SCHWEIZER BLÄTTERTEIG FÜR EUROPÄISCHE MUSLIME



Für die ganze Welt. Néstle-Werk Wangen. Foto: z.V.g.


Gemäss den Speisevorschriften des Korans dürfen Muslime keine Lebensmittel konsumieren, die Schweinefleisch, Blut oder Alkohol enthalten. Das ist bei vorproduzierten Lebensmitteln nicht
einfach. Die Nachfrage nach so genannten «Halal-Produkten» eröffnet auch dem Nestlé-Werk in
Wangen bei Olten neue Absatzmöglichkeiten. Fabrikdirektor Bertram Decker erzählt, wie die
«Leisi» Tradition und Innovation vereint.


Wer kennt ihn nicht, den Werbespruch aus den achtziger Jahren: «Dä Teig no sälber mache, nei Si, nämed Si de Quick vom Leisi.» Vor über 25 Jahren gelang Walter Leisi mit dem Leisi Quick ein Durchbruch, den die veränderten Lebensgewohnheiten von Herr und Frau Schweizer erst ermöglichten: Immer mehr Berufstätige verlangten nach schnelleren Zubereitungsmög-lichkeiten von Nahrungsmitteln. Mit dem weltweit ersten fertig ausgerollten Frischteig kam Leisi diesem Bedürfnis entgegen und trägt ihm bis heute Rechnung.


Vom Schweizer Traditionsbetrieb zum globalen Konzern

Hergestellt wird der Leisi-Teig bis heute im Werk in Wangen bei Olten, einem Dorf mit rund 4’600 Einwohner-innen und Einwohnern. Zwar bürgt die Traditionsmarke nach wie vor für Schweizer Backqualität, doch die Fabrik in Wangen gehört längst zum multinationalen Nestlé-Konzern. Auch steht nicht mehr überall, wo Leisi drin ist, Leisi drauf: Je nach Produkt und Land liegen die gekühlten Teige aus Wangen als Buitoni-Pizza- oder Herta-Blätterteig in den Verkaufsregalen.
Doch nicht nur die Namen auf den Verpackungen sind international ge-worden. Auch der einstige Familien-betrieb ist gewachsen und multinational geworden: Inzwischen verlassen die Fabrik pro Jahr gut 100 Millionen Packungen Teig, fast 90 Prozent davon ins Ausland. In Wangen arbeiten im Mehrschichtbetrieb über 400 Personen aus 26 verschiedenen Nationen.


Leisi Quick in Halal-Qualität

Seit 2008 ist der Islam in Wangen nicht nur durch das umstrittene Mina-rett präsent, sondern auch bei Leisi ein Thema: Leisi stellt so genannte «Halal-Produkte» her.
Nach den Speisevorschriften des Korans sind Lebensmittel eingeteilt in «halal» und «haram», in erlaubt und verboten. Verboten sind Schweine-fleisch, Blut und Alkohol. Nicht ganz einfach zu befolgen in Zeiten moderner Lebensmittelproduktion. Denn Produkte wie Bouillon, Gelatine und namentlich Fertig- und Halbfertig-produkte enthalten unzählige Inhalts-stoffe, in denen sich oft tierische Fette verbergen.
Beim Leisi-Teig liegt das Problem bei der Konservierung. «Normaler» Leisi-Teig wird mit Alkohol haltbar gemacht. Der verdampft zwar zum grössten Teil, aber eben nicht ganz. Deshalb konserviert Leisi den Teig in Halal-Qualität mit Kaliumsorbat.


Produkte in Halal-Qualität: ein boomender Markt

Bei Nestlé werden schon seit den 1980er Jahren diverse Produkte in Halal-Qualität produziert und generieren mittlerweile fünf Prozent des Gesamtumsatzes. Wangen ist eines von 85 halal-zertifizierten Nestlé-Werken auf der ganzen Welt.
Produkte, die den Speisevorschriften des Korans entsprechen, sind ein boomender Markt. Jeder fünfte Mensch auf der Welt ist Muslim, Tendenz steigend. Im Fall von Leisi war es der französische Hersteller Herta, der mit der Anfrage nach halal-konformem Fertigteig auf die Werkleitung zukam.
Der Teig aus Wangen wird in die europäischen Nachbarländer exportiert und ermöglicht es vor allem den Muslimen in Frankreich, Quiche und andere Backwaren gemäss den Weisungen des Korans zu backen. In der Schweiz ist der Halal-Teig von Leisi vorerst noch nicht erhältlich. Je nach Marktbedürfnis könnte sich das laut Bertram Decker aber bald ändern.
Wie schon beim Verkaufshit in den Achtzigern ist auch die Produktion von Leisi-Teig in Halal-Qualität aus einem Bedürfnis des Marktes und dem Bestreben entstanden, Kundinnen und Kunden zufrieden zu stellen. Dieses gemeinsame Ziel, in Kombi-nation mit gegenseitigem Respekt und Vertrauen, ist laut Bertram Decker verantwortlich für das gute, fast familiäre Betriebsklima in Wangen – und nicht zuletzt wohl auch für die Ent-wicklung vom Schweizer Familien-unternehmen zum globalen Produktionsbetrieb.
Nora Regli


GELEBTE WERTE MIT FAMILIENTRADITION


Bei Mondaine arbeiten Menschen unterschied-licher Herkunft. Foto: z.V.g.


Anfang März konnte der Schweizer Uhrenhersteller Mondaine die Eröffnung seines neuen Produktions- und Distributionswerkes im solothurnischen Biberist feiern. Direktor Ronnie Bernheim bleibt auch
im neuen Umfeld seinen Werten treu und setzt sich für eine vielfältige Arbeitnehmerschaft und gegen Rassismus ein.


Die Mondaine Group begann klein: Einige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg gründete der gelernte Schneider Erwin Bernheim den Familienbetrieb «Frank&Bernheim» und handelte mit Uhren. Doch Erwin Bernheim wollte «Volksuhren» herstellen, die für den Normalbürger erschwinglich und dennoch zuverlässig sein sollten. In der Gemeinde Zuchwil/SO fand er einen Partner, der ihm den Dachboden des Turnvereins zur Verfügung stellte. Geschäftsidee und Standort bewährten sich, so dass Erwin Bernheim schon in den sechziger Jahren in Biberist eine Uhrenfabrik bauen liess.
Inzwischen hat sich der Familienbetrieb mit seinen Marken wie Mondaine, der Bahnhofsuhr fürs Handgelenk und der M-Watch (Schweizer Distribution exklusiv bei Migros) zum globalen Unternehmen entwickelt. Einige Merk-male jedoch sind seit der Gründung konstant geblieben: Nach wie vor ist Mondaine ein von den Eigentümern geprägtes Unternehmen, das in der zweiten Generation von den Brüdern André und Ronnie Bernheim geleitet wird. Auch dem Produktionsstandort Schweiz ist Mondaine treu geblieben, hohen Lohnkosten und Globalisierungstendenzen zum Trotz. Mit dem Neubau in Biberist wurden sogar zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen.


Multikulturelles Miteinander durch gemeinsame Werte

Im Werk in Biberist wird nicht nur produktiv gearbeitet, sondern es werden auch Werte gelebt. Allerdings ist die Firma auch hier dem allgemeinen Trend nicht gefolgt: Niederschriften dieser Werte wie ein Corporate Res-ponsibility-Bericht oder ein Leitbild sucht man vergebens. Der gegenseitige Respekt vor den Mitmenschen, unabhängig auf welcher Hierarchiestufe sie stehen und welcher Kultur und Religion sie angehören, ist bei Mondaine einfach gelebter Arbeitsalltag.
Wie in anderen Produktionsbetrieben, arbeiten in Biberist Menschen unterschiedlicher Herkunft und verschiedener kultureller und religiöser Prägungen. Das ist im Fall von Mondaine jedoch, wie Direktor Ronnie Bernheim hervorhebt, nicht Zufall, sondern Absicht. Letztlich kommt die Vielfalt und Lösung von Konflikten nicht nur der Mitarbeitergemeinschaft in Biberist zugute, sondern auch dem gesamten Unternehmen. «Wie können wir Kunden in allen diesen Ländern verstehen und bedienen, wenn es uns nicht gelänge, uns unter dem eigenen Firmendach zu verstehen und menschliche Differenzen positiv zu nutzen?» ist Ronnie Bernheim überzeugt.
Darin kommt nicht zuletzt seine eigene Grundhaltung zum Ausdruck, die sich in seinen Arbeitserfahrungen in Brasilien und Fernost bestätigt hat. Nicht umsonst ist der 60-jährige Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus GRA. Soweit möglich, möchte er zwar Geschäft und ehrenamtliches Engagement getrennt wissen; dennoch schlagen sich die übergreifenden Werte – ganz Familienbetrieb mit Tradition – im Unternehmen nieder.

Nora Regli

Weitere Informationen:
www.mondaine.ch


GRA – DIE STIFTUNG GEGEN RASSISMUS UND ANTISEMITISMUS

Seit 35 Jahren setzt sich die GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen Diskriminierung und für friedliches Zusammenleben in der Schweiz ein. Mit nationalen Werbekampagnen und Lehrmitteln sensibilisiert sie die Bevölkerung für Toleranz und gegenseitige Verständigung. Jährlich veröffentlicht sie zusammen mit der «Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS)» eine Chronologie und Analyse rassistischer Vorfälle in der Schweiz. Seit 2010 gibt sie ausserdem ein Online-Glossar historisch belasteter Begriffe heraus. In der Nachfolge von Sigi Feigel steht Ronnie Bernheim der Stiftung seit 2004 als Präsident vor.