SCHULUNG IN INTERKULTURELLER KOMMUNIKATION![]() Christopher Bertrand und Antonio de Tom-maso, im Gespräch. Foto: z.V.g. Kulturelle
Diversität macht eine Gesellschaft lebendig, führt bisweilen aber auch zu Verstän digungsschwierigkeiten
zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Schon früh hat die Kantonspolizei Solothurn auf diese
gesellschaftliche Entwicklung reagiert und ein Projekt zum Thema «Polizeiarbeit und Migration» ins Leben
gerufen. Projektinitiator Christopher Bertrand und Projektleiter Antonio de Tommaso erzählen. «Polizist
oder Polizistin ist ein toller Beruf, aber auch ein anspruchsvoller und nicht immer ein konfliktfreier»,
so Antonio de Tommaso. Polizistinnen und Polizisten sind sozu-sagen an vorderster Front mit den Konfliktpotenzialen
unserer Gesellschaft konfrontiert – zum Beispiel im Zusammenhang mit Migration. Über zwanzig Prozent
der Einwohnerinnen und Einwohner haben keinen Schweizer Pass, noch viel mehr einen Migrationshintergrund.
Dieser gesellschaftlichen Entwicklung wollte die Kantonspolizei Solothurn adäquat begegnen. Bereits
2003 rückten bei der Schaffung des polizeipsychologischen Dienstes die Themenbereiche Vorurteile und
soziale Wahrnehmung in den Vordergrund der Personalentwicklung, insbesondere bei der Ausbildung junger
Polizistinnen und Polizisten. Der damalige Polizeipsychologe Christopher Bertrand, heute Leiter Personaldienste
der Kapo Solothurn, rief 2005 ein Projekt zum Thema «Polizeiarbeit und Migration», kurz «PUM», ins Leben. Migration
als soziale Realität – und die Antwort darauf Christopher
Bertrand, der das Projekt in der Konzeptphase leitete, wie auch der aktuelle Projektleiter Antonio de
Tommaso betonen jedoch, dass «PUM» nicht als Reaktion auf negative Erfahrungen zwischen Polizei und
Migrantinnen und Migranten entstanden sei, sondern als Antwort auf einen gesellschaftlichen Wandel und
im Rahmen einer bewussten Professionalisierung der Polizeiarbeit. Daher möchten die Projektverantwortlichen
bei der Kapo Solothurn den Begriff «Rassismus» nicht in Verbindung zu ihrem Projekt gesetzt wissen.
«Rassismus ist ein Delikt. Dafür steht uns unser Rechtssystem zur Verfügung. Unser Projekt dagegen will
zur Entstigmatisierung von Migration beitragen. Insofern leistet die Arbeitsgruppe PUM Pionierarbeit»,
meint Christopher Bertrand. Geschärfte
Wahrnehmung und bewusstere Kommunikation Doch
worum geht es bei «PUM»? Um eine bewusstere Kommunikation, um ein geschärftes Bewusstsein für kulturelle
Unterschiede und die feinen, aber gewichtigen Nuancen in der Kommunikation, die sich daraus ergeben.
Mit diesen Unter-schieden angemessen umgehen zu können, erfordert Kenntnisse über Kommunikationsmechanismen
im Allgemeinen und verschiedene kulturelle Wahrnehmungs- und Handlungsmuster im Speziellen. Besonders
gefordert ist da die Polizei, die oft erst mit den Betroffenen in Berührung kommt, wenn zwischenmenschliche
Konflikte bereits ausgebrochen sind. Im Rahmen von
«PUM» haben sämtliche Polizistinnen und Polizis-ten sowie Zivilangestellte der Kapo Solothurn, insgesamt
rund 400 Personen, während eineinhalb Tagen an einem Grundkurs teilgenommen. Doch nicht nur das Thema
Migration im Sinne von unterschiedlicher kultureller Prägung war Gegenstand der Weiterbildung. In Modulen
von je einem halben Tag vermittelten interne und externe Fachleute aus den jeweiligen Gebieten auch
so umfassende Themen wie soziale Wahrnehmung, Kommunika-tion, Urteilsbildung, Rechtskunde und Menschenrechte. In
einem zweiten Schritt werden nun Workshops in kleineren Gruppen von rund zwanzig Personen zum Thema
Menschenrechte durchgeführt. Nachdem der Fokus des Grundkurses auf grundlegenden Zusammenhängen lag,
sind die Workshops eher der praktischen Anwendung mit konkreten Fallbeispielen gewidmet. In Planung
ist ausserdem ein Begegnungsseminar zwischen Mitarbeitenden der Kapo Solothurn und Personen mit Migrationshintergrund. Die
Ideen gehen der Arbeitsgruppe «PUM» unter Projektleiter Antonio de Tommaso nicht aus. Nicht zuletzt
ist es eine wichtige Aufgabe dieses langfristigen Projekts, Fragen der Solothurner Polizeibeamtinnen
und -beamten zu Migration und verwandten interkulturellen Themen wie Religion oder Geschlechterbeziehungen
aufzugreifen und den Austausch zu fördern. Nora Regli «OHNE RESPEKT UND EMPATHIE KANN KEINE MENSCHLICHE NÄHE ENTSTEHEN»![]() Nadia
di Bernardo Leimgruber gegen Diskriminierung im Spital. Foto:
Nicole Philipp-Weder Für
Nadia Di Bernardo Leimgruber, Beauftragte Integration der Solothurner Spitäler AG, steht die Auseinandersetzung
mit rassistischer Diskriminierung im Zentrum ihrer täglichen Arbeit. Wie es dabei unter anderem zum
Handbuch «Rassistische Diskriminierung im Spital verhindern» gekommen ist, erzählt sie der MIX im Interview. Sie
haben zusammen mit der Ethnologin Anne Aufranc-Kilcher das Handbuch
«Rassistische Diskriminierung im Spital verhindern» erarbeitet. Was war der Auslöser für dieses Projekt? Den
Ausschlag gaben Vorkommnisse am Arbeitsplatz. Diese geschehen alltäglich und oft unbewusst und unreflektiert.
So kann es zum Beispiel vorkommen, dass eine Mitarbeiterin von Kollegen an einem Personalfest rassistisch
beschimpft wird, oder ein Patient stellt die Fachkompetenzen eines Pflegenden aufgrund seiner Hautfarbe
in Frage. Rassistische Diskrimi-nierung kann aber auch vom Fachpersonal ausgehen, indem dieses einen
Patienten, der seine Schmerzen ausdrucksstark äussert, mit dem Mamma-Mia-Syndrom oder als besonders
wehleidigen Südländer abstempelt. Belastende Arbeitssituationen mit Druck und Stress begünstigen rassistische
Diskriminierung und haben schwerwiegende Folgen für die Betroffenen und den Betrieb, zum Beispiel vermehrte
krankheitsbedingte Absenzen, mangelnde Arbeitsmotivation, steigende Personalfluktuation und Imageverlust,
wenn ein Fall öffentlich bekannt wird. Heute
sind doch alle Branchen von rassistischer Diskrimi-nierung betroffen. War ein spezielles Handbuch für
Spitäler überhaupt nötig? Der Arbeitsplatz Spital
ist sehr gut geeignet, gegenseitige Integration zu fördern und damit rassistische Diskriminierung zu
vermeiden. Das Spital ist ein Abbild unserer Gesellschaft: Menschen, welche die Gesellschaft prägen,
sind auch im Spital als Patientinnen und Patienten oder Mitarbeitende vertreten. Ohne Respekt und Empathie
kann hier menschliche Nähe gar nicht entstehen. Transkulturelle Kompetenzen des Fachpersonals oder auch
die fachlich fundierte Übersetzung sind Beispiele offensichtlicher Erfolgsfaktoren. Sie beugen rassistischer
Diskriminierung vor. Das Handbuch soll Institutionen ermu-tigen, sich offen und aktiv gegen rassistische
Diskriminie-rung einzusetzen. Diskriminierungen haben oft weniger mit böser Absicht zu tun als mit Regeln,
Gewohnheiten, Angst und Unsicherheit, Überforderung und Druck und mit der Ausübung von Macht. Wie
wirkt sich das Projekt auf den Spitalalltag aus? Durch
die Umsetzung mehrerer Massnahmen wurden innerhalb der Institution Strukturen und Gefässe geschaffen,
die helfen, rassistische Diskriminierung rechtzeitig zu erkennen und nachhaltig zu bekämpfen. Durch
die offene und aktive Ausein-andersetzung ist das Thema innerhalb der Institution präsent. Haben Mitarbeitende
und Führungspersonen einen Workshop oder eine Sensibilisierungsveranstaltung zu diesem Thema besucht,
sind die Rückmeldungen durchwegs positiv. War anfangs noch Skepsis oder Angst gegenüber dem Thema im
Spiel, werden diese Gefühle durch Verständnis und Offenheit abgelöst. Viele werden sich bewusst, dass
auch sie von (rassistischer) Diskriminie-rung – sexuelle Belästigung und Mobbing eingeschlossen – betroffen
sein können und wenden sich dem Thema anders zu. Neu erhalten fremdsprachige Mitarbeitende im Rahmen
des Teilpro-jektes «Deutsch mit Schwung» Zugang zu einem spezifischen Weiterbildungsangebot und erweitern
so ihre sprachlichen und beruflichen Kompe-tenzen. Innerhalb des Konzeptes «Umgang mit Konflikten» können
sich ratsuchende Mitarbeitende bei Fragen und Problemen auch direkt an mich wenden. Das
Handbuch ist seit einem Jahr auf dem Markt. Können Sie bereits eine erste Bilanz ziehen? Es
gibt bereits Rückmeldungen und Fragen zum Projekt, aus welchem das Handbuch hervor gegangen ist. Auch
ist uns bekannt, dass das Schweizerische Rote Kreuz und die Haute Ecole de la Source in Lausanne ein
weiteres Projekt umsetzen. Das freut uns natürlich sehr. Das Handbuch soll jedoch noch weiter gestreut
und bekannt gemacht werden. Interview: Nicole Philipp-Weder Das
Handbuch «Rassistische Diskriminierung im Spital verhindern» Das
rund 240-seitige Handbuch wurde von Anne Aufranc- Kilcher, lic. phil., Schweizerisches Rotes Kreuz und
Nadia Di Bernardo Leimgruber, Beauftragte Integration der Solothurner Spitäler AG, verfasst. Es ist
ein Produkt des Projektes «Rassistische Diskriminierung im Spital verhindern» des Departements für Gesundheit
und Integration, Schweizerisches Rotes Kreuz in Bern. Das Handbuch dient Institutionen im Gesundheitswesen
als Informationsquelle und Argumentationshilfe und enthält praktische Leitfäden zur Umsetzung von Massnahmen.
Mit vielen Beispielen aus der Praxis werden Formen von rassistischer Diskriminierung und ihre Auswirkungen
aufgezeigt. Preis: CHF 40.– für SGGP-Mitglieder, CHF
52.– für Nichtmitglieder Verlag und Bezugsquelle: Schweizerische
Gesellschaft für Gesundheitspolitik SGGP, Zürich Telefon
043 243 92 20, Telefax 043 243 92 21, info@sggp.ch,
www.sggp.ch | |||||||||||||||||||||||||||||||








