IMMER DIESE AARGAUERWider
die Vorurteile: Charles Lewinsky. Foto: z.V.g. Alle
Aargauer sind Tierquäler.Wussten Sie das nicht? Aber das weiss doch jeder! Alle
Aargauer sind Betrüger. Gar nicht wahr, sagen Sie? Das habe ich aber schon von meiner Grossmutter gehört.
Alle Aargauer bohren in der Nase. Natürlich ist das
totaler Unsinn, was ich hier erzähle. Völliger Quatsch. Absolut bireweich, um es auf gut Schweizerdeutsch
zu sagen. Ich habe noch nie einen Aargauer Tiere quälen sehen. Ich bin noch nie von einem betrogen worden.
Und in der Nase bohre ich auch selber ab und zu. Und trotzdem stelle ich manchmal solche unsinnigen
Behauptungen auf. Immer dann, wenn ich einem Menschen begegne, der irgendwelche Vorurteile laut herausposaunt.
Der zum Beispiel zu wissen glaubt, dass alle Muslime dieser Welt nichts anderes im Sinn haben, als die
Schweiz unter ihre Herrschaft zu bringen. Oder dass alle Polen immer nur daran denken, unsere Autos
zu klauen und in den Osten zu verschieben. Dass alle Neger stinken oder dass alle Juden nur an Geld
interessiert sind. Widerspruch ist zwecklos. Man kann solche Vorurteile
nicht widerlegen. Weil sie ja nichts mit Logik zu tun haben. Man kann so einem Menschen den Kopf nicht
mit vernünftigen Argumenten zurechtrücken, weil die vorgefassten Meinungen in seinem Schädel viel zu
fest einbetoniert sind. Auch wenn man so einem Typen stundenlang erklärt, dass der eine oder andere
Pole vielleicht einen anderen Beruf habe als Autodieb: Bäcker, zum Beispiel, oder Primarlehrer – er
wird es nicht glauben. Und wenn man ihm mit hundert konkreten Beispielen nachweist, dass Juden sich
auch für anderes interessieren als Geld, Briefmarken vielleicht oder Fussball – es wird ihn nicht überzeugen. Der
Vorurteiler (es gibt das Wort nicht, aber man sollte es dringend einführen) wird einen dann nur ganz
verächtlich ansehen und sagen: «Polnische Primarlehrer oder jüdische Briefmarkensammler mag es ja geben,
aber das sind alles nur Ausnahmen.» Für ein Vorurteil ist es nämlich
gar nicht notwendig, dass jemand schlechte Erfahrungen mit einer Menschengruppe gemacht hat. Im Gegenteil:
Je weniger man vor ihr weiss, desto sicherer kann man sein, alles über sie zu wissen. «Alle Eskimos
parkieren ihre Hundeschlitten falsch.» Klar ist das so. Oder haben Sie in der Innenstadt schon einmal
einen richtig parkierten Hundeschlitten gesehen? Es kann durchaus sein,
dass der Vorurteiler den einen oder anderen Polen kennt, dass einer seiner Nachbarn Jude ist oder Afrikaner
oder Moslem, und dass er mit diesem Menschen nur gute Erfahrungen gemacht hat. Aber von seiner vorgefassten
Meinung geht er deswegen noch lang nicht ab. «Das sind halt Ausnahmen», sagt er dann. Und Ausnahmen
bestätigen ja bekanntlich die Regel. Deswegen gibt er doch nicht seine fixen Ideen auf. Nein,
auch die wirklichste Wirklichkeit richtet gegen tiefverwurzelte Vorurteile nichts aus. Und darum versuche
ich es bei solchen hartnäckigen Fällen gar nicht mit Argumenten. Ich probiere es lieber mit Lächerlichkeit.
Und zwar mache ich es so: Ich stelle noch viel sinnlosere Behauptungen auf als mein Gegenüber. Wenn
er über die Schwarzen oder die Gelben herzieht, wenn er den Muslimen oder den Juden irgendwelche schlechten
Eigenschaften unterstellt, wenn er verkündet, dass alle, die nicht genau so sind wie er, abgeschoben
und eingesperrt werden müssten, dann widerspreche ich ihm nicht, sondern stimme ihm zu. «Sie haben ja
so Recht», sage ich dann. «Nur die allerschlimmsten Kerle haben Sie vergessen.» Die
Aargauer nämlich. Alle Aargauer sind Scheininvalide.
Alle Aargauer sind Brandstifter. Alle Aargauer fressen kleine Kinder. Meistens fängt er dann an, mir
zu widersprechen. Und merkt erst mit Verzögerung, dass ich ihn aufs rhetorische Glatteis geführt habe.
Dann ist er zwar sauer auf mich, aber das nächste Mal überlegt er es sich vielleicht zwei Mal, bevor
er wieder zu seinem Vorurteils-Monolog ansetzt. Zumindest hoffe ich das. Und
wenn nicht, dann hat er eben keinen Humor. Wie alle Aargauer. Charles
Lewinsky «DOPPELPASS»Charles
Lewinsky ist Schweizer Drehbuchautor und Schriftsteller. Er wurde als Autor der Sitcom «Fascht e Familie»
bekannt. Mit der jüdischen Familiensaga «Melnitz» machte er sich 2006 zudem international einen Namen
als Schriftsteller. Zuletzt erschien der Fort-setzungsroman «Doppelpass» im Verlag Nagel & Kimche. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||







