«DIE SCHWEIZ BRAUCHT EIN ANTIDISKRIMINIERUNGSGESETZ»



Johan Göttl leitet die interkantonale Fachstelle Stopp Rassismus. Foto: z.V.g.


Vor zwei Jahren hat sich der Kanton Basel-Landschaft mit dem Aargau, Basel-Stadt und Solothurn in Sachen Rassismus zusammengeschlossen und die Beratungsstelle STOPP Rassismus ins Leben gerufen. Seither betreut die Stelle Betroffene von Rassismus und Diskriminierung. Ein Gespräch mit Johann Göttl, Jurist und Leiter von STOPP Rassismus.


Wann fängt Rassismus an und wo hört er auf?

Das ist schwierig zu beantworten. Rassismus ist etwas Diffuses und nicht einfach einheitlich zu definieren. Es ist vor allem bei den Betroffenen ein sehr emotional besetztes Thema. Man fühlt sich ungerecht behandelt und doch hat man das Gefühl, man hat nichts Konkretes in der Hand, um sich dagegen zu wehren.


Kommen denn viele Betroffene zu Ihnen?

Wir haben 2008 rund 30 Fälle betreut. Das tönt nach sehr wenig. Doch man darf nicht vergessen, dass wir mit lediglich 40 Stellenprozenten vier Kantone betreuen. Es kommt dazu, dass die Betroffenen aus Angst oder Scham oft keine Hilfe in Anspruch nehmen. Die Angst, zum Beispiel die Arbeit zu verlieren, überwiegt. Auf der anderen Seite sind die Erwartungen an uns oft sehr hoch, denn in den meisten Fällen kann man, aus Mangel an Beweisen, nicht viel erreichen – vor allem nicht auf dem Rechtsweg.


Welcher Personenkreis nimmt Ihre Beratungshilfe am meisten in Anspruch?

Oft sind es Migrantinnen und Migranten, die bereits der deutschen Sprache mächtig sind und sich in einem aktiven Integrationsprozess befinden. Die weniger gut «integrierten», scheinen mehr Mühe zu haben, an uns zu gelangen. Ein Teil unserer Arbeit besteht deshalb auch darin, diese Personen-gruppe zu motivieren, sich bei uns zu melden, wenn sie Diskriminierungen ausgesetzt sind. Wir besuchen deshalb zum Beispiel afrikanische Geschäfte und Kulturvereine, wo wir in direktem Kontakt mit den Menschen stehen. Vor allem Menschen afrikanischer Herkunft leiden oft an Alltagsdiskriminierungen – wie Einlassverweigerung in Restaurants und Clubs.


Wie sieht das Spektrum der Fälle aus?

Über die Hälfte der genannten Fälle stehen im Zusammenhang mit dem Vorgehen der Behörde – vor allem der Polizei. Das hat mittlerweile abgenommen, was natürlich auch mit dem
präventiven Charakter unserer Arbeit zu tun hat, auch wenn wir keine Präventionsstelle sind. Wenn man mit verschiedenen Fällen bei einer öffentlichen Stelle immer wieder vorstellig wird, dann setzt sich die Behörde damit auseinander. Die Polizei ist in der Zwischenzeit sehr für die Thematik sensibilisiert, was sehr viel zum Positiven verändert hat. Im Moment betreuen wir sehr häufig Fälle von Diskriminierung am Arbeitsplatz.


Was muss man sich unter Diskriminierung am Arbeitsplatz
vorstellen?

Mir kommen zwei konkrete Fälle in den Sinn: Beim ersten ging es um die Verweigerung von Leistungen der Arbeitslosen-versicherung. Ein West-Afrikaner, der in einem Restaurant-betrieb gearbeitet hatte, kündigte seine Stelle, weil er die herabwürdigende Behandlung seitens seiner Arbeitskollegen nicht mehr aushielt. Bei einer selbstverschuldeten Kündigung gibt es jedoch bei der Arbeitslosenversicherung Kürzungen der Leistungen. Wir mussten also beweisen, dass der Betroffene am Arbeitsplatz täglich unzumutbaren rassistischen Äusserungen ausgesetzt war. Dies jedoch zu beweisen, war nicht einfach, zumal der Arbeitgeber die Anschuldigungen von sich wies. Glücklicherweise hat sich dann ein ehemaliger Arbeitskollege des Afrikaners bereit erklärt, vor Gericht auszusagen und die Vorwürfe zu bestätigen. Ob dieser Erfolg dem Opfer eine Genug-tuung war, ist schwierig abzuschätzen, doch immerhin musste er nicht noch finanzielle Einbussen in Kauf nehmen. Beim zweiten Fall ging es um eine junge Türkin, die davon überzeugt war, dass sie wegen ihres Kopftuches in zwei Spitälern keine Praktikumsstelle bekam. Natürlich stand in der Absage nicht «...aufgrund Ihres Kopftuches müssen wir Ihnen leider einen negativen Bescheid geben...». Wir haben uns bei den Spitälern gemeldet und sie mit der Anschuldigung konfrontiert. Doch auch hier wollte man nichts von Diskriminierung wissen. Es kommt selten vor, dass ein Arbeitgeber dazu steht. Und da es oft schwierig ist, etwas nachzuweisen, bleibt es auf der Ebene der Vermutung. Wir haben trotzdem die Berufsbekleidungsregeln des Spitals unter die Lupe genommen und festgestellt, dass das Kopftuch mit der Pflegetätigkeit vereinbar ist, solange es die Arbeit nicht beeinträchtigt. Wir haben der jungen Frau diese Kleidungsrichtlinien ausgehändigt und ihr empfohlen sich darauf stützend nochmals zu bewerben. Tatsächlich hat sie die Stelle schlussendlich erhalten.


Was wollen Sie persönlich mit Ihrer Tätigkeit erreichen?

Alle haben diskriminierende Gedanken. Frage ist nur, was man damit macht. Die Arbeit, die wir bei Stopp Rassismus leisten, ist meiner Meinung nach sehr wichtig, weil wir einen Beitrag an die Bewusstseinsbildung und Prävention leisten. Nichtsdestotrotz denke ich, der Schweiz würde ein Antidiskriminierungsgesetz gut tun. Die Antirassismusnorm ist ungenügend, zu vage und oft nicht anwendbar.

Interview
Güvengül Köz Brown


Stopp Rassismus
Tel. 061 821 44 55
Dienstag: 9.00-12.00/14.00-17.00 Uhr
Mittwoch: 10.00-12.00 Uhr
Freitag: 9.00-12.00/14.00-18.00 Uhr
Info@stopprassismus.ch
www.stopprassismus.ch


«MITTEN UNTER UNS»




Tinesh auf dem Weg zu Frau Zimmermann
Foto: Güvengül Köz Brown


Seit zwei Jahren besucht der sechsjährige Thinesh regelmässig seine Gast-Grossmutter Iris Zimmermann, die 10 Minuten von seinem Elternhaus entfernt wohnt. Gefunden hat sich das ungewöhnliche Duo dank «mitten unter uns», einem Integrationsangebot des Roten Kreuzes Baselland. Unterwegs mit zwei Generationen, die mehr als Kulturaustausch betreiben.


Es ist wieder Montag. Iris Zimmermann freut sich, dass sie um 14.00 Uhr den kleinen Thinesh abholen kann. Sie muss nicht lange warten, bis man ihr die Tür öffnet. Die fünfköpfige Familie aus Sri Lanka erwartet die pensionierte Sozial-pädagogin bereits. Thinesh, das älteste von drei Kindern, hat schon seine Schuhe angezogen – zwar wie immer falsch herum – aber seine Freude, Iris Zimmermann zu sehen, ist riesig. Ganz besonders freut er sich auf seinen «Geist», einer Playmobile-Figur, mit der er am liebsten spielt, wenn er bei Frau Zimmermann wöchentlich für ein paar Stunden zu Besuch ist. Der Kindergärtner kann sich nicht so recht entscheiden, welche Baseball-Kappe er heute tragen soll. Die Wahl fällt auf die rote, wo sein Vorname mit wasserfestem Filzstift geschrieben steht. Es geht nicht lange und Tinesh ist fertig angezogen und der Nachmittag mit der rüstigen 67-jährigen kann beginnen.


Den Alltag gemeinsam erleben

Das Haus von Iris Zimmermann befindet sich inmitten der Gemeinde Binningen, unmittelbar an der Grenze zu Basel-Stadt. Doch schon der Eingang ihres Hauses verrät, dass hier nicht das urbane Lebensgefühl, sondern die Idylle im Mittelpunkt steht. Das moderne Gartenhaus mit viel Grün, Zwerghühnern, Katzen und Skulpturen, besticht durch die Liebe zum Detail. Ein Traumort – nicht nur für Kleine. Für Tinesh ist diese verträumte Umgebung schon beinahe Alltag, er rennt zielstrebig ins Haus und holt sich seinen heiss geliebten Geist. Langweilig wird es ihm nie, wenn er bei Iris Zimmermann ist. Ob Playmobile, Uno-Karten oder Scrabble-Spielsteine – Tinesh weiss sich zu beschäftigen. «Mein Mann und ich machen oft Ausflüge durch die ganze Schweiz mit ihm. Damit wir genügend Zeit haben, nehme ich ihn, wenn möglich, auch schon mal an einem Samstag zu uns. Er geniesst es ausserordentlich, dass er von Zeit zu Zeit im Mittelpunkt steht.» Viel Zeit zum Reden bleibt jedoch nicht, denn Thinesh hat Hunger. «Ich hunger, ich ässe», sagt er selbstbewusst. Beim Zubereiten des «z’Vieri» muss er aber mit anpacken. Er hat Glück, zum «z'Vieri» gibt es alles, was ihm schmeckt: Gurken, Brot und natürlich Cervelat mit scharfem Senf.

Als Iris Zimmermann vor zwei Jahren eine Info-Veranstaltung des Roten Kreuzes besucht hatte, wurde ihr eins sofort klar: «Ich wollte einem Kind Freude bereiten und als Gast-Grossmutter die Schweiz und ihre Eigenheiten dem Kind näher bringen. Das Engagement verpflichtet auch und man muss sich der Verantwortung bewusst sein und Freude daran haben. Und Thinesh hat so viel Freude, zu mir zu kommen, wie ich Freude daran habe, wenn er bei mir ist. Ich selber habe keine Enkelkinder, trotzdem ist es mir wichtig, den Jungen nicht als Ersatz anzusehen. Man muss zudem aufpassen, dass man emotional nicht in einen Konflikt mit den Eltern gerät. Ich ziehe klare Grenzen. Das bedeutet unter anderem, dass Küssen und Schmusen zwischen Thinesh und mir ein Tabu ist. Ich drücke meine Gefühle und mein Interesse anders für ihn aus. Und das funktioniert bestens.» Die Hauptziele von «mitten unter uns» bringt Corinne Sieber, Projektleiterin Rotes Kreuz Baselland so auf den Punkt: «Die Kinder sollen hier die Chance erhalten, sich in der Schweiz besser zurechtzufinden und die deutsche Sprache im Alltag, ausserhalb der Schule, anzuwenden. Das beinhaltet zum Beispiel auch, zu wissen, wie man Bücher in der Bibliothek ausleiht, wo die Sportvereine sind oder was die jeweiligen Gemeinden sonst noch anzubieten haben.» Iris Zimmermann übt ihre Gast-Grossmutter-Funktion mit Herz und Seele aus. Mit ihrem Elan und ihrer Freude erfüllt sie alle Ziele, die das Projekt «mitten unter uns» ausmacht. Tineshs ansteckende Begeisterung ist der beste Beweis für den Erfolg.

Güvengül Köz Brown


Mitten unter uns

2005 hat das Rote Kreuz Baselland das Projekt «mitten unter uns», das in Pratteln auf Gemeindebene bereits angeboten wurde, übernommen und weitergeführt. Das wegweisende Projekt wird auch im 2009 durch die Fachstelle Integration der Sicherheitsdirektion des Kantons Basel-Landschaft finanziell unterstützt. Die Hauptgemeinden, die das Projekt heute finanziell unterstützen und anbieten, sind: Binningen und Pratteln. Vermittlungen werden aber im ganzen Kanton gemacht.
Über Stellen wie Schule oder Familienzentren kommt das Rote Kreuz in Kontakt mit fremdsprachigen Kindern, die vom Projekt profitieren könnten. Nach intensiven Abklärungen mit den Gastfamilien und den Eltern der Kinder wird die Zuteilung bestimmt. 30 Kinder verbringen zurzeit einmal pro Woche einige Stunden bei Schweizer Gastfamilien. «Oft entsteht auch ein guter Kontakt zwischen den Gastfamilien und den Eltern der fremdsprachigen Kinder. Die Erfahrungen sind so positiv, dass auch erwachsene Migrantinnen am Projekt interessiert sind. Für diese Mütter organisieren wir auch Besuchsmöglichkeiten, teilweise mit ihren Kindern zusammen.», sagt Liliane Spescha, die für die Vermittlungen verantwortlich ist.


Gastfamilien gesucht

Das Rote Kreuz sucht Gastfamilien vor allem in Binningen und Pratteln, aber auch in Aesch, Allschwil, Basel-Stadt, Birsfelden, Liestal und Oberdorf. Sind Sie interessiert, dann melden Sie sich bei: Rotes Kreuz Baselland, Frau Sieber, Tel: 061 905 82 00. www.srk-baselland.ch