MIT ZAHNBÜRSTE, RASIERZEUG UND ZWEI T-SHIRTS


1.) Besnik Abazi erlebte bewegte Jahre. Foto: Andi Cortellini



2.) Mit Geduld zum Erfolg: Besnik Abazi. Foto: Andi Cortellini


Vor 18 Jahren musste Besnik Abazi seine Heimat Kosovo innert eines einzigen Tages verlassen. Heute wohnt und arbeitet er in Liestal als Oberarzt in den Externen Psychiatrischen Diensten des Kantons Basellandschaft, wo er hauptsächlich Patienten mit Migrationshintergrund oder Asylsuchende betreut.


Wer hier in diesem Stuhl sitzt, in diesem kleinen, hellen Büro, lässt die Zeit hinter sich. Die Uhr, die im Rücken über der Tür hängt, ist nur für den Blick des Arztes sichtbar. So kann er diskret die Zeit im Auge behalten. Das Gesicht von Besnik Abazi ist entspannt, während er aus seinem Leben erzählt. Normalerweise redet er in seinem Arbeitsraum nicht über sein eigenes Leben. In Patientengesprächen sind Privatangelegenheiten eines Psychiaters Tabu, und so sind es eher kleine Details und Tipps, die er einfliessen lässt, um seine Patientinnen und Patienten zu motivieren. Er weiss, was Migrantinnen und Migranten bewegt, denn den Weg der Integration ist er selber gegangen.
«Dass ich hier bin, wo ich bin, verdanke ich Schicksal und Glück», resümiert der 45-Jährige. Die Entscheidung, seine Heimat zu verlassen, hat er innert Stundenfrist getroffen. Bereits ein Jahr war er nach seinem Medi-zinstudium als Assistenzarzt tätig, bevor im Juni 1991 die jugoslawische Armee die Reservisten für den Krieg gegen Slowenien und Kroatien mobilisierte. «An einem Sonntag stand plötzlich das Militär vor meinem Elternhaus und fragte nach mir. Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt im Hof hinter dem Haus.» Abazi’s Vater sagte, sein Sohn wäre «jashtë» (draussen). Die Zweideutigkeit dieses albanischen Wortes rettete ihn. Auf die Frage der Militärs, ob Abazi denn «jashtë» (im Ausland) sei, hat der Vater nur genickt. Das Militär zog ab und Abazi packte sofort eine kleine Studententasche mit Zahnbürste, Zahnpasta, Rasierzeug und zwei T-Shirts. «Noch am gleichen Tag landete ich am Flughafen Zürich-Kloten. Kurze Zeit später wäre eine Einreise in die Schweiz ohne Visum nicht mehr denkbar gewesen. Ein Cousin, der in Basel lebte, nahm mich in seiner Eineinhalb-Zimmer-Wohnung auf», blickt der Mediziner auf die turbulenten Tage zurück.


Vom Assistenzarzt zum Pfleger

Damals hat Abazi nicht gedacht, dass er für immer in der Schweiz bleiben würde. Die schwierige Situation in Kosovo liess ihn vorerst aber nicht an eine Rückkehr denken und er versuchte, dort anzuknüpfen, wo er in Kosovo sein Leben unterbrochen hatte. «Ich suchte nach einer Stelle als Assistenzarzt, doch das war fast unmöglich. Es bestanden lange Wartelisten und ausserdem waren meine Deutschkenntnisse noch sehr schlecht.» Mit einem kroatisch-deutschen Wörterbuch – ein albanisches gab es damals noch nicht – versuchte er, die Sprache so schnell wie möglich zu lernen. «Ob als Arzt, als Pfleger oder in der Küche: Das oberste Ziel für mich war es, Arbeit unter dem Dach eines Spitals zu finden». In der Altenpsychiatrie in Liestal fand er schliesslich eine Stelle als Pfleger. Der Rollenwechsel vom Assistenzarzt zum Pfleger fiel ihm nicht leicht, bedeutete er doch einen Karriere-Rückschritt. Gleichzeitig erhielt er aber die Aufenthaltspapiere und arbeitete wieder in einem Spital.
Seinen Wunsch, eine Stelle als Assistenzarzt zu finden, verlor er währenddessen nicht aus den Augen. «Im alltäglichen Kontakt zu den Ärzten kam mein fundiertes medizinisches Wissen schnell zum Tragen, und ich durfte gewisse Routineuntersuchungen bald selber durchführen.» Einige erfolgreiche Reanimationen liessen den damaligen Chefarzt der Klinik schliesslich aufhorchen und nach dreieinhalb Jahren Pflegeberuf erhielt Abazi endlich die ersehnte Stelle als Assistenzarzt. Die Karriere konnte da fortgesetzt werden, wo er sie in seiner Heimat so abrupt abbrechen musste.


Vorurteile – kein Thema

Seit der Weiterbildung zum Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie arbeitet Abazi als Oberarzt in den Externen Psychiatrischen Diensten des Kantons Baselland. Im persönlichen Umgang mit Patienten und Berufskollegen hat er die Vorurteile, die in der Schweiz gegenüber Kosovaren bestehen, nie selber gespürt. «Nur manchmal, draussen», wie er sagt, «ist auch schon ein anderer Umgangston vorgekommen. Bei Polizei- oder Zollkontrollen bin ich schon öfters unvermittelt geduzt worden. Erst als ich ein Sie erwiderte und mich als Arzt outete, hat sich der Umgangston geändert.» Doch über solche Geschichten redet Abazi nicht gern. Die durchwegs positiven Erfahrungen im persönlichen Umfeld sind für ihn viel wichtiger.

Die lange Zeit in der Schweiz hat Abazis Wahrnehmung vom Kosovo verändert. 18 Jahre sind nicht 18 Tage, sagt er. Noch vor zehn Jahren, als er zwei oder drei Mal im Jahr zu seinen Eltern fuhr, vermittelte ihm die An
kunft im Kosovo ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit. Er sah seine Familie wieder, die alten Freunde, Orte, die früher wichtig gewesen waren. Doch heute ist er in der Schweiz daheim und fühlt sich als Baselbieter. Auch seine drei Kinder zieht es schnell wieder in die Schweiz zurück, wenn sie einmal im Jahr in den Kosovo in die Ferien fahren. Alle drei sind sie in der Schweiz geboren. In der Schweiz empfindet Abazi das Leben als geordneter. Zwar lachen die Menschen im Kosovo mehr, sie scheinen ihm zufriedener als die Menschen hier. Doch er ist sich nicht sicher, ob sie ihm dieses Gefühl nicht nur vermitteln wollen, solange er dort ist. Für die Bevölkerung im Kosovo ist die Situation mit einer Arbeitslosigkeit von etwa 50 Prozent und einem sehr geringen Durchschnittseinkommen alles andere als einfach. Ein Arzt in seiner Position hat einen Lohn von gerade mal
450 Franken.
Obwohl seine Kinder albanisch gelernt haben, redet der Facharzt mit ihnen zuhause Schweizerdeutsch, eine Sprache, die er lieben gelernt hat, obwohl er anfangs dachte, er würde sie nie verstehen. Heute spricht er eine Mischung aus Hoch- und Schweizerdeutsch. Im Privaten pflegt er regen Kontakt sowohl mit Landsleuten als auch mit Schweizerinnen und Schweizern. Seit 2008 ist auch er offiziell Schweizern. Die vielen Paragraphen hatten seinen Wunsch nach einer früheren Einbürgerung zuvor verhindert. Für Abazi ist wichtig, dass er nun endlich wählen darf und sich politisch einsetzen kann. Für Integrationsbelange hat er sich bereits ohne Schweizer Pass aktiv eingesetzt. Wegen seiner langen Arbeitstage musste er sein Engagement in diesem Bereich in letzter Zeit jedoch reduzieren.


Integration im Berufsalltag

In seinem Berufsalltag ist die Integration jedoch ein wichtiges Thema geblieben. Im Rahmen der ambulanten transkulturellen Psychiatrie betreut er hauptsächlich Patienten mit einem Migrationshintergrund oder Asylsuchende. Das Spektrum reicht dabei von einmaligen Krisenberatungen bis zur Langzeitbetreuung. Die Erwartungen an einen Arzt seien hoch, so Abazi. An ihn seien die Erwartungen vieler Migranten aufgrund seiner eigenen ausländischen Herkunft vielleicht sogar noch höher. Darum ist es wichtig, offen zu sagen, was der Patient erwarten kann und was nicht. Eine Aufenthaltsbewilligung kann er beispielsweise niemandem verschaffen. Neben der direkten Patientenbetreuung, die einen Drittel seiner Arbeitszeit ausmacht, ist Abazi vor allem mit administrativen Arbeiten, der Betreuung der Assistenzärzte und seiner eigenen Weiterbildung beschäftigt. In seiner spärlichen Freizeit geht der vielseitige Mann zum Ausgleich gerne schwimmen oder auch mal für einen Stadtbummel nach Basel. Ab und zu spielt er mit Kollegen Tischtennis: «Auch wenn es ab 45 langsam ein bisschen anstrengender wird», schmunzelt er. Inzwischen nicht mehr in seinem Büro, sondern im Garten der Psychiatrie, lässt Abazi die Zeit Zeit sein. Erst etwas später als abgemacht, kehrt er unter das Dach seines Spitals zurück. Sein Blick beim Abschied ist freundlich, direkt und vermittelt ein Gefühl von Ruhe.

Aleksandar Radic