DIE MODERNEN ARBEITSNOMADEN



Vermittelt und unterstützt: Gioia Jauslin. Foto: z.V.g.


International tätige Firmen wie Novartis rekrutieren ihre Mitarbeitenden bewusst nicht nur in der Schweiz. Wer heute wettbewerbsfähig sein will, holt sich seine qualifizierten Fachkräfte aus der ganzen Welt. Dass sich dadurch ganz neue Geschäftsideen etablieren, beweist Gioia Jauslin, die Ende 2009 ihre Relocation-Agentur enjoy’a welcome service im Basler St. Johann Quartier eröffnet hat.


Ob Expats, die nur mit einem befristeten Arbeitsvertrag in die Schweiz kommen oder Arbeitskräfte, die langfristig in der Schweiz tätig sind – sie alle haben eines gemeinsam: Für ihren Beruf reisen die Arbeitsnomaden um die ganze Welt. Und wenn ihre Reise sie nach Basel verschlägt, kann es schon sein, dass sie bei der 35-jährigen Gioia Jauslin landen, die es zu ihrem Beruf gemacht hat, ausländische Fachkräfte von Basler Pharma-Unternehmen zu betreuen. «Wir kümmern uns um die Wohnungssuche, zeigen ihnen, wo in ihrem Quartier Einkaufsmöglichkeiten bestehen, wie man sich bei der Einwohnerkontrolle anmeldet oder wo sie ihre Kinder einschulen können.» Gioia Jauslin übernimmt auch gerne die Rolle einer Touristenführerin. Dazu gehört auch schon mal ein kleiner Insidertipp für Fondue-Liebhaber. Über Aufträge kann sich die 35-Jährige nicht beklagen. Sie beschäftigt zwei Teilzeitmitarbeiterinnen, die sie tatkräftig unterstützen, damit sie sich künftig vermehrt um
die Akquisition kümmern kann – denn die Konkurrenz schläft nicht.


«Die Schweiz profitiert hier enorm.»

Wo liegt nun aber der Vorteil, dass ein Unternehmen bis zur Hälfte ihrer neuen Mitarbeitenden aus Indien, den USA oder Deutschland einfliegen lässt? Kathrin Amacker, Leiterin Diversity & Inclusion Schweiz bei Novartis sieht das Erfolgsgeheimnis bei der Internationalität ihres Arbeitgebers: «Mit dem neuen Ausländergesetz und der Personenfreizügigkeit hat sich die Schweiz das Privileg einer gesteuerten Migration geschaffen. So können vermehrt gut ausgebildete Spezialisten in die Schweiz geholt werden, die mit unseren eigenen Arbeitskräften zusammen zu hochproduktiven Teams werden und unsere Wirtschaft stärken. Die kulturelle Vielfalt ist für Novartis eine grosse Chance. Sie fördert Innovation und Kundennähe, was wiederum nachhaltig zum Geschäftserfolg beiträgt.» Zu den Diskussionen um die Personenfreizügigkeit mit Ländern der EU im
Zuge der Wirtschaftskrise meint Kathrin Amacker: «Wir haben die Personenfreizügigkeit in einer Zeit des wirtschaftlichen Wachstums eingeführt. In der Krise muss sich nun zeigen, wie sich die Massnahmen zur Steuerung von Zustrom und Rückwanderung bewähren und ob Änderungsbedarf besteht. Eine Grundsatzdebatte über die Personenfreizügigkeit ist hingegen nicht angebracht. Die Schweiz profitiert hier enorm.» Auch Gioia Jauslin könnte sich ein Basel ohne Expats nicht vorstellen. «Ich profitiere von der Globalisierung, die vor meiner Haustür stattfindet, nicht nur beruflich, sondern auch privat. Dank dem Kontakt mit Menschen aus der ganzen Welt, sammle ich unvergessliche Anekdoten fürs Leben: Viele Inderinnen und Inder sind z.B. überwältigt, dass man in den öffentlichen Verkehrsmitteln bei uns freie Sitzplätze findet. Menschen aus Asien, die vorher in Millionenstädten gelebt haben, fragen sich, warum die Strassen in Basel menschenleer sind.» Auch die Russin Viktoriya Stalbovskay, die vor sechs Monaten mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern von der Novartis in die Rheinstadt geholt wurde, musste sich an die kleinen kulturellen Unterschiede erst gewöhnen. In Sibirien sei es nun mal nicht üblich, dass man sich am Telefon zuerst vorstellen muss: «Bei uns reicht ein gewöhnliches «Hallo». Aber ich habe mich auch schon daran gewöhnt, dass man hier sonntags nicht staubsaugen darf.»
Die Jobnomaden der globalisierten Welt ziehen zwar nicht mit einer Kamel-Karawane durch die Steppe, doch ihre Zelte schlagen sie dennoch an vielen verschiedenen Orten auf – bis sie irgendwann vielleicht doch noch sesshaft werden.

Güvengül Köz Brown


«ES IST WICHTIG, DIE CHANCE ZU NUTZEN.»


Zerin Gözdemci will die Chance nutzen. Foto: PhG


Der Kanton Basel-Stadt bietet im nationalen Vergleich überdurchschnittlich viele Lehrstellen für schulisch weniger starke Schülerinnen und Schüler. Damit engagiert er sich im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Zerin Gözdemci hat die Chance gepackt.


Zerin Gözdemci ist eine aufmerksame, junge Frau. Die 17-jährige Kurdin ist eine von 430 Lernenden, die in der kantonalen Verwaltung den Einstieg ins Berufsleben wagen. Seit Sommer 2009 und dem Abschluss der Weiter-bildungsschule WBS strebt Zerin im Erziehungsdepartement den Abschluss einer Attest-Lehre an. Eine relativ neue Ausbildungsmöglichkeit, die es Jugendlichen mit weniger grossem Schulrucksack ermöglichen soll, Zugang zum Arbeitsmarkt zu erhalten. «Der Kanton Basel-Stadt übernimmt mit seinen zahlreichen Lehrstellen für Büroassistentinnen und -assistenten eine Pionierrolle in der Schweiz», erklärt Alice Mäder Wittmer, Leiterin Personal- und Organisationsentwicklung bei den Zentralen Personaldiensten, «und wir leisten damit einen direkten Beitrag im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit, von der überdurchschnittlich viele Jugendliche mit Migrationshintergrund betroffen sind». Zerin hat die Chance gepackt und sich mit einer sorgfältig vorbereiteten Bewerbungsmappe eine Lehrstelle sichern können, ergänzt aber, «ich habe einige Kolleginnen, die mehr Mühe haben, irgendwo unterzukommen». Nach Abschluss der zweijährigen Lehre besteht die Möglichkeit, eine verkürzte KV-Lehre anzuhängen. «Dies bedingt aber ausserordentlich gute Leistungen in der Schule und im Lehrbetrieb», dämpft Claudia Vogt, Verantwortliche für die Betreuung der Lernenden beim Kanton, übertriebene Hoffnungen und ergänzt: «Wichtig ist, dass die Jugendlichen überhaupt Fuss fassen können in der Berufswelt.» Das sieht auch Zerin so: «Ich gebe mein Bestes und bin eifrig bei der Sache und würde gerne später das KV ergänzen. Erstmal ist es aber wichtig, einen Einstieg zu machen und sich dann zu entwickeln.» Die Perspektiven, dass die jungen Menschen mit Attest eine Stelle finden, sind laut Mäder-Wittmer gut: «Auch Unternehmen ausserhalb der Verwaltung haben Bedarf an engagierten Mitarbeitenden, die auch einfachere Arbeiten sauber und speditiv erledigen können.» Zerin ist nicht die einzige Kurdin in der Verwaltung. Beim Kanton haben über 80 Jugendliche keinen Schweizer Pass, Migrationshintergrund dürften aber einige mehr haben. Im Arbeitsalltag fällt das für Zerin nicht ins Gewicht: «Meine Herkunft ist gar kein Thema. Wenn, dann nur im Positiven Sinn, wenn ich am Geburtstag zum Beispiel kurdisches Gebäck mitbringe. Da werden die Kollegen schon neugierig.» Auch diese nutzen eine Chance: für kulinarische Weiterbildung.
Philipp Grünenfelder


3 FRAGEN AN CHRISTOPH EYMANN


Dr. Christoph Eymann, Regierungsrat Foto: z.V.g.


Vorsteher Erziehungsdepartement

1. Weshalb schafft der Kanton Basel-Stadt vermehrt Attest-Lehrstellen?

Wir haben viele Schulabgängerinnen und Schulabgänger, die keine Aussicht auf einen erfolgreichen Lehrabschluss haben. Für jene sind Attest-Ausbildungen oft der einzige Weg zu einem anerkannten Berufsabschluss zu gelangen. Deshalb ist es dem Erziehungsdepartement ein Anliegen, möglichst viele solcher Ausbildungsplätze zu bieten. Dank zahlreicher Einzelgespräche mit Unternehmerinnen und Unternehmern ist es uns gelungen, schweizweit den höchsten Anstieg von Attest-Ausbildungsplätzen zu erreichen.

2. Warum sind Jugendliche mit Migrationshintergrund eher von Jugendarbeitslosigkeit betroffen?

Viele Jugendliche aus Migrantenfamilien stammen aus bildungsfernen Schichten. Die Jugendlichen werden in diesen Familien zu wenig gefördert, weil die Eltern die Bedeutung einer guten Schulbildung nicht richtig einschätzen können. Sie sollten vermehrt in die Pflicht genommen werden, den Schulerfolg ihrer Kinder aktiv zu fördern. Kindern, die unzureichend Deutsch sprechen, könnte beispielsweise ein Obligatorium für Deutschkurse vor dem Kindergarten helfen, sprachliche Defizite frühzeitig zu vermindern.


3. Was wünschen Sie sich von der Privatwirtschaft?

Gemeinsam mit Exponenten aus Politik und Privatwirtschaft bitten wir die Unternehmen, zusätzliche Ausbildungs-plätze zu schaffen, nicht nur, aber auch für schulisch weniger starke Jugendliche. Da es sich schlecht macht, mit dem Finger auf andere zu zeigen, wenn man selbst die Hausaufgaben nicht gemacht hat, stellt die kantonale Verwaltung gerade auch im Attest-Bereich nochmals zusätzliche Ausbildungsplätze zur Verfügung.