EIN STOLZER SVP'LER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND




Yvette Estermann, Shanky Wyser und Aaron Agnolazza haben eins gemeinsam: Alle drei haben einen Migrationshintergrund und politisieren mit viel Stolz und Patriotismus bei der SVP. Für Aaron Agnolazza, 18-jähriger Jungpolitiker und Sekretär der Jungen SVP Basel-Stadt sowie Mitglied der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz «AUNS», ist das kein Widerspruch. Wir wollten wissen warum.


Was hat Sie dazu bewogen, bei der SVP zu politisieren?

Je mehr ich über die politischen Fragestellungen in der Schweiz Bescheid wusste, desto mehr erkannte ich, dass bei praktisch allen Themen meine Meinung mit der SVP überein-stimmte. Als ich dann zufällig einen bekannten SVP-Grossrat an der Tramhaltstelle kennenlernte, habe ich spontan gefragt, wie man der Partei beitreten kann. Einige Wochen später war ich SVP-Mitglied und half auch schon für ein Referendum Unter-schriften zu sammeln.


Ihre Eltern stammen aus Italien und Ex-Jugoslawien. Stehen die Themen der AUNS- und SVP nicht im Widerspruch zu Ihrer Herkunft?

Nein, überhaupt nicht. Meine Eltern sind ein Paradebeispiel für eine gelungene Integration: Beide reden perfektes Baseldeutsch, sie haben geheiratet und eine Familie gegründet, ein Haus gekauft und arbeiten für ihr Einkommen. Ich kenne niemanden in der SVP, der etwas gegen solche Einwanderer hätte. Leider stehen meine Eltern für eine aussterbende Einwanderergeneration, da in den neunziger Jahren viele «kriegstraumatisierte» Sozialschmarotzer kamen und geblieben sind, um unseren Sozialstaat auszuhöhlen. Zudem gibt es unter ihnen Kriminelle, die abends die Strassen unsicher machen.


Das sind harte Statements. Wurden Sie schon mal als Rassist beschimpft?

Als Rassist beschimpft wurde ich zum Glück noch nie, aber ich nenne die Dinge beim Namen. Dies hat nichts mit Rassismus zu tun. Nur weil es politisch nicht korrekt ist, solche Themen anzusprechen, sollten sie nicht totgeschwiegen werden. Viele Migrantinnen und Migranten sympathisieren mit der SVP, weil Ihr guter Ruf wegen einer kleinen Minderheit auf dem Spiel steht.


Was halten Sie von den Vorwürfen, die SVP sei ausländerfeindlich, wenn nicht sogar rassistisch?

Das sind die üblichen Vorwürfe, die meiner Ansicht nach nur plakativ sind und die SVP mit ihrer klaren Politik zu diskreditieren versuchen. Die SVP spricht mit ihrer Politik Missstände an, die bislang ignoriert oder schöngeredet wurden und nur dank der SVP auf die politische Agenda kommen. Als Beispiel führe ich gerne die «Ausschaffungsinitiative» der SVP an, die innert kürzester Zeit von über 270'000 Personen in der ganzen Schweiz unterschrieben wurde und fordert, dass schwer kriminelle Ausländer zurück in ihre Heimatländer ausgeschafft werden. Statt dieses echte Bedürfnis der Schweizer Bevölkerung nach Sicherheit wahrzunehmen, ritten linke Politiker lieber auf den angeblich rassistischen «Schäfchen-Plakaten» der SVP herum. Solch eine Verunglimpfung ist unseriös und wird von den Wählerinnen und Wählern nicht goutiert, wie es sich in diversen Wahlen später gezeigt hat.


Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihr politisches Engagement?

Mein Umfeld reagiert im Grossen und Ganzen positiv auf mein politisches Engagement, egal ob dies Ausländer oder Schweizer sind. Natürlich kommt es auch vor, dass manche Leute ein wenig unangenehm überrascht sind, wenn ich ihnen erzähle, dass ich in der SVP politisiere. Im Verlauf eines Gesprächs kann ich aber praktisch immer etwaige Missverständnisse ausräumen. Bis mir mein Gegenüber zum Schluss auch sagt: «Eigentlich hast du recht, aus dieser Perspektive habe ich es noch nie angesehen.»

Inteview: Güvengül Köz Brown


JUKIBU





Wie alle interkulturellen Bibliotheken in der Schweiz zeichnet sich auch die JUKIBU, die Interkulturelle Bibliothek für Kinder und Jugendliche in Basel, besonders durch die Sprach- und Integrationsförderung aus und leistet damit einen
wichtigen Beitrag zur Prävention von Diskriminierung und Rassismus. Interkulturelle Bibliotheken bieten schweizweit an 19 Standorten Bücher und andere Medien in über 60 Herkunfts-sprachen für die ausländische oder fremdsprachige Bevölkerung an. Der Erfahrungsaustausch, die kulturelle Vielfalt und das Zusammenleben mit Menschen aus verschiedenen Ländern stehen im Mittelpunkt. Die JUKIBU ist ein Ort der Begegnung und gibt den Besucherinnen und Besuchern das Gefühl, dass ihre Kultur und ihre Sprache willkommen sind. Das Klima des Verständnisses sowie der gegenseitigen Achtung hilft Vorurteile abzubauen, fördert die gegenseitige Toleranz und öffnet den Horizont. Die meist ehrenamtlichen Mitarbeitenden kommen aus allen Teilen der Welt – auch aus der Schweiz. Im vergangenen August hat
die JUKIBU den mit 15'000 Fr. dotierten Basler Integrations-preis erhalten. Hinter der Auszeichnung stehen die Kirchen Basel-Stadt, Novartis und die Christoph Merian Stiftung.

JUKIBU, Elsässerstrasse 7, 4056 Basel, www.jukibu.ch

Helene Schär


«RECHTSEXTREMISMUS IST EIN SCHEINBAR RIESIGES ABER DENNOCH KLEINES PROBLEM»





Das Internet bietet eine Plattform für rassistische und diskriminierende Äusserungen unterschiedlichster Art. Viele der diffamierenden Inhalte bleiben dabei der breiten Öffentlichkeit verborgen und ungeahndet. Das Internet-Streetworking Projekt der Basler Aktion Kinder des Holocaust (AKdH) versucht, Rechtsextreme im Netz zum Ausstieg und zu einer Entschuldigung zu bewegen. Wenn nötig, auch mit einer Anzeige.


Unter dem Deckmantel der Anonymität ist es verlockend, die Grenzen des Regulären – sowohl aus moralischer, wie auch aus rechtlicher Sicht – zu überschreiten. Eine Plattform für ausufernde Kommunikation bietet das Internet. Rassistische und diskriminierende Äusserungen scheinen im unendlichen Netz sicher vor der öffentlichen Wahrnehmung zu sein und erreichen trotzdem ihre Zielgruppe. Internet-Streetworking heisst ein Projekt, mit dem die Basler Aktion Kinder des Holocaust (AKdH) auf diese Gegebenheit reagiert und einen bestimmten aber sensiblen Zugang zu Rechtsextremen im Web sucht. Mit dem Ziel, die vor allem jungen Männer zur Einsicht und zum nachhaltigen Umdenken zu bewegen.


Zwei Formen von Rechtsextremismus

«Wir unterscheiden in unserer Arbeit zwischen symptomatischem und programmatischem Rechtsextremismus», erklärt Samuel Althof von der AKdH. «Ein symptomatischer Rechtsextremist sucht mit provokativen, pervertierten Mitteln nach Aufmerksamkeit. Da suchen wir den Kontakt. Programmatische Rechtsextreme hin-gegen, deren Ideologie stark verankert ist, können wir nur sehr selten erreichen.» Letztere stellen für Althof auch keine grosse Gefahr für die Gesellschaft dar, da sie über zu wenig Einfluss verfügen. «Der Alltagsrassismus ist die viel grössere Herausforderung, nicht der ideologische Rechtsradikalismus. Leider wird vor allem von den Medien nur den Extremen Aufmerk-samkeit geschenkt. Eine völlig falsche Entwicklung», so Althof. Der Alarmismus in den Medien sei kontraproduktiv, weil er desensibilisiert. Die Verantwortung von Diskriminierung und Alltagsrassismus wird von Otto Normalverbraucher weg in eine extreme Ecke geschoben. «Der ideologische Rechtsextremismus ist demgegenüber ein scheinbar riesiges aber dennoch kleines Problem.»
Die Mitarbeitenden der AKdH suchen Internetseiten mit rechtsradikalen Inhalten und den anonymen Kontakt zum Autor. Die Internet-Streetworker schlüpfen dabei in unterschiedliche Rollen, die das Gegenüber mit seinem Tun konfrontieren – als Autoritätsperson, als Kumpeltyp oder auch als Opfer. Das Ziel ist aber immer die reale Begegnung. Das Aufheben der Ano-nymität der Betroffenen ist ein wichtiger Schritt für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Fehlverhalten: «Erst wenn wir die tatsächliche Identität des Autors kennen, bieten wir an, auch unsere Identität zu lüften. Mit der Bedingung, dass es zu einem realen Treffen kommt.» Der im Internet gefestigte Kontakt muss in die Lebensrealität zurückgeführt werden. «Denn», so Althof, «eine Internetintervention ohne persönliche Begegnung verfehlt ihr Ziel.» Grundsätzlich stellt der
Psychiatriepfleger und psychologische Berater Althof eine Gesprächsbereitschaft seitens symptomatischer Rechtsextremer fest. Der Schritt in die reale Begegnung ist gleichwohl nicht zu unterschätzen. Der junge Mann überschreitet dabei eine Grenze und tritt seinem ursprünglichen Kontrahenten gegenüber. Der stigmatisierte Feind wird plötzlich real und zu einem Menschen und Gesprächspartner. Durch den persönlichen Kontakt wird ein Nach- und Umdenken über die eigenen rechtsextremen Wertvorstellungen angeregt. «Wenn sich jemand der Auseinandersetzung nicht stellen will oder rechtswidriges Verhalten vorliegt, greifen wir zudem zu einer Anzeige» so Althof. «Normalerweise reicht das, um einen Prozess in Gang zu setzen.» Aussteiger oder Angehörige aus deren Umfeld medial zur Schau zu stellen, erachtet Althof im gesamten Verlauf als ungünstig und die allermeisten wünschen das auch nicht, weshalb auch die MIX darauf verzichtet, Direktbetroffene zu Wort kommen zu lassen.


Wichtige Rolle des Umfelds

Das direkte Umfeld des Rechtsextremen spielt im Prozess eine wichtige Rolle. Eltern, Freunde wie auch Arbeitgebende werden möglichst früh in die Auseinandersetzung miteinbezogen. Bei Minderjährigen sowieso. Dass das für die Ausstiegsmotivation zentral ist, bestätigt auch eine Studie der Basler Univer-sität. Der verantwortliche Soziologe, Professor Ueli Mäder, meint, dass das Vertrauen im Umfeld ein wichtiger Baustein auf dem Weg zum Ausstieg ist. «Denn», so Mäder, «bei vielen Jugendlichen ist erkennbar, dass sie aus persönlicher Verunsicherung Halt im Autoritären suchen.» Er stellt klar, dass Menschen, die sich an Ungleichwertigkeitsvorstellungen und Gewaltakzeptanz orientieren, klare Grenzen aufgezeigt werden müssen. Zum Beispiel in der Konfrontation mit dem demokratisch legitimierten Gesetz.
Die Erfolgsaussichten sind relativ gross, gerade weil die Jugendlichen nicht in eine Ecke gestellt werden, sondern ein Dialog stattfindet. Die Auseinandersetzung basiert dabei auf klaren Verhältnissen und macht vor repressiven Massnahmen nicht halt. «Wenn die Betroffenen lernen, dass sich ihr
rechtsextremes Verhalten für ihre persönliche Entwicklung nicht lohnt, und das Umfeld dabei ebenfalls Verantwortung übernimmt, sehen die Jugendlichen ihren Fehler ein», fasst Althof zusammen. «Dann wird die von uns geforderte öffentliche Entschuldigung auch nicht zur leeren Worthülse».

Weitere Informationen: www.akdh.ch

Philipp Grünenfelder