DIE SCHWEIZ KANN NICHT AUF ZUWANDERUNG VERZICHTEN


Tiefe Geburtenraten bei steigender Lebenserwartung stellen die schweizerische Gesellschaft vor
grosse Herausforderungen. Warum die Schweizer Wirtschaft ohne Migrantinnen und Migranten nicht bestehen könnte.


Gemäss dem Bundesamt für Statistik wird bis 2030 die Bevölkerung in allen Kantonen stark altern, während der Anteil der unter 20-Jährigen sinken wird. Dafür gibt es zwei Gründe: Einerseits die tiefe Geburtenrate andererseits die Zunahme der Lebenserwartung. Nur die städtischen Kantone können dank der Migration die Alterung leicht bremsen, ohne diese jedoch zu stoppen. Ende 2050 werden gemäss den Prognosen auf eine Person im Rentenalter nur noch zwei Personen im erwerbsfähigen Alter entfallen. Szenarien, die den Wohlstand der Schweiz gefährden und die Relevanz von Migrantinnen und Migranten in ein anderes Licht rücken. Dass Zuwandernde auch in Zukunft eine prägende Rolle für die Schweiz spielen werden, steht schon heute fest.


Aktive Mitarbeit am Schweizer Wohlstand

Es ist kein Geheimnis: Ausländerinnen und Ausländer machen gemäss der IV-Statistik 40,4% der Leistungsbezügerinnen und -Bezüger aus. Auf dem politischen Parkett ist der Missbrauch der Sozialwerke durch Migrantinnen und Migranten deshalb ein Dauerthema. Gleichzeitig muss in Betracht gezogen werden, dass erwerbstätige Migrantinnen und Migranten genauso die Finanzierung der IV oder der 1. Säule (AHV, IV, EO) sichern wie die Schweizer Bevölkerung. Menschen mit Migrationshintergrund verursachen dem Staat somit nicht nur Kosten, sondern sie arbeiten aktiv am Schweizer Wohlstand mit, leisten einen grossen Anteil an das Wirtschaftswachstum und tragen zur sozialen Absicherung der gesamten Bevölkerung bei. Immerhin sind ein Viertel aller Erwerbstätigen in der Schweiz ausländischen Ursprungs. Sie fungieren zudem auch als Unternehmerinnen und Unternehmer, die Arbeitsplätze schaffen. Würden diese Arbeitnehmer und -geber wegfallen, hätte die Schweiz einen finanziellen und personellen Engpass. Allein der sehr vereinfachte Vergleich, dass 974’000 Menschen ohne Schweizer Pass hier arbeiten, aber insgesamt «nur» ca. 172’999 Arbeitslose (Stand Februar 2010) gemeldet sind, zeigt, dass ohne ausländische Arbeitnehmende knapp 800’000 Arbeitskräfte fehlen würden.


Wirtschaftlicher Mehrwert wird unterschätzt

Die Thematik der Zuwanderung von Ausländerinnen und Ausländern ist ein innenpolitisches Dauerthema. Während politische Parteien öffentlich gerne die negativen Erscheinungen analysieren – und dies ist durchaus legitim – wird der wirtschaftliche Mehrwert, den die ausländische Bevölkerung für die Schweiz generiert, zu oft übersehen. Ein Fehler. Nehmen wir den Mangel an Pflegekräften im Gesundheitsbereich als Beispiel: Über ein Drittel der Beschäftigten an Schweizer Universitätsspitälern und psychiatrischen Kliniken stammt aus dem Ausland. Zwischen 2006 und 2008 fehlte es in der Schweiz im Schnitt an 1’170 Medizinerinnen und Medizinern. Ohne die Rekrutierung aus dem Ausland hätte dieser Mangel nicht behoben werden können. Und wer geht schon gerne in ein Spital, wo nicht geputzt, gekocht, operiert oder gepflegt wird?
Um die Auswirkungen eines solchen Szenarios vor Augen zu führen, wurden Einwanderer in Frankreich und Italien am 1. März 2010 dazu aufgerufen, für einen Tag ihre Arbeit niederzulegen und den Konsum zu verweigern. Ein breites Bündnis von Einwanderer- und Menschenrechtsorganisationen hatte zu diesem Boykott aufgerufen. Unter dem Motto «24 Stunden ohne uns» protestierten die Betroffenen gegen die Versuche von Politikern, sie laufend zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Auch wenn die Folgen des Kurz-Streiks und des Konsumverzichts wohl kaum spürbar waren, hat laut Initianten doch eine signifikante Sensibilisierung in Politik und Öffentlichkeit stattgefunden. Auch die Schweiz vergisst allzu gerne, welche wirtschaftliche Bedeutung ihre Migrationsbevölkerung hat. Ein Umdenken wäre wirklich eine «schöne Abwechslung».

Güvengül Köz Brown


3 FRAGEN AN TONI BORTOLUZZI


Toni Bortoluzzi, SVP-Nationalrat Kanton Zürich, Foto: z.V.g.


Tiefe Geburtenraten bei steigender Lebenserwartung stellen die schweizerische Gesellschaft vor
grosse Herausforderungen. Warum die Schweizer Wirtschaft ohne Migrantinnen und Migranten nicht bestehen könnte.


1. Welchen wirtschaftlichen Mehrwert bringt die Migration
aus Ihrer Sicht?

Die Schweizerinnen und Schweizer bilden eine Leistungsgesellschaft.Wenn sich die Migration an den Tugenden unseres Landes, wie Ordnung, Zuverlässigkeit und Leistungsbereitschaft orientiert, ist die Migration kein Problem. Wenn sich die Zuwanderung an der wirtschaftlichen Notwendigkeit anpasst, dann stellt sie auch gesellschaftlich einen Mehrwert dar.


2. Wo sehen Sie die Problematik?

Die hohe Lebensqualität in unserem Land ist durch den freien Personenverkehr und eine large Asylpolitik
stetig mehr unter Druck und gefährdet den Wohlstand. Die Harmonisierung mit den EU-Staaten folgt für uns schrittweise nach unten. Das sozialistische Projekt EU zerstört vor allem den Wohlstand des Mittelstandes.


3. Welche Lösungen schlagen Sie für die Herausforderungen der demographischen Entwicklung vor?

Die Vorsorge muss sich, vom Umlageverfahren zu Lasten der aktiven Erwerbstätigen, vermehrt zum eigenverantwortlichen Kapitaldeckungsverfahren verschieben. Das Leben auf «Pump» und auf Kosten der Nachfolgegeneration ist zu beseitigen oder mindestens auf ein tragbares Mass zu reduzieren.