WAS DIE MIGRATION DER SCHWEIZER WIRTSCHAFT BRINGTDie
Schweizer Wirtschaft
ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Mit dieser Entwicklung hat sich die Einwanderungspolitik
der Schweiz markant verändert. Hoch qualifizierte Zuwandernde treten immer mehr in den Vordergrund. Wer
in der Geschichtsstunde gut aufgepasst hat, weiss, dass es über die Jahrtausende immer wieder Hinweise
auf grössere und kleinere Migrationsbewegungen gibt. Nur haben wir sie im Unterricht anders benannt.
Völkerwanderung zum Beispiel. Trotzdem verfallen wir noch heute in Diskussionen der Versuchung, das
Phänomen Zuwanderung als neues Phänomen und Problem zu sehen. «Die aktuelle Diskussion ist zu stark
von der mo mentanen Rezession geprägt. Dabei ist etwa die Personenfreizügigkeit ein
langfristiges Projekt, das zur strukturellen Stärkung des Standorts Schweiz beiträgt», beobachtet Thomas
Daum, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes die aktuellen Auseinandersetzungen. «Wenn zudem
ohne Belege behauptet wird, die Personenfreizügigkeit treibe die Arbeitslosigkeit in die Höhe, gerät
die Diskussion vollends in die falschen Bahnen.» Dabei sind Migrantinnen und Migranten, vor allem mit
einem tieferen Bildungsniveau, von Erwerbslosigkeit 2-3 Mal häufiger betroffen als Einheimische. Wenn
jemand Angst vor der Verdrängung haben müsste, dann Zugewanderte selber. «Rückmeldungen zeigen uns,
dass die Angst unter den Migrantinnen und Migranten, die nicht aus der EU stammen, zunimmt, da mit den
Verschärfungen im Ausländerrecht bei Arbeitslosigkeit und Sozialfürsorgeabhängigkeit der Entzug der
Aufenthaltsbewilligung droht – selbst bei Migrantinnen und Migranten, die seit Jahren in der Schweiz
leben und hier ihren Lebensmittelpunkt haben», weiss Cristina Anliker Mansour, Verantwortliche für Migration
bei der Gewerkschaft UNIA. Persönliche, negative Erfahrungen sowie Ängste prägen den individuellen Alltag
stärker als theoretisches Wissen und langfristige Visionen. Umso mehr, wenn es um die Sorge der eigenen
wirtschaftlichen Existenz geht. So versteht auch Thomas Daum, «wenn die Be völkerung
spontan einen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit und der Personenfreizügigkeit herstellt, und
sich ‹bedroht› fühlt.» Gerade deshalb möchte er den Menschen die Zusammenhänge erklären «und darauf
hinweisen, dass nach allen bisherigen Untersuchungen die Arbeitskräfte aus den EU Staaten, für welche
die Personenfreizügigkeit gilt, die inländischen Arbeitnehmenden nicht verdrängt, sondern ergänzt haben.»
Die Zahlen scheinen Daum Recht zu geben. 2006 und 2007 wurden in der Schweiz über 150’000 neue Stellen
geschaffen – die meisten konnten nur dank Personal aus der EU oder anderen Ländern besetzt werden. Spitäler
oder die Tourismusbranche etwa würden ohne die ausländischen Arbeitskräfte kaum noch funktionieren.
«Die Gruppe der pflegebedürftigen Menschen wird im Verhältnis weiter zunehmen und der Schweizer Nachwuchs
in der Pflege allein ist zu gering», meint dazu Anliker Mansour. Von
Tunnelbauern zu Spitzenmedizinerinnen Dass die
Schweiz ein Zuwanderungsland ist, ist keine neue Erkenntnis. Nachdem im 19. Jahrhundert zuerst hunderttausende
Schweizerinnen und Schweizer das Land aus existenzieller Not verlassen mussten, wanderten noch mehr
Arbeitende aus anderen europäischen Ländern ein. Für die Aufgaben in sehr tiefen Lohnsegmenten, etwa
für den Jahrhundertbau Gotthardtunnel, haben die Wirtschaft und die Politik ausländische Helferhände
gerufen. «Schon immer war die Schweizerische Einwanderungspolitik
so konzipiert, dass sie der Wirtschaft dienen sollte. Früher waren es unqualifizierte Migrantinnen und
Migranten, heute sind es hochqualifizierte», erklärt Janine Dahinden, Professorin für transnationale
Studien an der Universität Neuchâtel. Sie fasst damit zusammen, wie sich der Bedarf an Arbeitskräften
im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert hat. Von den Arbeitern für die Landwirtschaft, das Baugewerbe
oder die Gastronomie hin zu Akademikerinnen und Forschern. Was heute die Regel ist, war früher die Ausnahme.
Aber schon die industrielle Entwicklung seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde stark von gut qualifizierten
Ausländern geprägt und Unternehmen gegründet, die heute als typisch schweizerisch gelten. Ein Beispiel:
1833 liess sich ein Deutscher Pharmazeut in Vevey nieder. Was sich aus seinem Tun am Genfersee entwickelt
hat und bis heute den Namen seines Gründers trägt, ist allerdings nicht französisch auszusprechen, sondern
schwäbisch: Nestlé. Mit diesem Hintergrundwissen macht auch das Logo des von Heinrich Nestle gegründeten
Nahrungsmittelkonzerns – ein Vogelnest(le) – Sinn und der Accent aigu im Schriftzug ist Symbol für Nestles
Integrationsbemühungen. Die
Wissensgesellschaft kennt keine Landesgrenzen Laut
Janine Dahinden ist der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften die logische Folge der Entwicklung von
der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Wissenserwerb und Ausbildungskonzepte haben sich international
immer mehr angeglichen. Viele Unternehmen operieren heute weltweit. «Die Wirtschaft folgt schon länger
nicht mehr den nationalen Grenzen, und die Migrationsformen haben sich in den letzten Jahrzehnten entsprechend
angepasst.» Als logische Konsequenz dieser Realität finden wir weltweit verschiedene Formen von Personen-freizügigkeit.
Auch dies allerdings keine neue Entwicklung, sondern eher eine Rückbesinnung, wie beispielsweise aus
den Notizen des Österreich-ischen Schriftstellers Stefan Zweig von 1942 zu entnehmen ist. «Ich ergötze
mich immer wieder neu an dem Staunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzähle, dass ich vor 1914 nach
Indien und Amerika reiste, ohne einen Pass zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben.» Von den
durch einzelne Abkommen wieder erlangten Freiheiten machen auch Schweizerinnen und Schweizer regen Gebrauch.
Mittlerweile leben über 685’000 Eidgenossen ausserhalb der Landesgrenzen, vornehmlich in Frankreich
(179’106) und Deutschland (76’500). Das sind rund 100’000 mehr, als noch vor neun Jahren. Chancen
und Herausforderungen für die Zukunft Die hohen
Ausbildungskosten der Zuwandernden tragen in den allermeisten Fällen die Herkunftsländer und die hiesige
Wirtschaft kommt ohne Aufwand zu diesem Wissen. Ein Prozess, unter dem andere Länder leiden und von
dem die Schweiz doppelt profitiert. Die hier lebenden Ausländerinnen und Ausländer, aber auch eingebürgerte
Menschen mit Migrationshintergrund bilden ein vielseitiges und innovatives Fundament und somit einen
Standortvorteil im internationalen Kampf um die besten Köpfe. Daneben schaffen sie als Unternehmerinnen
und Unternehmer in der Tradition von Nestlé teilweise auch Arbeitsplätze. Janine Dahinden kennt das
qualitative Potenzial dahinter: «Sehr heterogene Teams, also Arbeitsgruppen mit Menschen unterschiedlicher
ethnischer oder nationaler Herkunft, Altersstufen sowie unterschiedlichen Geschlechts, legen erwiesenermassen
überdurchschnittliche Innovationskraft an den Tag. Dieses Potenzial könnte man auch in Arbeitsgemeinschaften
mit weniger gut qualifizierten Mitarbeitenden vermehrt nutzen. Von der Zuwanderung gut ausgebildeter
Menschen profitieren aber auch Arbeitnehmende ohne grossen Schulrucksack: Indem gut Ver-dienende vermehrt
häusliche Arbeit wie Putzen oder Hemden bügeln in Auftrag geben und nicht selber erledigen. Der Bedarf
an Arbeitskräften in diesen Bereichen nimmt also parallel ebenfalls zu», ergänzt die Wissen-schaftlerin
und gibt zu bedenken, «dass sich die Integrationsforderungen an hoch qualifizierte Menschen in der Schweiz
immer mehr unterscheiden von denjenigen an einfache Leute. Wer verlangt schon von einem Manager, dass
er Deutsch lernen soll?» Eine Entwicklung, die neben anderen Herausforderungen in den Diskussionen um
Integration und Anpassung zu diskutieren sei, «denn in einem demokratischen Rechtsstaat dürften wir
diesbezüglich keine Unterschiede machen.» Philipp
Grünenfelder Illustration: Marino Beleffi WER
DARF DANK DER PERSONENFREIZÜGIGKEIT MIT DER EU IN DIE SCHWEIZ KOMMEN?Eine
Aufenthaltsbewilligung erhält nur: • wer einen gültigen Arbeitsvertrag
hat, • wer selbstständig erwerbend ist (Kontrolle der Selbstständigkeit
durch die Schweizer Behörden), • wer als Nichterwerbstätiger genügend
finanzielle Mittel für den Lebensunterhalt hat (Kontrolle durch die Schweizer Behörden) und umfassend krankenversichert ist. Wer
keine dieser Bedingungen erfüllt, kann sich nicht in der Schweiz niederlassen. (Quelle:
Staatssekretariat für Wirtschaft SECO) UNTERSTÜTZUNG
BEIM SCHRITT IN DIE SELBSTÄNDIGKEITSich selbstständig
machen heisst in der Regel, aus einem Anstellungsverhältnis herauszutreten. Es kann aber auch heissen,
sich von der Abhängigkeit von der Arbeitslosenkasse oder der Sozialhilfe zu befreien. Beide Absichten
verfolgen auch immer mehr Migrantinnen und Migranten. Die Non-Profit-Organisation GO! unterstützt Menschen,
die diesen Schritt wagen. «GO! will Selbstständigkeit ermöglichen. Mit Beratung bei der Vorbereitung,
einem Mikrokredit zum Starten und einem Mentoring während den ersten Betriebsjahren», erklärt Ruedi
Winkler, Präsident des Vereins, die Ziele. «Für GO! stehen die Person und ihr Projekt im Mittelpunkt,
nicht bankenübliche Sicherheiten.» Der Kredit kann an Personen, welche in Zürich oder in einem der angrenzenden
Kantone wohnen gesprochen werden. Weitere Informationen:
www.gozielselbststaendig.ch (PhG) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||







