«HABT IHR AUCH AFRO-AMERIKANER IN DER SCHWEIZ?

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Milena Moser, Schriftstellerin und Kolumnistin. Foto: Nina Süsstrunk


«Und, haben Sie Ihrem Sohn schon beigebracht, dass er weiss ist?» «Nein – ich warte noch auf den richtigen Moment!» Wir lachten. Zwei Zuschauer am Basketballspiel einer High-School in San Francisco, ein hellhäutiger Schwarzer, dessen Tochter mit der blaugefärbten Punkfrisur das afrikanische Blut nicht mehr anzusehen war, und eine weisse Frau aus der Schweiz, deren Sohn jetzt ins Spiel kam, mit sorgfältig gezöpfelten Braids im blonden Haar und einem übergrossen RIP-Shirt für einen erschossenen Rapper. «Verdammte Diebe», sagt die schwarze Detektivin Kima Greggs in der amerikanischen Krimi-Serie «The Wire» über weisse Drogenhändler in Ghetto Klamotten. «Alles müssen sie uns klauen!» Was würde sie wohl über die wohlbehütete Schweizer Dorfjugend in «head-to-toe» mit Hip Hop Kleidung von Kani oder Ecko sagen? Denn heute, fünf Jahre später und in der tiefsten Schweizer Provinz, trägt mein jüngerer Sohn dieselben tiefsitzenden Hosen und übergrossen T-Shirts wie sein Bruder vor ihm.

In dem Viertel, in dem wir in San Francisco lebten, grenzen die schmucken, buntbemalten Einfamilienhäuschen der vorwiegend weissen Künstler und Althippies an die baufälligen und von Giftschimmel befallenen, hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Sozialsiedlungen. Breite Abwässerflüsse rinnen über die Strasse, der Schimmel an den Wänden verursacht unheilbare Krankheiten. Man ist nicht mehr in der zweitteuersten Stadt Amerikas, sondern in der dritten Welt. Wenige Strassenzüge trennen diese beiden Welten, und eine vielleicht unüberwind-bare Mauer aus Hass, Angst und Ressentiments. Schwarz und weiss mischen sich ebenso wenig, wie die Streifen des Zebras ineinanderlaufen («Zebra Killings» nannte man dann auch eine rassistisch motivierte Mordserie in unserem Quartier).
Manchmal kam es in dem Bus, mit dem mein Sohn zur Schule fuhr, zu Bandenschiessereien. Doch nie traf es einen der weissen Jugendlichen, die in derselben Aufmachung und mit derselben Musik in den Ohrstöpseln im vorderen Teil des Busses sassen. Die Rassentrennung wurde nur auf dem Papier aufgehoben.
Heute lebe ich in einem Dorf, dessen Wappen auf gelbem Grund ein schwarzes, lachendes Gesicht mit roten Lippen und kreisrunden roten Ohrringen zeigt: einen Mohren. Laut Duden ein Maure oder ein «schwarzer Mann», vom lateinischen «maurus»: schwarz, dunkel, schlecht. Ich fotografiere das Wappen und schicke es meinen amerikanischen Freunden, die sich vor Entsetzen nicht mehr einkriegen. «Zieh sofort da weg!», fordert ein Bekannter, der selber nach eigener Aussage «nur unter Schwarzen leben kann.» Ob diese seine Anwesenheit in ihren Strassen, Lokalen und Kirchen auch angemessen schätzen, weiss ich nicht. Überhaupt hat politische Korrektheit ihre Grenzen. Über die naive Frage, ob in der Schweiz auch «african americans» lebten, habe ich mich oft geärgert: «Nein, allerhöchstens African Swiss!». Allerdings wurde ich neulich von einer Redaktion belehrt, dass auch bei uns die Bezeichnung «Afro-Amerikaner» als die korrekte gelte – ungeachtet der Tatsache, dass die wenigsten Menschen afrikanischer Herkunft, denen wir hier begegnen, den Umweg über Amerika gemacht haben. «Ein Afroamerikaner mit Schweizer Pass ist für mich kein Schweizer», gab die rechtsradikale Politikerin Denise Friederich einmal zu Protokoll und man hätte gern geantwortet: «Kein Problem – so lange Sie nichts gegen Afrikaschweizer haben!»
«African american» wird abgesehen davon auch in Amerika nicht mehr uneingeschränkt akzeptiert. Die «jamaican americans» zum Beispiel bestehen auf dieser Differenzierung. Jamaica ist schliesslich nicht Afrika. Vielleicht ist das die Lösung: Her-kunfts- und Niederlassungsort jedes einzelnen miteinander zu verknüpfen. Dazu müsste man allerdings wissen, wo man herkommt – eine Information, über die die Nachfahren afrikanischer Sklaven meist nicht verfügen. Seit einiger Zeit können aber diese Wur-zeln, die berühmten «roots», mit Hilfe von DNA-Proben bestimmt werden. Henry Louis Gates Jr., der den Lehr-stuhl für afrikanische und afroamerikanische Studien an der Universität Harvard innehat, ist mit seinem Resultat allerdings wenig glücklich: Genetisch ist er nämlich zu fünfzig Prozent Europäer. «Meinen Job kann ich wohl hinschmeissen», sagt er, nur halb im Scherz. Mein Sohn hingegen hat gerade einen Test auf Facebook gemacht, der ihm bestätigt, dass er zu 97% schwarz sei. Also was? Ist Rasse eine Illusion, wie das DNA-Projekt nahelegt? Alle menschliche DNA ist zu 98 Prozent identisch. Das könnte man als wissen-schaftliche Untermauerung der buddhistischen Lehre sehen, die besagt: Wir sind alle gleich, wir sind alle eins.
Ein schöner Gedanke. Zumindest tragen wir alle dieselben Hosen – jedenfalls wenn wir männlich und zwischen 13 und 20 Jahren alt sind.

Milena Moser*

*Autorin von Bestsellern wie die Putzfraueninsel.