EINE SCHULE KÄMPFT FÜR GERECHTIGKEIT




Der von Jugendlichen des Gymnasiums Neufeld im Kanton Bern gegründete Solidaritätsfonds ist ein aussergewöhnliches Hilfswerk. Es verbindet ein längst vergessenes Kapitel der Weltgeschichte mit jugendlichem Engagement und der Überzeugung, den Romas in Lettland helfen zu können.


Nicht viele Opfer des Nazi-Regimes haben den Holocaust im 2. Weltkrieg überlebt. Die Überlebenden leiden auch 60 Jahre später an den Folgen von Hitlers menschenunwürdiger Ver-nichtungsmaschinerie. Das Bewusstsein, dass anderen Menschen geholfen werden muss, ist in der Bevölkerung oft da, aber ohne etwas zu tun, gibt es keine Hilfe. Manchmal braucht es kleine Erlebnisse, die zum Nachdenken und Handeln animieren. So ist es auch dem Gymnasiasten Kaspar Sutter im idyllischen Bern ergangen, als er 1997 die Sendung «Arena» im Schweizer Fernsehen sah. Das Thema «die Rolle der Schweiz im 2. Welt-krieg» löste lange Reden und hitzige Debatten aus und Kaspar erkannte, dass diese Politik den betroffenen Menschen in ihrer Situation kaum weiterhilft. Ihm wurde klar, dass Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus Unvorstellbares durchlebt und gelitten haben, schnelle und unbürokratische Hilfe benö-tigten. Nicht reden sondern handeln, stand für den damals jungen Schüler im Vordergrund. Er animierte seine Mitschüler, ihm zu helfen, etwas Sinnvolles zu tun und die Betroffenen zu unterstützen. Bereits wenige Wochen später gründeten sieben Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Neufeld den Solidaritätsfonds für die Opfer des Holocaust.


Von der Idee zum Projekt
Die ungewöhnliche Entstehung des Projektes stiess weltweit auf breites Medieninteresse und damit verbunden auch auf Unter-stützung von namhaften Politikern aus Israel und der Schweiz. An einem schweizweiten Sammeltag und zahlreichen anderen Benefizveranstaltungen konnte der Fonds bereits nach kurzer Zeit über 100’000 Franken einnehmen. Ein erster grosser Erfolg. 50'000 Franken wurden der israelischen Hilfs
organisation «Amcha» www.amcha.org überwiesen, die psychologische und finanzielle Unterstützung für jüdische Holocaust-Überlebende leistet. Gleichzeitig reiste im April 1997 eine Delegation von Schülern nach Ventspils in Lettland, um dort ein eigenes Hilfsprogramm in die Wege zu leiten. Die schwere und leider fast schon vergessene Geschichte der Roma während des 2. Weltkrieges hat sie erschüttert und dazu bewegt, ihnen schnelle Hilfe anzubieten. Sinti und Roma in ganz Europa in der Kriegszeit vernichtet wurden, kann man heute nicht mehr genau beziffern. Doch Historiker gehen von einer erschrecken-den Zahl von 500’000 Menschen aus. Von den Nazis verfolgt und gefoltert, ist es heute das Ziel der Projektmitglieder des Solidaritätsfonds, den überlebenden Roma vor Ort so schnell als möglich finanzielle Hilfe, in Form von Spenden, anzu-bieten, damit sie ihr Leben noch einigermassen unbeschwert leben können. Die Unterstützung soll in ihrer Heimat statt-finden. Gymnasiastinnen und Gymnasiasten führen das Projekt bis heute voller Engagement und tatkräftigem Einsatz weiter. Der Fonds konzentriert sich heute auf die Bezahlung von bescheidenen Renten an Roma in Lettland. Das macht pro Rente rund 75 Franken aus. Der Solidaritätsfonds unterstützt zurzeit 45 Personen und ihre Angehörigen in Lettland.


Traurige Geschichten, die zum Nachdenken anregen

«Den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten ist es wichtig, auch die Geschichten und Umstände zu kennen», sagt Moritz Achermann, ein Projektmitglied des Fonds. Deshalb wird so oft als möglich eine Reise mit den Beteiligten in den kleinen Ort Ventspils organisiert, um dort die hilfsbedürftigen Roma zu treffen. Um sich auch unterhalten zu können, ist eine Dolmetscherin vor Ort. Die Geschichten sind oft grausam und kaum vorstellbar. Man muss bedenken, dass die Roma auch heute noch in den grössten Teilen Europas unterdrückt werden. Ihre Lebens-situation ist oft aussichtslos. Die Roma in Lettland haben heute vor allem mit drei Problemen zu kämpfen: Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit und daraus entstehender Armut. Die Roma werden auch heute von der lettischen Bevölkerung nicht als vollwertige Bewohner des Landes akzeptiert und müssen dort, wie auch hier in der Schweiz, gegen harte Vorurteile kämpfen. Als Folge der Ausgrenzung rückt die Arbeitslosigkeit in den Mittelpunkt, die beinahe 100 Prozent beträgt – eine erschreckende Zahl. Die Grundbedürfnisse können so nicht gedeckt werden und die Kinder keine Schule besuchen, da das Geld fehlt. In der Folge nimmt die Armut immer weiter zu. Die Renten aus der Schweiz helfen nicht nur den direkten Holocaust-Opfern, sondern auch ihren Familienmitgliedern, um deren Zukunft zu sichern und den Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Die Berner Gymnasiastinnen und Gymnasiasten wagen sich unbeschwert und ohne Vorurteile an die Thematik heran und möchten so ihre Mitschülerinnen und Mitschüler auf die Schwierigkeiten aufmerksam machen, um auch die Folgen des
2. Weltkrieges nicht in Vergessenheit geraten zu lassen


Spenden sammeln ist nicht einfach

Durch die verlorene Aktualität des Themas Holocaust und die vielen negativen Schlagzeilen von Roma in unseren Medien ist es heute schwieriger, das Hilfsprojekt in Lettland finanzieren zu können. Heute sichern in erster Linie die Klassenpaten-schaften im Gymnasium Neufeld die Unterstützung. Eine handvoll Gönner, welche von Anfang an dabei war, leistet ebenfalls einen grossen finanziellen Beitrag. Bis heute hat der Soli-daritätsfonds über 600’000 Franken an die unter schwerer Armut und Diskriminierung leidenden Roma in Ventspils überwiesen, dank dem unermüdlichen und über Generationen andauernden Einsatz von Schülern. Das Ziel aller Beteiligten ist es, die Romas in Ventspils für ihr erlittenes Unrecht bestmöglich zu entschädigen und ihnen eine bessere Zukunft zu bieten.


Unermüdlicher Einsatz

Seit nun schon zwölf Jahren unterstützt der Solidaritätsfonds Holocaust-Überlebende. Das ist dem unermüdlichen Einsatz von Berner Gymnasiastinnen und Gymnasiasten zu verdanken. Auch Kaspar Sutter ist noch mit dabei. In Form eines jährlichen Treffens findet der Austausch zwischen ehemaligen und aktiven Projektmitgliedern statt. Schon mit einem kleinen Betrag kann geholfen werden. Alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich mit und werden somit nicht entschädigt. Die Schülerinnen und Schüler sind weiterhin voller Tatendrang. Sie haben noch eine Menge Zukunftsvisionen, wie Moritz Achermann bestätigt. «Wir möchten in Zukunft vermehrt auf die Aufklärung und Öffentlich-keitsarbeit setzen», sagt er voller Überzeugung. «Die Bevöl-kerung muss sensibilisiert werden, damit wir weiter Spenden sammeln können», meint er abschliessend.


Helfen auch Sie

Eine kleine Spende kann viel bewegen. Und so können Sie helfen:

Privatpatenschaft
Sie deckt eine volle Rente von 35 Franken im Monat ab und kostet 420 Franken im Jahr.

Teilpatenschaft
Der Spender bestimmt den Betrag für die Unterstützung.

Förderbeitrag
Ein Beitrag von 5 Franken im Monat und somit 60 Franken im Jahr.

Weitere Informationen unter:
www.solidaritaetsfonds.ch