MIT HUMOR UND GEDULD DURCHS LEBEN![]() Heydar Dorzadeh mit Courage und Optimismus unterwegs. Foto: Andi Cortellini Heydar
Dorzadeh ist mehr als nur ein aus dem Iran stammender Mann im Rollstuhl. Sein bewegtes Leben würde ein
ganzes Buch füllen. DIE MIX fängt mit der ersten Seite an. Das
Leben hat kein vorgeschriebenes Drehbuch. Viele Umwege begleiten unseren Werdegang und lassen uns an
manchen Tagen kurz innehalten. An anderen Tagen ist es geprägt von Momenten, die uns vor Freude laut
jauchzen lassen oder aber von unerwar-teten Schicksalsschlägen, die uns erschüttern. Gebe es für Schicksalsschläge
physikalische Gesetze, hätte sich Heydar Dorzadeh mit Händen und Füssen rechtzeitig dagegen gewehrt.
Heute könnte er sich zynischerweise nur mit den Händen dagegen wehren, denn der 43-Jährige, der aus
der iranischen Provinz Beluschistan stammt, sitzt seit über 20 Jahren im Rollstuhl. «Ich war gerade
13 Jahre alt, als die islamische Revolution im Iran ausbrach. Ich war ein Kind und doch war ich von
dem Moment an politisch aktiv», erzählt er mit einer Sachlich-keit, die aufhorchen lässt. Mit gesenktem
Kopf durchs Leben zu gehen, passt nicht zu ihm, aber wie ein grosser Revolutionär sieht er auch nicht
aus. Wenn man in sein Gesicht schaut, ist man irritiert von der Sanftmut, der Freundlichkeit und der
Bescheidenheit, die er ausstrahlt. Tugenden, die man einem Mann, der so viel durchgemacht hat, nicht
zutrauen will. Besteht der einzige Sinn des Lebens nicht darin, es zu leben, geht mir durch den Kopf.
Und sein ganzes Wesen antwortet mit einem klaren Ja, ohne es in Worte zu fassen. Humor
und Geduld Während Ajatollah Chomeini den schiitischen
Gottesstaat ausrief, fing für viele, die sich mit diesem Regime nicht anfreunden konnten, die Hölle
auf Erden an. «Ich gehöre der sunnitischen Minderheit der Beluschen an, vielleicht war das auch der
Grund, warum ich gegen die Islamisierung des iranischen Staates kämpfte. Doch meine Abstammung, mein
Glaube und mein politisches Engagement hatten schwerwiegende Folgen auf mein ganzes Leben. Ich konnte
nicht mehr im Iran leben, flüchtete nach Pakistan. Als ich 1989 die Grenze zum Iran überqueren wollte,
um an einer Beerdigung teilzunehmen, wurde ich durch die iranische Grenzwache mehrmals angeschossen:
in den Rücken und in die Füsse. Seither bin ich querschnittsgelähmt», erzählt er mit seinem melodiösen
Akzent, der nach Farsi klingt aber eigentlich Beluschi ist. Heydar Dorzadeh wirkt ruhig und bedächtig.
Wenn er im Satz eine Pause macht, – und er macht viele Pausen – legt er seine zusammengeballten Hände
auf den Tisch, so, als würde er beten wollen. Ob es nun Gott war oder das Leben ohne Drehbuch, einige
Monate nach dem fatalen Vorfall an der Grenze, wurde dem Albtraum von Heydar Dorzadeh ein Ende gesetzt.
«Dank der Hilfe des Roten Kreuzes konnte ich nach meinen schweren Schussverletzungen in die Schweiz
einreisen. Ich war bis dahin bettlägerig. Die ersten zweieinhalb Jahre habe ich auch hier im Spital
verbracht. Aber endlich hatte ich keine Angst mehr, dass jemand etwas gegen mich haben könnte.» Doch
es finden sich immer und überall Menschen, die etwas gegen andere haben, die nicht der Norm entsprechen
– auch in der Schweiz. «Obwohl ich meine Behinderung als mein grösstes Handicap sehe, bin ich in der
Schweiz auch noch ein Scheissausländer, ein Bastard oder ein Neger. Das schmerzt. Es mag absurd klingen,
wenn ich jetzt behaupte, dass ich im Iran in dieser Form Rassismus nie erlebt habe. Immerhin bin ich
von dort geflüchtet, weil ich an Leib und Leben bedroht war. Doch man kann den Alltagsras-sismus nicht
mit dem politischen vergleichen. Die Verhältnisse im Iran sind geprägt vom religiösen Faschismus. In
der Schweiz leben wir in einer auf Völkerrechte gestützten Demokratie – das kann man nicht gleichsetzen.
Doch was auch mir in meinem Leben widerfahren ist, ich bewältige es mit Humor und Geduld. Eine andere
Wahl habe ich sowieso nicht.» Der
unermüdliche Idealist Auch wenn er selbst längst
Schweizer Bürger ist, berühren ihn die Hoffnungen, Träume und Probleme der Menschen, die in der Schweiz
um Asyl suchen. Als freiwilliger Übersetzer arbeitet er zwei bis drei Tage die Woche beim ökumenischen
Seelsor-gedienst für Asylsuchende in Basel. In der Empfangsstelle bieten die Seelsorger den Neuankommenden
das persönliche Gespräch an und unterstützen sie unter anderem mit Infor-mationen und der Vermittlung
von Rechtsberatung. «Jeder, der seine Heimat unfreiwillig verlassen muss, hat die Hoffnungen auf ein
besseres und sicheres Leben. In der Empfangsstelle ist man jedoch weiterhin unsicher und verängstigt,
weil man nicht weiss, wie es weiter geht. Umso mehr freuen die Neuankömmlinge sich, wenn ihnen jemand
zur Seite steht, der ihre Sprache spricht und ihre Sorgen nicht nur kennt, sondern auch versteht. Sie
schenken mir grosses Vertrauen, denn sie wissen, ihr Leben war auch mal meines – das verbindet.» So
träumt Heydar Dorzadeh weiter von einer gerechteren Welt ohne Diskriminierung, Unterdrückung und Fremdenfeindlichkeit. Güvengül
Köz Brown. | |||||||||||||||||||||||||||||||







