VIER GESICHTER – VIER ERFOLGSGESCHICHTEN


Über missglückte Integration liest man viel. Dabei tragen Migrantinnen und Migranten genauso ihren Teil zur Entwicklung der Schweizer Wirtschaft oder zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei. Nur wenige möchten dabei ins Rampenlicht treten und die meisten arbeiten unbeachtet von der Öffentlichkeit an ihren Projekten. MIX konnte stellvertretend für viele andere vier unterschiedliche Menschen für ein Porträt gewinnen. Die Gemeinsamkeit, die sie teilen: Sie sind innovative und erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer.


DIE GERÜSTLEITER EMPOR
Ivan Kapulica gründete ein Gerüstbauunternehmen.

«Wer ein Geschäft aufmacht, wird zu einem Bobfahrer», so Ivan Kapulica. «Einmal losgefahren, muss die Linie gehalten werden, ansonsten rutscht man sehr schnell aus der Bahn.»
Diese zielstrebige Fahrt nahm der 52-jährige gebürtige Kroate im Gerüst-baugeschäft im Jahr 1989 auf. Nachdem er zuvor in Deutschland eine Lehre gemacht und in der Schweiz als Saisonier gearbeitet hatte, kam in ihm der Wunsch auf, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Nach Erfahrungen in einer Autowerkstatt, einer Schlosserei und in der Gastronomie fand er sich im Gerüstbaugeschäft wieder. Wie es dazu kam? Kapulica lacht: «Ich habe mir überlegt, was niemand gerne macht. Der Gerüstbau als schwere und unbeliebte Arbeit bot sich geradezu an.» Er nahm einen Kredit auf, verkaufte das neue Auto und legte sich einen alten Opel Kadett zu. Die Rückbank der alten Kiste musste dem Arbeitsmaterial weichen. «Im ersten Monat blieben mir gerade mal 300 Franken zum Leben übrig, und es dauerte zwei Jahre, bis das Geld schliesslich für einen neuen Wagen mit Anhänger reichte.»
Man müsse die schlechten Zeiten aushalten können, weiss Kapulica, «und neben dem starken Durchhaltewillen muss ein Flair für das Handwerkliche genauso wie für das Kaufmännische und Organisatorische vorhanden sein.»
Auch das Kreative kommt nicht zu kurz. Vorallem die moderne Architektur stellt besondere Anforderungen an seinen Betrieb. Basierend auf einem Bestand von 500’000 m2 Gerüstmaterial wird für jedes Gebäude eine massgeschneiderte Lösung geplant und aufgebaut. 60 Festangestellte und bis zu 80 temporäre Mitarbeitende sind für die Qualität der Kapulica-Gerüste verantwortlich. Sie prägen wohl auch in Zukunft die Baulandschaft der Region Basel, denn trotz Konkurrenz wird Kapulica seiner Fahrlinie zielgerichtet folgen.

www.kapulica.ch



ERFOLG IM ANZUG
Sunita Kunsanthia entwirft erschwingliche Männeranzüge.

Irgendwann hat Sunita Kunsanthia beschlossen, das zu tun, was ihr am meisten Spass machte: Herren einkleiden. «Im Bereich Mode sind die Frauen sehr ver-wöhnt», hält die junge Frau fest, «bei den Herren fehlt dagegen noch einiges auf dem Markt». Als sich die heute 28-jährige vor sechs Jahren selbstständig machte, richtete sie ihr Augenmerk deshalb auf eine dieser Marktlücken und fand sie in massgeschneiderter und dennoch erschwinglicher Männermode.
Beraten und Mass genommen wird in einem der Showrooms in Zürich, Basel oder Bern. Gefertigt werden die Anzüge in Bangkok, in der Stadt, die Kunsanthia, halb Inderin, halb Thailänderin, mit 14 Jahren verlassen hat, um in der Schweiz eine Ausbildung als Mode-Verkäuferin zu machen.
Obwohl sie weder viel Kapital noch kaufmännisches Know-How besass, gab sie nur neun Jahre nach der Niederlassung in der Schweiz ihren Job auf und mietete einen ersten Showroom in Zürich – in der Hoffnung, ihren Traum so lange wie möglich zu leben. Kein verwegener Wunsch, denn in ihrer Kartei führt Kunsanthia bereits über 3’550 Kunden, die regelmässig bestellen.
Die wichtigste Unterstützung erhält die junge Unternehmerin von ihrer Familie. «Ich sehe «sunitasuits» darum auch als ein Familienunternehmen. Meine Schwester arbeitet an meiner Seite, während unser Vater die Produktion in Bangkok kontrolliert.»
Als Basis des Erfolgs sieht Kunsanthia neben Kreativität das richtige Kal-kulieren: «In den letzten fünf Jahren habe ich gelernt, dass nicht alle Ziele zu erreichen sind. Darum plane ich heute nur noch, was auch möglich ist.» Und setzt sich gleich ein neues Ziel: «In den nächsten zwei Jahren will ich meine Anzüge an weitere 2’000 Männer liefern können.»

www.sunitasuits.ch



IM RHYTHMUS ZU HAUSE
Samir Essahbi singt und organisiert Workshops.

«Jeder Mensch und jede Kreatur, die ein Herz hat, trägt den Rhythmus in sich», ist sich Samir Essahbi sicher, «nur nehmen ihn viele nicht mehr wahr.» Um das Rhythmusgefühl wieder zu wecken, führte der 47-jährige marokkanisch-schweizerische Doppelbürger in der ganzen Schweiz Workshops durch. Ob Mitarbeitende einer grossen Firma oder einzelne Schulklassen, alle brachte er sie mit einfachen Stöcken dazu, aus sich herauszugehen und offener aufeinander zuzugehen. Den bisher grössten Workshop führte er mit 3000 Menschen durch.
Essahbis Instrumente sind die Trommeln. Sie begleiten ihn seit seiner Geburt. «Schon immer hat meine Mutter im Familienkreis Trommeln gespielt und gesungen und so zwei wichtige Fäden in mein Leben hineingewebt.» In Marokko hat sich Essahbi schon als Jugendlicher mit der Musik einen Namen gemacht, den man selbst in Frankreich kannte. Dorthin holte man ihn für ein halbes Jahr. Geblieben ist er aber gleich zwei, bis er sich in der Schweiz in eine Pianistin verliebte. Dem Ruf des Herzens folgte er in den Kanton Bern, wo er mit ihr und den beiden Töchtern noch heute lebt.
«Jemand hat ein Haus und plötzlich steht er auf der Strasse», vergleicht Essahbi den schwierigen Neuanfang als Musiker in der Schweiz. Heute tritt er mit seiner Band auf grossen Festivals auf oder verfolgt gemeinsame Projekte mit Schweizer Rappern wie Greis. Auch hat er als erster Musiker das Schweizer-deutsch mit Arabisch verbunden.
Sein neuestes Album wurde zur Jahreswende in Marokko aufgenommen. So ganz fühlt er sich in Nordafrika aber nicht mehr zu Hause. Und in der Schweiz bleibt umgekehrt immer die Sehnsucht nach der alten Heimat. Einen Ort aber gibt es, der gänzlich seine Welt ist: Wenn er den Geruch der Instrumente im Probenraum wahrnimmt, ist er daheim.
www.samiressahbi.com



DIE SONNEN-WENDE
Cemal Sarica engagiert sich für nachhaltige Energie.

Dass der Bund wieder auf Atomkraftwerke setzen will, kann Cemal Sarica nicht verstehen, «wo doch die Solarenergie der Umwelt gerechter wird.» In der Bevölkerung selbst finde hingegen ein Umdenken statt und die Nachfrage nach Solarprodukten sei steigend.
Mit 10 Jahren ist Cemal Sarica aus der Türkei in die Schweiz gekommen. Seit Ende der Schulzeit ist der vielseitige Mann Unternehmer, ob in der Gastronomie oder im Handel. 1998 gründete er die Firma SBH, die ursprünglich als Gene-ralunternehmung Altbauten renovierte und sanierte. Gleichzeitig begann sich Sarica für die Solarenergie zu interessieren. «Nach einer langen Findungszeit, in der ich geeignete Produkte gesucht und mir umfangreiches Wissen angeeignet hatte, legte ich die Ausrichtung meiner Firma neu fest», blickt er zurück.
Cemal Sarica ist sicher, dass Sonnenenergie die Energie der Zukunft ist. «Jedoch haben viele Menschen das Vorurteil, dass sie unbezahlbar ist. Um dieses abzubauen, ist es wichtig, die Produkte möglichst günstig zu verkaufen.» Hilfreich in diesem Prozess ist, dass der Bund die Erzeugung von Solarenergie mit Förderungsbeiträgen unterstützt.
Dass der Markt im letzten Jahr viel Potential entwickelt hat, spürt Cemal Sarica an der steigenden Zahl der Aufträge und entsprechender Zusatzbelastung. Unterstützung erhält er von seiner Frau, die den Bereich Finanzen übernommen hat. Gleichzeitig konnte er zwei weitere Arbeitsplätze schaffen. «Die Selbst-ständigkeit gibt uns sehr viel Freiheit, auch wenn das heisst, dass die Arbeit manchmal am Abend nach Hause mitgenommen wird.»
Beide blicken zuversichtlich in die Zukunft: Es gelte ja noch viele Flächen mit Solarplatten zu bedecken. «Allein die Dächer der Schweiz», ist das Ehepaar Sarica überzeugt, «könnten ganz Europa mit Energie versorgen.»

www.sbh-solar.com

Texte: Aleksandar Radic, Fotos: David Haas