FAIRNESS AT WORK –NICHT EINFACH PUTZFRAU


Pia Tschannen und Raifa Mustafic mit «sauberen» Jobs. Foto: z.V.g.


Migrantinnen und Migranten bekunden oft Mühe, interessante und gut bezahlte Arbeit zu finden. Einige Jobs bewegen sich sogar im Graubereich der Legalität oder in einem sehr tiefen Lohnsegment. Dabrunter leidet die Ver- und Absicherung der Erwerbstätigen. MIX stellt ein Projekt zur Eingliederung in die legale Arbeitswelt und seine Protagonistinnen vor.

Vor rund fünf Jahren gründeten Pia Tschannen und Hansjürg Geissler die Firma fairness at work. Sie ist das Produkt vom Wunsch, ihre bisherigen Arbeitsschwerpunkte und Interessen in einer Beratungsfirma zu konzentrieren, die sich sowohl theoretisch wie praktisch um das Thema Fairness in der Arbeitswelt kümmert. «Es war und ist unser erklärtes Ziel, auf verschiedenen Ebenen für gerechte Arbeitsbedingungen einzustehen. Unser Angebot reicht von der Ausbildung und Beratung bis zur Umsetzung konkreter Projekte», erläutert die Bernerin die Firmenphilosophie. Tschannen und Geissler nehmen sich so aktuellen Themen am Arbeitsmarkt an, beispielsweise der Legalisierung von Schwarzarbeit oder dem Aufbau von Personalvermittlungsangeboten für ältere Erwerbstätige.


Erfolgsgeschichte «proper job»

Eines ihrer etablierten Projekte heisst «proper job». Mit dem Angebot schaffen die beiden primär legale und faire Anstellungsbedingungen für Putz-frauen und Haushaltshilfen. Diesen Arbeiten soll damit gleichzeitig mehr Wertschätzung verliehen werden. Die Nachfrage war so gross, dass «proper job» nach nur vier Jahren bereits 230 Reinigungskräfte in der ganzen Schweiz beschäftigt – rund zwei Drittel davon mit Migrationshinter-grund. «Wir haben den Eindruck, dass unsere Mitarbeitenden zufrieden sind, da bei uns eine im Branchenvergleich tiefe Fluktuation besteht. Unsere guten und anständigen Arbeitsbedingungen werden offenbar geschätzt. Es darf aber auch nicht darüber hinweg täuschen, dass die Reinigungsarbeit noch immer zu wenig Wertschätzung erhält und dass viele Mitarbeitende lieber in einem anderen Beruf stehen würden», so Tschannen.


Schwierige Weiterentwicklung

Für motivierte Mitarbeitende, die sich weiterentwickeln möchten, sieht die Ausgangslage zwiespältig aus. «Wir arbeiten am Aufbau eines verbesserten Betreuungssystems», so Tschannen, «es ist aber eine schwierige Aufgabe.» Für Migrantinnen und Migranten, die noch nie in der Schweiz gearbeitet haben, sei es wichtig und nützlich, erstmal einen Einstieg zu finden. Das heisst, eine Arbeitsbewilligung zu erhalten und erste Arbeitserfahrungen zu machen. Immer noch scheitern sehr viele Angestellte an Sprachbarrieren oder an nicht anerkannten beruflichen Diplomen (vgl. Seite 24). Die 27-jährige Bosnierin Raifa Mustafic lebt seit knapp 20 Jahren in der Schweiz und kennt die Probleme. Sie wäre gerne Kleinkinderzieherin geworden, arbeitet nun aber seit vier Jahren bei fairness at work. «Leider erhielt ich keine Lehrstelle als Kleinkind-Erzieherin – ich war damals auch noch nicht eingebürgert. Meine Arbeit bei fairness at work schätze ich allerdings, weil ich sehr selbständig und frei arbeiten kann. Mein Wunsch wäre es aber, das Putzen und die Arbeit mit Kindern verbinden zu können», erzählt sie. Gute Arbeitsbedingungen, existenzsichernde Löhne und Sozial-leistungen können dazu beitragen, dass der Alltag erleichtert wird. Nur so bleibt den Beschäftigten auch Energie und Zeit, einen Deutschkurs zu belegen, eine Weiterbildung zu absolvieren oder schlicht die Zeit für die eigene Familie und die Erholung zu nutzen. Pia Tschannen hofft, «dass wir es schaffen, mit unserem motivierten Team und einer effizient organisierten Geschäftsstelle diese junge Firma am Markt zu positionieren und für gute Arbeitsbedingungen einzustehen, auch wenn es in sozial ausgerichteten Projekten wie bei «proper job» oftmals ein finanzielles Abenteuer auf sehr dünnem Eis ist.»

Rea Wittwer

Weitere Informationen:
www.fairness-at-work.ch


DER INTERNATIONALE MIKROKOSMOS THEATER


Die Schauspielerei hat Sabine Martin auf die Bühne des Berner Theaters geführt. Foto: z.V.g. g.


Im Berner Stadttheater trifft sich seit über hundert Jahren die grosse weite Theaterwelt – Künstlerinnen und Künstler aus über 25 Ländern arbeiten zur Unterhaltung des Publikums. Sie geben der Bühneninstitution jene Aura der Internationalität, die sie auszeichnet. MIX hat bei dreien von ihnen nachgefragt, wie es ist, in einem kulturellen Schmelztiegel zu arbeiten.


Die roten Plüschsessel im imposanten, mit goldverzierten Ornamenten versehenen Zuschauerraum des altehrwürdigen Stadttheaters am Kornhausplatz können viele Geschichten erzählen. Von tratschendem Geflüster zwischen Premierengästen etwa. Aber vor allem von der Faszination Theater, die die Zuschauer bei jeder Vorstellung aufs Neue in ihren Bann zieht. Verantwortlich dafür zeichnen in erster Linie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters, die mit grossem Engagement und noch mehr Herzblut dafür sorgen, dass der Funke ihrer Theaterleidenschaft auf das Publikum überspringt.

Sobald der Vorhang fällt, werden die Beklatschten, die eben noch «La Traviata» oder «Der Gott des Gemetzels» zum Besten gegeben haben, zu ganz normalen Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen. Über 250 Mitarbei-terinnen und Mitarbeiter aus mehr als 25 Ländern finden an der Berner Institution ihr Auskommen. Dabei wird schnell ersichtlich: Die Welt des Theaters ist eine internationale. Debatten über einen (vermeintlichen) Überschuss an ausländischen Arbeitskräften sucht man hier vergeblich. Nationale Unterschiede spielen kaum eine Rolle. Hier verbindet vor allem eines: die Liebe zum Theater.
«Meine Heimat sind nicht Länder, sondern die Menschen am Theater», sagt Sabine Martin, die seit zweieinhalb Jahren Mitglied des Berner Schauspielensembles ist. Die Schauspielerin ist seit ihren Lehrjahren in München und Essen schon viel herumgekommen. Für Sie war es kein grosses Problem, ihre Heimatstadt zu verlassen. Auch wenn Sie zugeben muss, dass dann und wann etwas Sehnsucht nach der Heimat aufkommt: «Etwas verloren fühlt man sich in diesem Beruf manchmal schon, allerdings entschädigen die wundervollen Begegnungen mit Menschen und die spannende künstlerische Arbeit für vieles», erklärt Martin.
Auch der Balletttänzer Erion Kruja kennt den Zwiespalt zwischen positiven und negativen Aspekten des künstlerischen Nomadenlebens. «Am Anfang war es schon schwer, die Familie und all meine Freunde zurückzulassen», meint der gebürtige Albaner. Zu reisen und neue Erfahrungen zu machen war aber schon immer sein Traum. Deshalb fällt es ihm heute auch nicht mehr so schwer, fern der Heimat zu arbeiten. Über seine Erfahrungen im internationalen Arbeitsumfeld weiss er denn auch nur Positives zu berichten. «Das Leben an unterschiedlichen Orten und das Kennenlernen von verschiedenen Tanzstilen, Tänzern und Choreographen hatte auf jeden Fall einen gewichtigen Einfluss auf mein eigenes künstlerisches Schaffen», erklärt Kruja.

Als Schweizerin gehört Anna Bucher am Stadttheater einer Minderheit an. Gestört fühlt sie, die selber im Ausland gewirkt hat, sich dadurch aber nicht –im Gegenteil. Sie will dem internationalen Umfeld gar keine allzu grosse Bedeutung beimessen: «Im Vordergrund steht für mich die gemeinsame Arbeit», sagt die 25-jährige Bühnen-bildassistentin, die seit 2008 in Bern arbeitet. Und genau da sei der interkulturelle Mix eher Vor- als Nachteil: «Menschen aus verschiedenen Ländern bringen oft auch neue Ideen oder Sichtweisen mit, das empfinde ich als sehr bereichernd.»
Alle drei bezeichnen Sie ihren Arbeitsort als eine Art «Ersatzfamilie» oder als «Inspirationsquelle». So scheint der Mikrokosmos des Theaters ein Rollenmodell für eine positive, sich gegenseitig respektierende interkulturelle Gemeinschaft zu sein, wo die Herkunft und gegenseitige Vorurteile keine Rolle spielen, sondern einzig und allein die Menschen und deren gemeinsame Ziele.

Fabian Vetsch

Weitere Informationen:
www.stadttheaterbern.ch