ALLTAGSRASSISMUS – WENN AUSGRENZUNG UND DISKRIMINIERUNG ZUR NORMALITÄT WIRD![]() ![]() Das Nebeneinander der Nationen funktioniert an den Hausfassaden oft besser als im Alltag. Foto: picturebale Rassismus
ist ein verpöntes Phänomen und der Begriff ruft negative und erschreckende Bilder hervor. Rassismus
zu kritisieren und zu verurteilen, fällt den meisten Menschen leicht. Den Alltagsrassismus erkennt hingegen
kaum jemand. Subtil dringt er in allen Lebensbereichen an die Oberfläche. Doch wo liegt die Grenze zwischen
Harmlosigkeit und Gefahr? MIX sprach mit Betroffenen und Expertinnen und möchte für Tatsachen sensibilisieren,
die kaum jemand wahr-haben will. «Vor
einigen Tagen war ich mit meinem Sohn im Bus unterwegs. Später stiegen zwei ältere Damen zu, nahmen
gegenüber von uns Platz und begrüssten uns mit einem Lächeln. Sympathisch, dachte ich mir. Doch der
erste Eindruck sollte nicht lange anhalten. Ihr Gespräch wurde unüberhörbar: «Die lassen ja in der Zwischenzeit jeden in die Schweiz rein. Letztes Jahr kamen über 100'000 Ausländer
zu uns und das trotz Wirtschaftskrise. Das ist doch verantwortungslos. Ich verstehe das nicht! Wo kommen
wir da hin, wenn bald mehr Afrikaner hier leben als Schweizer?» Mein zehnjähriger Sohn, der den Frauen
direkt gegenüber sass, hat eine dunkle Hautfarbe und ich selber sehe auch nicht gerade aus wie eine
Norddeutsche.» Die 41-jährige Yasemin S.* möchte unerkannt bleiben wie viele andere, die den alltäglichen
Rassismus immer wieder am eigenen Leib erfahren. Zu gross ist die Angst, als undankbare Schmarotzerin
zu gelten, zu schmerzhaft die gemachten Erfahrungen und Erinne-rungen. Zudem hilft es Betroffenen wenig,
ins Rampenlicht gerückt zu werden. Sie haben das Bedürfnis, einfach einen normalen Alltag leben zu können.
«Ich liebe die Schweiz. Sie ist seit über 30 Jahren mein Zuhause und die positiven Erlebnisse mit Einheimischen
überragen weitaus. Verletzende Äusserungen wie diejenigen im Bus machen mich zwar wütend, lassen mich
aber nicht verzweifeln. Da bin ich sehr pragmatisch und wehre mich auch, wenn nötig.» Der
salonfähige Rassismus Alltagsrassismus ist subtil
und versteckt. Er wird kaum als Rassismus wahrgenommen, ist in vielen Bevölkerungsschichten salonfähig
und wird von den Diskriminierenden selbst nicht als solcher eingestuft. Dabei kann man sich durchaus
rassistisch verhalten oder auch nur denken, ohne dass man die Ideologie als solche verinnerlicht hat.
«Der Alltagsrassismus basiert auf dem bewussten oder unbewussten Bedürfnis, sich über andere zu erheben.
Er gibt das trügerische Gefühl, besser zu sein als andere, indem er Ressentiments schürt und somit wie
Balsam auf die eigene verletzte Seele wirkt. Verpackt in Witze, Humor oder Kinderbücher zum Beispiel,
droht meist keine Klage wegen Diskriminierung, wie beim offenen Rassismus – Lachen ist anscheinend immer
erlaubt. Umso wichtiger ist es, dass wir uns gegenseitig darauf aufmerksam machen», erklärt Ueli Mäder,
Professor für Soziologie an der Universität Basel und der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Wir machen
alle schon vom Kindesalter an die Erfahrung, wie wir auf Kosten von andern profitieren können. Das disponiert
uns zum alltäglichen Rassismus». Die Grenzen zum extremen Rassismus am rechten Rand der politischen
Skala sind fliessend. Rassismus beginnt aber schon viel früher und kann jeder und jedem innewohnen.
Dabei sticht ein Faktor heraus, der den Nährboden für Diskriminierung und Ausgrenzung bildet. «Gefährlich
ist, wie sich die soziale Schere öffnet. Wer sozial absteigt, fühlt sich verletzt. Nicht selten richtet
sich die Wut dann gegen sozial Benachteiligte», beobachtet Ueli Mäder. Geschwächte stellen sich selber
in diesem Hierarchieprinzip also über vermeintlich noch Schwächere: Ausländer, Behinderte, Andersgläubige,
Sozialleistungsbezüger oder Homosexuelle. Dabei kommt bei fast allen diesen Gruppen
die Angst vor Unbekanntem und Fremdem, nicht der Mehrheit entsprechenden hinzu. Über Jahr-zehnte transportierte
Vorurteile und Stereotype werden zu vermeintlicher Wahrheit und bilden die Grundlage zu Kategorisierungen,
die Individualität verneinten und eine Gruppe als ganzen, angreifbar macht – ohne, dass es im alltäglichen
Smalltalk noch auffällt. Diese Mechanismen gelten für Schweizerinnen genauso wie für Ausländer gegenüber
oder untereinander. Rassismus kann in alle Richtungen gehen und kann jeden betreffen, die Opfer sind
beliebig auswählbar. Für Hans Stutz, Journalist und ausgewiesener Kenner der rechtsextremen Szene, ist
der Alltagsrassismus ein Phänomen, das sich in der breiten Gesellschaft längst etabliert hat: «Alltagsrassismus
wird nicht wie der historisch und ideologisch geprägte Rassismus skandalisiert. Er ist Norma-lität,
weshalb man schlussendlich wenig bis nicht schockiert ist, wenn Menschen afrikanischer Herkunft der
Zutritt in Diskotheken verweigert wird, wenn Jugendliche mit Migrationshintergrund keine Lehrstellen
finden oder wenn eine kosovarische Familie bei der Wohnungssuche meist Absagen
erhält.» Stereotype
Denkarten «Für mich spielt es grundsätzlich keine
Rolle, ob mich jemand aus politischer Überzeugung tätlich angreift, oder ob ich aufgrund stereotyper
Denkarten diskriminiert werde. Letzteres ist im Grunde genommen vielleicht nicht böse gemeint, aber
es wird nicht verstanden, dass diese Bilder ebenso mit rassistischen Assoziationen behaftet sind. Sogar
positiv gemeinte Assoziationen entlarven sich als Stereotype, denn afrikanische Vorfahren zu haben,
bedeutet nicht automatisch, ein guter Tänzer oder Sänger zu sein. Schwarzen wird in der Unterhaltungsindustrie
und im Sport viel zugetraut, aber für intellektuell anspruchvolle Dinge scheinen wir
in den Köpfen der meisten Menschen nicht geeignet zu sein.», meint etwa der 35-jährige
Afroschweizer David D.*. Auch Mehmet B.* muss sich oft rechtfertigen. Dass ein aus der Türkei stammender
Mann Deutsch und Geschichte studiert hat und als Lehrer tätig ist, irritiert – nicht
nur Schweizerinnen und Schweizer, sondern auch Menschen mit Migrationshinter-grund. Gleichzeitig stellt
er solche Phänomene in einen übergeordneten Zusammenhang und meint, «was heute noch als aussergewöhnlich
gewertet wird, ist morgen schon ganz normal. Der «Kanacke» von heute ist der Lieblingsmigrant von morgen.
Momentan belegen Menschen vom Balkan, aus Afrika und der Türkei wohl die letzten Plätze der Beliebtheitsskala.»
Solche landläufigen Ranglisten prägen den Alltag der Betroffenen – auch mit der Polizei. «Wenn ich wegen
einer Ausweiskontrolle angehalten werde, bin ich in erster Linie der Türke und somit ein potenzieller
Krimineller. Einmal behauptete ein Beamter bei einer Polizeikontrolle, bevor ich meine Identitätskarte
vorgewiesen habe, dass wir uns bereits kennen würden. Wahrscheinlich sehen für ihn alle Mehmets gleich
aus.» Mit Vorurteilen von Behörden hat auch der nigerianisch-englische Doppelbürger Michael A.* Erfahrungen
gemacht. «Als freischaffender IT-Spezialist habe ich lange Jahre sehr gut verdient und war in der Lage,
mir ein teures Auto zu leisten. Da wird man bedenklich oft von der Polizei angehalten. Einmal war der
erste Kommentar seitens des Be-amten, ob ich denn nicht wisse, dass der Verkauf von harten Drogen in
der Schweiz verboten sei. Als gebe es keine legalen Möglichkeiten für einen schwarzen Mann, sich ein
teures Auto leisten zu können.» Junge Männer aus dem Balkan oder afrikanischer Herkunft spüren die rassistische
Diskriminierung im Alltag vor allem vor den Türen von Discos, Bars und Nachtclubs, wo ihnen der Einlass
oftmals verwehrt bleibt. Gegen diese diskriminierende Einlassverweigerung, die gemäss der Rassismusstrafnorm Art. 261 bis Abs. 5 StgB verboten ist, haben die Eidgenössische Kommission gegen
Rassismus (EKR) und die Gewerbepolizei eine Sensibilisierungskampagne gestartet, die auch von anderen
Städten übernommen wird. Beratungsstellen
helfen weiter Alltägliche und auf den ersten
Blick banal erscheinende Diskriminierung und Ausgrenzung können für die Betroffenen folgenschwere psychologische
Auswirkungen haben. «Alltags-rassismus mag vielleicht nicht so aggressiv sein, wie Rechtsextremismus,
das ist aber kein Trost für die Betroffenen. Wer schubladisiert, grenzt den Anderen aus und aberkennt
den Einzelnen ihre Individualität und Integrität», betont die Seconda Yasemin S.*, «und oft fühlt man
sich damit alleine». Umso wichtiger sind die Meldestellen sowie Beschwerde- und Beratungsinstanzen,
die Migrantinnen und Migranten, aber auch diskriminierten Schweizerinnen und Schweizern zur Seite stehen.
Spezialisierte Einrichtungen stehen den Betroffenen sowohl auf kantonaler wie auch auf Bundesebene (vgl.
Beratungsstellen S. 28) zur Verfügung. So zeigt die Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB) vom Eidgenössischen
Departement des Innern (EDI) mit dem «Rechtsratgeber rassistische Diskriminierung» (zu beziehen bei
der FRB) anhand konkreter Beispiele Wege auf, wie man sich gegen rassistische Diskriminierung zur Wehr
setzen kann. «Wir bieten mit diesem Ratgeber Tipps, was man bei diskriminierenden Verhaltensweisen unternehmen
kann und welche rechtlichen Möglichkeiten Betroffenen zur Verfügung stehen», erklärt Christine Kopp
von der FRB. «Wir selber greifen bei Konfliktfällen nicht ein, bieten aber fachliche Unterstützung und
vermitteln Adressen, die auch auf unserer Homepage abrufbar sind, zu Institutionen, die sich im Kampf
gegen Rassismus engagieren.» Die Hauptkompetenz der FRB liegt in der Koordination von Aktivitäten zur
Prävention von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit auf eidgenössischer, kantonaler und
kommunaler Ebene. Gleichzeitig unterstützt sie finanziell jedes Jahr Projekte, die sich gegen Rassismus
und für Menschenrechte einsetzen, unter anderem auch das solothurnische Projekt «Rassistische Diskriminierung
im Spital verhindern» (vgl. S. 23) oder das Berner Schulprojekt «Ethnopoly» (vgl. S. 21). In ihrem ersten
Bericht über Rassis-musvorfälle 2008 fasst die EKR gemeinsam mit Humanrights.ch/ MERS
Rassismusvorfälle zusammen, die von fünf Beratungsstellen für Rassismusopfer erfasst wurden. Er macht
deutlich, dass rassistische Diskriminierung in allen Lebensbereichen und in unterschiedlichsten Formen
vorkommt. Am meisten von Rassismus betroffen sind in der Schweiz Menschen anderer Hautfarbe
und Personen aus Südosteuropa, aber vermehrt auch Mitteleuropäer, was zuletzt in Zürich im Sommer 2008
etwa zu organisiertem Aufschlitzen von Pneus an Autos mit deutschem Nummernschild geführt hat. Der Bericht
zeigt zudem deutlich, dass es in vielen Landesteilen noch an Beratung mangelt und dass schon in der
Schule und bei der Lehrstellensuche Probleme augenfällig werden. Hindernis
Lehrstellensuche Diskriminierung geschieht bereits
im Kindergarten und in der Schule, denn die Chancengleichheit im Zugang zu Bildung ist oft nicht gegeben.
Besonders benachteiligt sind ausländische Jugendliche aus bildungsfernen Familien wie aus Sri Lanka,
Ex-Jugoslawien oder der Türkei. Nicht nur in Zeiten schlechter Konjunkturlage verschlechtert sich der
Lehrstellenmarkt für sie. Bis zu 20 Prozent der Jugendlichen bleiben erwerbslos. Travail-Suisse,
die Dachorganisation der Arbeitnehmenden, macht darauf aufmerksam, dass Jugendliche mit Migrations-hintergrund
bei der Lehrstellenvergabe nachweislich benachteiligt werden. Aus diesem Grund fordert sie von der öffentlichen
Verwaltung, diese Zielgruppe bei der Lehrstellen-vergabe angemessen zu berücksichtigen. In ihrer Vorbild-funktion
soll sie beispielsweise so genannte A-Profil-Lehrstellen anbieten, um auch schulisch weniger begabten
Jugendlichen einen Berufseinstieg zu ermöglichen. Auch für Sabine Bürk, Leiterin Human
Resources bei der Versicherungsgruppe Sympany, ist es ein offenes Geheimnis, dass manche Lehrbetriebe
Bewerbungen von Jugendlichen aus bestimmten Ländern nicht einmal sichten, sondern direkt zurücksenden.
«Wir legen hingegen Wert darauf, dass jede Kandidatin und jeder Kandidat eine faire Chance erhält. So
sind Sprachkenntnisse in Deutsch wichtig, die Herkunft ist aber ansonsten irrelevant.» Es übernehmen also auch Firmen aus der Privatwirtschaft gesellschaftliche Verantwortung und gehen als gutes
Beispiel voran – gerade im Bereich Chancengleichheit. «Wir haben bei Sympany vor drei Jahren A-Profil-Lehrstellen
geschaffen, um auch schulisch schwächeren Jugendlichen eine Chance zum Berufseinstieg zu geben.» Eine
davon ist Maja Lovrinovic, die zurzeit eine Lehre als Büroassistentin absolviert. Die junge Frau ist
überzeugt, dass die Abstammung alleine nicht zwingend zu einer verminderten Chance auf dem Arbeitsmarkt
führen muss. «Wenn man sich richtig anstrengt, gute Noten schreibt, sich korrekt und frühzeitig bewirbt,
erhalten alle die gleichen Chancen. Es gibt ja Unternehmen, die in Inseraten ausdrücklich ausländische
Lernende suchen, da könnte sich ja ein Schweizer auch diskriminiert vorkommen.» Steffi Wirth von Blarer,
die im Mentoring Programm beider Basel Jugendliche beim Übergang von der Schule in eine Lehre begleitet,
weiss, dass es wichtig ist, ausländischen Jugendlichen klarzumachen, dass sie sich nicht in eine Opferrolle
begeben dürfen. «Natürlich erleben wir es, dass gute Schülerinnen und Schüler mit ganz diffusen Begründungen
eine Absage erhalten oder nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Aber vor allem
jene ausländischen Jugendlichen, deren schulische Leistungen sehr schlecht sind, glauben gerne, dass
sie Opfer von Rassismus sind. Diese verzerrte Wahrnehmung gilt es auch zu thematisieren und wirkliche
Lösungswege aufzuzeigen.» Globalisierung
und Rassismus bis ins Ehebett Gesellschaftliche
Verantwortung liegt auch im globalisierten Wirtschaftsumfeld nicht nur bei Unternehmen und Arbeitge-benden.
Denn auch in den eigenen vier Wänden ist die Globali-sierung längst vollzogen. Binationale Partnerschaften
und Familien etwa, in denen zwei Kulturen zusammen kommen, sind hierzulande längst keine Ausnahme mehr
und bilden ganz spezielle Grundlagen für Rassismus. Knapp die Hälfte aller Ehen in der Schweiz wird
von Menschen unterschiedlicher Nationalität geschlossen und immer mehr Kinder haben interkul-turelle
Eltern. «Im Zeichen der Zeit und der wirtschaftlichen Mobilität innerhalb Europas heiraten Schweizer
Männer vorwiegend deutsche Frauen, gefolgt von Brasilianerinnen, Thailänderinnen, Italienerinnen und
vermehrt Frauen aus dem ehemaligen Ostblock. Schweizer Frauen hingegen wählen ihren Partner eher im
europäischen Raum und nicht wie oft angenommen aus Drittstaaten», erklärt Gabriella Ess, Leiterin der
Basler Beratungsstelle für binationale Paare und Familien. Dass solche Beziehungen von Anfang an zum
Scheitern verurteilt sind, bezweifelt sie. «Jede Partnerschaft ist mit Auseinandersetzungen verbunden
und stellt eine persönliche Herausforderung dar». Auch Yasemin S.* war vier Jahre mit einem Mann aus
der Karibik verheiratet. Sie lernte dabei auch die Konfrontation mit dem Umfeld kennen: «Als wir frisch
zusammenkamen, waren nicht nur Schweizerinnen und Schweizer überrascht, sondern auch Landsleute meines
Partners. Kommentare wie «wo hast du denn die kennen gelernt, die ist ja gar nicht dick wie die anderen
Frauen, die mit schwarzen Männern zusammen sind», waren keine Seltenheit. Auf der anderen Seite gab
man mir in meinem Umfeld das Gefühl, dass ich verzweifelt sein müsse, einen schwarzen Mann zu heiraten.»
Auseinandersetzungen, die viele binationale Paare zu überwinden haben. Auch ausländerrechtliche Hürden,
sprich das Fehlen einer Aufenthaltsbewilligung, führen aus Mangel an Alternativen oft zur schnellen
Eheschliessung, um sich besser kennen lernen zu können und wenigstens diesbezüglich weniger Reibung
zu erfahren. Aus ihrer Arbeit kennt Gabriella Ess diese Sorgen: «Gesellschaftliche Inakzeptanz und latente
Vorurteile gehören für solche Paare zum Alltag. Ich erlebe oft, dass Ratsuchende schon froh sind, mit
jemandem zu sprechen, der nicht von Anfang an negativ eingestellt ist.» Alltagsrassismus
versus Rechtsextremismus Während also Alltagsrassismus
in der breiten Bevölkerung grosse Toleranz erfährt, sind in der Schweiz kaum Sympathien für Rechtsextremismus
vorhanden. Der Beobachter der rechts-extremen Szene, Hans Stutz, erklärt warum: «In der Schweiz gibt
es innerhalb der zivilen Bevölkerung einen Widerstand gegenüber Rechtsextremen. Man toleriert politisch
extreme Erscheinungen nicht.» Gemäss dem letztjährigen Bericht zur inneren Sicherheit
der Schweiz ist die Zahl rechtsextrem motivierter Ereignisse zwischen 2007 und 2008 um rund 30 Prozent
gesunken. Er betont jedoch gleichzeitig, dass das Gewaltpotenzial der rechtsextremen Szene weiterhin
bestehen bleibt. Der gegenwärtige Rechtsextremismus in der Schweiz ist auf die 1990er Jahre zurückzuführen,
wo Aktivitäten und Gewaltakte mit rechtsextremem Hintergrund stark zunahmen und vor allem Skinheads
mit öffentlichen Auftritten auf sich aufmerksam machten. Die Berner Gemeinde
Münchenbuchsee wollte dieser Entwicklung aktiv begegnen, nachdem im Ort vermehrt Ausländer tätlich angegriffen
wurden. Es sollte ein bewusstes Zeichen gegen Gewalt und Rassismus sein. Aus der Not wurde im November
2000 das Beratungs- und Informations-Projekt Gemeinsam
gegen Gewalt und Rassismus (gggfon) ins Leben gerufen. «Dank unserer präventiven Arbeit hat sich die
Situation in Münchenbuchsee bereits nach acht Monaten beruhigt. Wir mussten aber feststellen, dass Gewalt
und Rassismus nicht an Gemeindegrenzen halt machen», erklärt Giorgio Andreoli, Projektleiter und Initiator
von «gggfon». Ein Verein für die Region Bern beschloss daraufhin, die Trägerschaft für die Regionalisierung
des «gggfon» zu übernehmen und die Beratungsdienstleistungen auch ausserhalb von Münchenbuchsee anzubieten.
Seither sind knapp 60 Gemeinden aus der Region Bern und Burgdorf als Mitglieder zusammen gekommen. «Wir
können nur dann er-folgreich sein, wenn wir auch die Bevölkerung hinter uns haben. Wenn sich eine Mehrheit
geschlossen gegen rechtsextreme Entwicklungen stellt und auch öffentlich dazu steht, dass Rassismus
im eigenen Dorf nicht geduldet wird. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Szene aus
dem öffentlichen Raum zurückzieht. Dabei geht es nicht um parteipolitische Interessen, nicht um Links-Rechts
Schemata oder Polemisierung, hier geht es um Menschenrechte und Menschenwürde. Für die Mehrheit der
Bevölkerung sind diese unantastbar, das ist toll», freut sich Giorgio Andreoli. Der
scheinbare Widerspruch zwischen dem Rückgang von rassistisch motivierten Gewalttaten und der gleichzeitig
stabil gebliebenen Mitgliederzahl von rechtsextremen Organisationen überrascht den Sozialarbeiter Andreoli
nicht. Er beobachtet einen Trend zur Tarnung. Die Zugehörigkeit zur rechtsextremen Szene wird mittlerweile
nicht mehr durch eine einheitliche, äussere Erscheinung manifestiert, sondern durch Individualität:
«Die rechtsextreme Szene hat heute ein anderes Gesicht als noch vor zehn Jahren. Sie laufen nicht mehr
alle mit Glatze, Bomberjacke oder Springerstiefel herum. Sie sind auch besser organisiert, versuchen
sich auf politischer Ebene zu etablieren und distanzieren sich sogar oft selbst von gewalttätigen Aktionen.
Das Internet (vgl. S. 19) ermöglicht als neues Massenmedium eine weitere Dimension zur Verbreitung von
neonazistischer Propaganda und zur europa- und weltweiten Vernetzung von Gleichgesinnten.» Diese auf
Legitimation hinarbeitende Entwicklung wird im Sicherheitsbericht der (fedpol) wie folgt zusammengefasst:
«(...) Sie stehen zunehmend auch öffentlich zu ihren Überzeugungen, ersuchen die Behörden um Demonstrationsbewilligungen
und pochen auf Grundrechte (...)». Somit wird der Faustschlag ins Gesicht durch das Verteilen von Flyern
im öffentlichen Raum ersetzt. Für die Gesellschaft ist der radikale Rechtsextremismus trotzdem keine
grosse Gefährdung, denn, so der Soziologe Ueli Mäder, «die Schweiz hat eine demokratische Tradition
sowie eine relativ gute soziale Sicherheit. Das fördert den sozialen Zusammenhalt und gibt die notwendige
Stabilität für eine Gesellschaft.» Gleichzeitig mahnt er aber auch, dass «soziale Gegensätze verunsichern.
Sie erhöhen die Gefahr, Halt bei autoritären Kräften zu suchen, die einfache Antworten parat haben». Aufmerksam
bleiben Ein abschliessender Überblick über die
Formen von Diskriminierung, Herausbildung von Stereotypen über den Alltagsrassismus hin zum Rechtsextremismus
lässt sich nicht gewinnen. Zu fliessend sind die Übergänge und zu wenig differenziert wird oft darüber
berichtet. Extreme bleiben mediales Thema, weniger aufdringliche Formen von Unterdrückung hingegen versinken
im Alltagstrott und bleiben unentdeckt respektive uninteressant für die Allgemeinheit. Hier gilt es,
trotz vielfältigen Angeboten für Betroffene und Hinweisen von Fachstellen, für jede einzelne und jeden
einzelnen, Verantwortung zu übernehmen und aufmerksam zu bleiben. *alle
Namen wurden von der Redaktion geändert. Güvengül Köz
Brown Philipp Grünenfelder Manifest
der vielfältigen Schweiz Die Eidgenössische Kommission
gegen Rassismus (EKR) hat Mitte August 2009 das «Manifest der vielfältigen Schweiz» lanciert. Institutionen,
Firmen, Verwaltungen, Schulen, Vereine, Organisationen, Parteien und sonstige Körperschaften sollen
dabei zu einem handfesten Bekenntnis zur Förderung der Vielfalt bewegt werden. Die Unterzeichnenden
sagen zu, in zwei selbst bestimmten Sparten Projekte umzusetzen, die der Förderung und Akzeptanz der
Vielfalt dienen. Die Ziele sollen machbar, messbar und realistisch für eine Umsetzung innerhalb von
zwei Jahren sein. Die EKR stellt ihre Website zur Führung des Journals zur Verfügung. Zudem sind befreundete
Organisationen mit Links zu ihren Projekten auf der Webseite präsent. www.ekr.admin.ch (Rubrik Dienstleistungen). Helvetia
steht wieder für Integration ein Die Integrationsstellen
der Kantone Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern, Solothurn sowie Zürich haben die wohl bekannteste
mythische Frauenfigur der Schweiz wieder zum Leben erweckt und zur neuen Symbolfigur der Integration
erkoren. Im Rahmen des Festivals «Open Hearts – eine Schweiz mit Herz» hatte sie am 30. Juli 2009 ihren
ersten grossen Auftritt auf der Bühne. Für die Integrationsdelegierten der sechs Kantone ist der Einsatz
der Helvetia ein logischer Schritt bei ihrer gemeinsamen Kampagne. «Wie damals, als die junge Eidgenossenschaft
gegründet wurde, brauchen wir auch heute für die Festigung der schweizerischen Identität eine nationale
allegorische Figur, eine Landesmutter, die alles vereint, was zusammen lebt», so Roland Beeri, Integrationsdelegierter
des Kantons Bern. Die Helvetia wird künftig auf Integrationsanlässen ihre Botschaften in der ganzen
Schweiz verbreiten. Weitere Infos:
www.gggfon.ch, www.binational.ch | |||||||||||||||||||||||||||||||








