«OHNE ZUWANDERUNG WÄRE UNSERE INDUSTRIE NICHT SO STARK
GEWACHSEN.»Serge
Gaillard mit Weitsicht. Foto: SECO In
Phasen wirtschaftlicher Unsicherheit wird die Diskussion über die Zuwanderung und den Konkurrenzkampf
um Arbeitsplätze heftiger geführt. Was dies für die Schweizer Arbeitswelt heisst, beobachtet das Staatssekretariat
für Wirtschaft SECO besonders aufmerksam. Serge Gaillard, Leiter der
Direktion für Arbeit im SECO, beurteilt für MIX die aktuelle Lage. MIX:
Wo liegen die Vorteile der Personenfreizügigkeit mit der EU für die Schweizer Wirtschaft? Serge
Gaillard: Die Personenfreizügigkeit hat es der Schweizer Wirtschaft in den Jahren vor der Krise ermöglicht,
sehr stark zu wachsen. Wenn wir über gut ausgebildete Personen aus dem In- und Ausland verfügen, können
wir alle in grossem Mass vom Weltwirtschaftswachstum profitieren. Die
Zuwanderung ist also ein Zeichen für wirtschaftlichen Erfolg? Die
Schweiz ist ein wettbewerbsfähiges Land mit einer hohen Lebensqualität. Wir sind für Einwanderer aus
Europa attraktiv. Gleichzeitig tragen die Einwandernden wiederum zur Entwicklung unserer Wirtschaft
und Gesellschaft bei. Die Schweiz hat nicht nur eine innovative Wirtschaft – unsere Gesellschaft ist
dynamisch. Gibt es dafür
ein konkretes Beispiel? Unsere Industrie hätte
in den letzten Jahren nie so stark wachsen und Arbeitsplätze schaffen können, wenn nicht
Ingenieure und Techniker in grosser Zahl in die Schweiz eingewandert wären. Gleichzeitig wurden in der
Indu-strie sehr viele Ausbildungsplätze für Jugendliche geschaffen. Und die enge Zusammenarbeit zwischen
einer starken Industrie und unseren Hochschulen verbessert unsere Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit. Kann
man den Erfolg auch in Zahlen ausdrücken? Die
Schweiz hat in den drei Jahren vor der Krise mehr als 250’000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Dank der
guten Konjunktur im Inland und der Einwanderung sind wir insgesamt verhältnismässig wenig von der Krise
getroffen worden. Sie dürfen nicht vergessen, dass Migrantinnen und Migranten hier
nicht nur ihr Geld verdienen, sondern es auch ausgeben. Sie tragen dazu bei, dass wieder neue Arbeitsplätze
geschaffen werden. Das starke Wachstum und die Einwanderung haben übrigens auch unsere Sozialversicherungen
gestärkt. Es gibt aber
bestimmt nicht nur Vorteile? Die Bevölkerung
ist wegen der Einwanderung stärker gewachsen als in klassischen Einwanderungsländern wie etwa den USA.
Das erhöht den Bedarf an Wohnungen und Investitionen in die Infrastruktur. Ohne Investitionen wird es
eng. Gleichzeitig müssen wir uns vermehrt mit Personen aus anderen Herkunftsländern auseinandersetzen,
was nicht von allen gleich positiv beurteilt wird. Die einen lieben stark wachsende dynamische Agglomerationen,
andere sähen lieber eine langsamere Entwicklung. Verdrängen
zugewanderte Arbeitskräfte in der Rezession die Einheimischen? Dafür
gibt es bisher kaum Anzeichen. So ist die Arbeitslosenquote der Schweizer sehr tief. Und die Arbeits-losenquote
ist in dieser Krise nicht besonders stark gestiegen. Wir verfolgen diese Frage aber aufmerksam. Was
bereitet den Menschen neben der Angst um Arbeitslosigkeit am meisten Sorgen? In
anderen Ländern sind die Einkommen tiefer und manche sind bereit, zu tieferen Löhnen in die Schweiz
zu kommen. Deshalb verlangt das Gesetz, dass die Unternehmungen bei Anstellungen orts- und berufsübliche
Löhne bezahlen. In gefährdeten Branchen existieren auch Gesamtarbeitsverträge mit Mindestlöhnen. Sie
schützen vor Lohnunterbietung. Interview:
Philipp Grünenfelder | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||







