«FUSSBALL IST MEIN LEBEN»




Vladimir Petkovic: Leidenschaftlicher Trainer mit Sozialkompetenz. Foto: z.V.g.


Vladimir Petkovic ist vor 22 Jahren als Fussball-profi in die Schweiz gekommen. Nach mehreren Stationen als aktiver Spieler arbeitete der kroatisch-schweizerische Doppelbürger während mehreren Jahren als Sozialarbeiter und Erwach-senenbildner im Tessin. Nebenbei verfolgte der in Sarajevo aufgewachsene Familienvater kontinuierlich seine Karriere als Fussball-trainer, was ihn vor rund einem Jahr hauptberuflich zum BSC Young Boys (YB) in Bern führte.


Sie sind mit 24 in die Schweiz gekommen. Was war der Anlass dafür?

Natürlich der Fussball. Damals wechselte man international im Durchschnitt erst etwa als 28-Jähriger in eine ausländische Liga, deshalb war es für mich ein einschneidender Entschluss, so früh ins Ausland zu gehen. Als das einmalige Angebot aus der Schweiz auf dem Tisch lag, war für mich aber sehr schnell klar, dass ich etwas anderes ausprobieren und im Ausland neues dazulernen wollte. Aus dieser spontanen Entscheidung sind mittlerweile 22 Jahre geworden.


War der Balkankonflikt ein Grund, weshalb Sie schlussendlich hier bleiben wollten?

Als der Krieg ausbrach, war ich schon stark in der Schweiz verankert und insbesondere in der Fussballbranche erfolgreich etabliert. Die Zukunfts-aussichten für die persönliche und berufliche Entwicklung waren deshalb die Hauptgründe, weshalb ich hier geblieben bin, nicht der Konflikt in meiner Heimat.


Haben Sie nach der Ankunft in der Schweiz fremdenfeindliche oder rassistische Anfeindungen erlebt?

Grundsätzlich nein, an konkrete Erlebnisse kann ich mich nicht erinnern. Am ehesten noch im fussballer-ischen Kontext. Ein «Huere Jugo» oder andere Beschimpfungen fielen aber immer aus den Emotionen im Spielkampf. Ich habe das nie als systema-tischen Rassismus empfunden. Meine Stellung als Fussballprofi hat die Akzeptanz bestimmt positiv beeinflusst. Im Tessin war es als Ausländer tendenziell einfacher als in der Deutsch-schweiz. Die Generali-sierung in der Ausländerfrage, insbe-sondere auch bei Leuten vom Balkan, habe ich nördlich der Alpen stärker festgestellt. In jeder Kultur gibt es positive und negative Aspekte. Migran-tinnen und Migranten vom Balkan
können genauso viele positive Aspekte in die Gesellschaft einbringen wie Einheimische. Objektive Urteile kann man immer nur im persönlichen Kontakt fällen – aufgrund des Charakters, nicht pauschal wegen einer Natio-nalität.


Und wie erlebten Sie rassistische Strömungen in Ihrer eigenen Kultur?

Rassismus kann es überall geben. Ich habe aber bei mir zu Hause in der Familie keine Ausgrenzungen oder noch schlimmere Aspekte mitbekommen. Ich war komplett weg von dieser Realität. Man wusste zwar von den historischen Ursprüngen, die zum Bal-kankonflikt geführt haben, aber ich lebe grundsätzlich nicht in der Geschichte. Meine multikulturellen Beziehungen waren alle stabil und sind vom Krieg nicht erschüttert worden. Sehen wir es wie im Fussball: Gestern war gestern und heute können wir etwas Gutes tun für morgen.


Was war die Motivation, Fussballtrainer zu werden?

Beruflich war das nie mein aktives Ziel. Aber Fussball ist mein Leben. Ich spiele mit dem Ball, seit ich 3 Jahre alt war. Mein Vater war schon Fussballer und Trainer und dabei begleitete ich ihn. Zuerst war alles eine Leiden-schaft, ein Hobby. Die Entwicklung zum Profispieler und später zum Trainer hat sich über die Jahre ergeben. Das Nebeneinander von zwei Jobs war spannend – eine gute Übergangsphase vom Spieler, Erwach-senenbildner, Sozialarbeiter und Fuss-ballübungsleiter zum professionellen Trainer eines Spitzenclubs wie YB. Heute bin ich stolz, dass alles optimal gelaufen ist und auch die Familie und die Freizeit ihren Platz haben konnten.


Wo sehen Sie die Parallelen zwischen Ihren Tätigkeiten in der sozialen Arbeit, etwa bei Caritas, und als Trainer?

Es geht im Leben immer wieder um dieselben Dinge, ob bei einem Ver-sicherungsjob oder beim Fussball: Ich versuche in allen Lebenslagen, auch in der Familie, den Dialog zu suchen. Ergänzt durch die Punkte Teamwork, Vertrauen, Toleranz und Motivation. Dabei gilt es immer wieder klare Grenzen zu setzen – innerhalb dieses Spektrums sollen sich Menschen entwickeln können.


Im Fussball geht es neben den spielerischen Elementen vor allem um Emotionen, Rivalitäten und Städte- oder Länderduelle. Inwieweit kann Fussball trotzdem verbinden?

Die rivalisierenden Fans sollten zusammen feiern, ohne die Emotionen für das eigene Team verleugnen zu müssen. Das kommt ja auch vor, doch sollte es noch selbstverständlicher werden. Weshalb können Fans von den beteiligten Mannschaften nicht auch Trikots tauschen, zusammen ein Bier trinken oder die Gäste zum Bahnhof fahren?

Diese positiven Beispiele und Aspekte sollten in den Vordergrund treten – auch in der Berichterstattung.


Und wie sieht das bei Konflikten innerhalb der Mannschaft aus?

Konflikte kann es geben, aber eher aus Konkurrenzkampf um Leadership und Geld, nicht wegen rassistischer Vorurteile. Bisher sind wir aber davon verschont geblieben. Grundsätzlich sollten diese Probleme aber intern geregelt werden, wie in einer Familie. Ich bin verantwortlich für die Mannschaft, möchte aber, dass die Spieler die Konflikte zuerst selber lösen. Sie sollen die positiven Aspekte aus dem Konflikt heraus ziehen und daraus lernen. Erst in zweiter Instanz mische ich mich, wenn nötig, in den Dialog ein und coache die Spieler. Zudem versuche ich, präventiv zu agieren und vertraue auf meine Wahrnehmung von Konfliktpotenzial. Auch YB unternimmt seit Jahren viel in der Prävention gegen Rassismus, Sexismus und Gewalt und steht im Dialog mit den Fans (
vgl. S. 20).


Wo steht der BSC Young Boys Ende Saison in der so genannten Fairplay-Tabelle der Swiss Football League?

Ich will keine «Ladymannschaft», aber ein faires Team im Sinne des Sports. Mit Spass, Siegeswillen, notwendiger Härte und Fairness vorwärts gehen. Dann entwickelt sich der Rest von allein.

Interview: Philipp Grünenfelder