Arbeit. «Wir konnten eine Klinik für unterernährte Kinder bauen, persönliche Patenschaften organisieren und eine Bergschule errichten. Am Anfang habe ich fast 50 Prozent meiner Arbeitszeit in dieses Projekt investiert. Aber Zeit spielt keine Rolle, wenn man weiss, dass sich das Engagement lohnt.»

Viel ehrenamtliche Arbeit wird auch im Basler Kurszentrum K5 geleistet. Im solidarischen Integrationsprojekt «Olla común» kochen einmal in der Woche 26 verschiedene Migrationsgruppen alternierend ein für ihr Land typisches Essen. Die Einnahmen aus dem Verkauf der kulinarischen Spezialitäten sowie die gesammelte Kollekte gehen jeweils an ein humanitäres Projekt im Heimatland. Auch Ibrahim Cissé, Präsident des Vereins Balimaya (siehe Porträt), sammelt so regelmässig Geld für seine Projekte in Mali.


Ins Bewusstsein rücken

In Anbetracht der Vielfalt von Freiwilligenarbeit ist es schwierig, eine einheitliche Antwort zu finden, warum Menschen sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich engagieren. Sie machen es aus uneigennützigen, egoistischen oder religiösen Gründen. Was sie aber eint, ist die Tatsache, dass kaum jemand bemerkt, was sie leisten. Alt-Bundesrätin Elisabeth Kopp, die sich selber seit ihrer Jugend karitativ engagiert und in der Jury des Orange Awards zur Förderung des interkulturellen Dialoges sitzt, weiss aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, Anerkennung zu schenken. «Diese Menschen entlasten den Staat finanziell und übernehmen gleichzeitig eine wichtige gesellschaftliche Verantwortung. Die grösste Unterstützung fängt damit an, dass man sie stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt und danke sagt.» Das sei das Mindeste, was man tun könne – auch für Migrantinnen und Migranten –, so die ehemalige FDP-Politikerin. «Migrantinnen und Migranten bereichern unser Land und haben schon immer einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand der Schweiz geleistet. Warum also nicht ihr Freiwilligenengagement in einem grösseren Rahmen würdigen? Etwa im Opernhaus oder im Schauspielhaus Zürich?» Doch ohne grosse Publizität und Unterstützung von Prominenten ist das schwierig. Eine Überlegung ist es auf jeden Fall Wert, denn «die Vergröberung des oft pauschal negativ behafteten Images der ausländischen Bevölkerung ist unzulässig», kritisiert Kopp und kommt zum Schluss: «Wir brauchen endlich ein Gegenbild.»

Güvengül Köz Brown



Issa Adullahi

Issa Adullahi ist Präsident des SAF und organisiert jährlich verschiedene kulturelle Anlässe. Foto: David Haas

«Als ich 1990 in die Schweiz kam, hatte ich sehr viel Glück: Mir wurde eine Stelle in der nigerianischen Botschaft angeboten und ich konnte schnell ein gutes Beziehungsnetz aufbauen. Heute habe ich Familie und fühle mich hier zu Hause – auch wenn ich es als Schwarzer nicht immer einfach habe. Trotzdem bin ich privilegiert gegenüber anderen Afrikanerinnen und Afrikanern, die oft niemanden haben, an den sie sich wenden können. Deshalb habe ich mit Gleichgesinnten im Jahr 2002 den Verein Swiss African Forum (SAF) gegründet. Unser Ziel ist es, Kontakt zwischen Schweizern und eingewanderten Afrikanern zu verbessern und die Integration zu fördern. Afrikaner werden von der Gesellschaft eher negativ wahrgenommen – die Anlässe des SAF, der Football and Nations Cup, das Swiss African Culture Festival und das Interkultur- und Integrationsfest in Olten, geben uns Gelegenheit, uns besser präsentieren zu können. Auch wenn wir jedes Jahr Schwierigkeiten haben, die Veranstaltungen zu finanzieren, geben wir nicht auf. Die zufriedenen Gesichter an diesen Festen motivieren mich. Zusätzlich arbeite ich als Vorstandsmitglied der nigerianischen Diaspora mit dem Bundesamt für Migration zusammen und helfe, die Kommunikation mit nigerianischen Flüchtlingen zu verbessern.»

Angela Müller Meinherz


Osman Besic

Der 46-jährige Osman Besic ist Bereichsleiter Gesundheitsförderung beim SRK. Foto: David Haas

«Ich bin als junger Mann vor 22 Jahren in die Schweiz gekommen. Die Geburt meines Sohnes hat mich inspiriert, mich für die Bildung von Kindern der zweiten Generation einzusetzen. Ich wollte, dass mein Sohn und andere Kinder mit bosnischen Wurzeln in der Schweiz über die Bildung Anknüpfung zu ihrer zweiten Heimat finden. Da solche Programme an den öffentlichen Schulen nicht angeboten werden, habe ich mit meiner Frau und Freunden den bosnischen Elternverein gegründet. Wir wollten mit unserem Projekt einerseits die sprachlichen Fähigkeiten unserer Kinder erweitern und ihnen andererseits die Möglichkeit geben, mehr über die Geschichte, die Literatur und die Traditionen Bosniens zu erfahren. Damit haben wir den Grundstein für den Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) gelegt. Es war aber am Anfang eine Herausforderung, die Eltern, die aus unterschiedlichen sozialen Schichten stammen, von unserer Idee zu begeistern. Es wäre einfacher gewesen, einen Folkloreverein zu gründen. Die Notwendigkeit unserer Vereinsarbeit sehe ich an der Entwicklung meines Sohnes. Als 10-jähriger kann er selbstbewusst und reflektiert zu seinen Wurzeln stehen. Er lässt sich von den Vorurteilen, mit denen Menschen aus dem Balkan täglich konfrontiert sind, nicht beirren.»

Güvengül Köz Brown


Julia Betschart-Velázquez

Julia Betschart-Velázquez setzt sich für die Integration von spanisch sprechenden Müttern und Kindern ein. Foto: David Haas

«Ich betrachte das Engagement in der Gesellschaft als eine soziale und politische Verantwortung. Deshalb habe ich mich in den 25 Jahren, in denen ich in der Schweiz lebe, in verschiedenen Institutionen ehrenamtlich engagiert: Zum Beispiel als Präsidentin eines Kulturvereins Mexiko-Schweiz und als Vorstandmitglied des cfd – der feministischen Friedensorganisation der Schweiz. Ich bin Spielgruppenleiterin einer spanischsprachigen Spielgruppe und ehrenamtliche Präsidentin der Fach- und Kontaktstelle der Spielgruppen Region Bern. Als Spielgruppenleiterin habe ich festgestellt, dass Migranteneltern ein grosses Informationsbedürfnis zu Erziehungs- und Gesundheitsfragen haben. Deshalb war ich Initiantin des Projekts ENLACES, Bildungskurse für Migranteneltern. Dieses Projekt basierte auf Freiwilligenarbeit. Bei meinen ehrenamtlichen Einsätzen ist es mir wichtig, Migrantinnen zu fördern. Nicht nur sprachlich; sie müssen sich auch ihrer Fähigkeiten und Ressourcen bewusst werden. Wenn man die Frauen zudem motivieren kann, sich gesellschaftlich zu engagieren, fällt es ihnen und ihren Familien leichter, sich zu integrieren. Dank meinen Einsätzen kann ich auch meine beruflichen Fachkenntnisse zum Beispiel als Kulturvermittlerin einbringen und wertvolle neue Erfahrungen sammeln»

Angela Müller Meinherz


Ibrahim Cissé

Ibrahim Cissé, Präsident des Vereins Balimaya, setzt sich in Afrika und der Schweiz für mehr Menschlichkeit ein. Foto: Güvengül Göz Brown

«Ich habe vor drei Jahren den westafrikanischen Verein Balimaya gegründet. Heute zählen wir in der ganzen Schweiz rund 40 Mitglieder. Mit ganz einfachen Mitteln unterstützen wir uns gegenseitig bei der Bewältigung unseres Alltags. Das tun wir, indem wir uns regelmässig treffen, uns austauschen und über unsere Probleme reden. Ich lebe schon seit knapp 20 Jahren in der Schweiz, weiss viel über das Land, kenne die Regeln und verstehe die Sprache. Dieses Wissen teile ich im Verein mit den Menschen, die zu uns kommen. Das gibt ihnen Halt, denn oft fühlen wir uns hier verloren, weil in der Schweiz alles anders ist – nicht nur das Klima. Man kann das Ganze auch mit einer Gruppentherapie vergleichen. Aber das tönt so deprimierend. Und das ist mein freiwilliges Engagement nicht. Ich halte mich stets an die Worte meiner Mutter: «Die Nützlichkeit des Menschen liegt in den Taten, die er für andere vollbringt.» Ich möchte aber auch, dass meine Heimat Mali von mir profitiert. Deshalb sammeln wir regelmässig Geld für soziale Projekte. Ganz stolz bin ich auf die Schule, die wir vor kurzem in einem kleinen Dorf bauen konnten. Heute werden rund 250 Kinder dort unterrichtet. In die Jugend investieren heisst, in die Zukunft investieren. Was kann man mehr wollen?»

Güvengül Köz Brown


Mirsada Voser-Alibasic

Mirsada Voser-Alibasic, verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter, lebt seit 36 Jahren in der Schweiz und arbeitet im Aussendienst für ein Pharmaunternehmen. Foto: Güvengül Köz Brown

«Ich engagiere mich freiwillig rund acht Stunden in der Woche als Vorstandsmitglied in der Islamischen Gemeinschaft Bosniens sowie als Präsidentin in der Frauensektion bosnischer Musliminnen. Ich tue alles, damit sich Bosnierinnen und Bosnier in der Schweiz besser zurechtfinden. Neben den üblichen administrativen und organisatorischen Aufgaben, für die ich im Verein verantwortlich zeichne, organisiere ich u.a. Kulturreisen für Frauen und biete zugleich jeden Sonntag kostenlose Deutschkurse an. Oft können sich unsere Mitglieder die hohen Kurskosten nicht leisten, dabei ist gerade die Sprache eine der wichtigsten Voraussetzungen für
eine erfolgreiche Integration. Doch das allein reicht nicht aus, um den Alltag in der Schweiz zu bewältigen. Hier ist ein ganzheitlicher Ansatz die effektivste Methode, um den Prozess zu beschleunigen. Informationen zu Gesundheitsthemen und Unterstützung bei den Steuererklärungen gehören genauso zu meinen Aufgaben wie die Aufklärung über ihre Rechte und Pflichten hierzulande. Ich nehme aber auch die öffentlichen Ressentiments gegen den Islam ernst und versuche diese Stigmatisierungen mit meiner Arbeit zu durchbrechen. Als gläubige Muslimin lebe ich nach dem Grundsatz: Wer Gutes tut, dem wird Gutes widerfahren. Wir sind nicht auf dieser Welt, um nur für uns selbst zu sorgen.»


Rangit Sivasubramaniam

Rangit Sivasubramaniam unterstützt seine Landsleute seit Jahren durch Freiwilligenarbeit. Foto: David Haas

«Ich arbeite seit einigen Jahren als interkultureller Berater für den «Ökumenischen Seelsorgedienst für Asylsuchende der Region Basel (OeSa)». Als ich 1983 wegen des Bürgerkrieges in Sri Lanka in die Schweiz kam, waren die tiefen Temperaturen ein Schock für mich. Dafür habe ich den Empfang hier als warm empfunden. Ich war damals 23 und der einzige Ausländer in der Siebdruckerei. Nicht zuletzt durch das gemeinsame Feierabendbier mit meinen Arbeitskollegen habe ich sehr schnell deutsch gelernt. Ich hatte viel Glück in meinem Leben – das ist mir bewusst. Ein Stück davon möchte ich heute mit der Freiwilligenarbeit beim OeSa weitergeben. Meine Landsleute, die zu uns kommen, unterstütze ich unter anderem während des Asylprozesses. Zudem bietet der OeSa, neben Übersetzungshilfen, eine Kinderbetreuung an. Ich arbeite auch im Café, wo ich Asylsuchende verpflege und mich mit ihnen unterhalte. Dieser Kontakt gibt mir einen wertvollen Einblick in ihr Leben, wodurch ich besser vermitteln kann zwischen Asylsuchenden und der OeSa-Verantwortlichen. Die Aufgabe ist mir sehr wichtig, denn damit leiste ich einen wichtigen Beitrag für die Integration meiner Landsleute. Ich bin froh, dass ich heute mit Menschen zu tun habe, was nicht weniger beanspruchend ist als meine frühere Arbeit. Dafür aber kommt immer wieder mal ein Lächeln zurück.»

Christian Benz