Frech aus Not




Autor und Filmemacher Yusuf Yesilöz. Foto: Limmatverlag


Firat studierte an einer Schweizer Hochschule. Er wollte ein guter Lehrer werden. Er fuhr drei bis vier Mal in der Woche nach Deutschland zu seinen Eltern. Jedes Mal bei der Rückkehr kontrollierten die Schweizer Beamten ihn im ICE-Zug vor Basel, und der Mann mit dem Pferdeschwanz schämte sich richtig. Er hatte einen deutschen Pass. Er versuchte vieles, um diese schmerzlichen Grenzzeremonien zu umgehen: Manchmal ist er sogar bis zur Schweizer Grenze gefahren, dann in einem Basler Viertel illegal zu Fuss über die Grenze gegangen, das ist das Beste gewesen.

Einmal hat er einen Grenzbeamten ganz konkret gefragt. Er werde in Zukunft ja Kinder in der Schweiz unterrichten, warum man ihn immer noch als Verdächtigen betrachte? Der Beamte hat gesagt, er würde nur seinen Auftrag erfüllen.

Ein anderes Mal hat Firat, als er am Bahnhof in Freiburg im Breisgau stand und gerade an die Schweizer Grenzbeamten dachte, gesehen, dass ein Inder Tulpen verkaufte. Er kaufte einige Tulpen, von den schönsten natürlich, in der Hoffnung, er könne diese den Beamten schenken, und das nächste Mal würden sie ihn erkennen. Die Beamten aber liessen die Tulpen im Zug auf den Sitz fallen. Firat wurde im engen Raum neben der Toilette auseinandergenommen, also einer gründlichen Kontrolle unterzogen, die Beamten sahen sogar die Farbe seiner Unterwäsche. Er wurde verdächtigt, Beamte zu bestechen.

Ein weiteres Mal öffnete Firat sein Notebook vor sich, tippte vor der Grenze unermüdlich hinein und telefonierte am Handy wichtigtuend, in einem sehr gepflegten Deutsch natürlich. Sobald die drei Beamten den Waggon betraten, warf er laut mit Fachbegriffen um sich, wie: «Die Notwendigkeit der Partizipation ist das A und O bei einer Schulklasse, die Erfolg anstrebt», als würde er die Mitreisenden unterrichten. Dann, als die Beamten bei seinem Abteil waren, diskutierte er laut am Telefon die etymologische Herkunft irgendeines Begriffes. Er wurde aber von den Beamten in seiner Wichtigtuerei mit der Aufforderung «Uuswiis bittteeee!» unterbrochen.

Einmal erzählte seine Mutter Firat, wie sein Grossvater einst die Gunst einer Nachbarin, Frau Schmid, gewonnen habe: Diese Frau hat sich alle paar Tage einmal bei der Polizei beschwert über die grosse und laute kurdische Familie, die über ihr in der kleinen Wohnung lebte. Eines Tages hat der Grossvater den Mut aufgebracht, den deutschen Schäferhund von Frau Schmid zu streicheln und ihm Fleisch zu geben, heimlich im Garten. So gewann man in seinem Dorf die Hunde der verfeindeten Schäfer, mit denen man im Streit war wegen der Weide, wusste der Grossvater. Von da an störten nicht einmal die vielen Besucher der Familie die Frau Schmid, sie war wie eine von ihnen geworden. Ob Firat nicht auch so etwas mit den Schweizer Grenzbeamten ausprobieren könnte?

Auch wenn Firats Grossvater vor rund zehn Jahren gestorben war und seine Leiche in das kurdische Dorf gebracht worden war, fand er die Idee cool. So zog er sich an diesem Tag einen eleganten Anzug an, was seine Mutter sich schon immer gewünscht hatte. Als der Zug am Bahnhof in Basel anhielt, pochte sein Herz vor Angst und auch vor Freude. Er stieg aus. Wie befürchtet kamen drei Beamte auf ihn zu. Ihre Selbstsicherheit habe Firat sehr beeindruckt. Er lief schon auf dem Perron den drei Beamten, die einen Hund bei sich führten, in die Arme. Wie immer wurde er in bestimmtem Ton gefragt, ob er seinen Ausweis bitte zeigen würde. Lächelnd holte Firat ihn heraus, händigte ihn dem Mann aus, und während der Polizist die Ausweisnummer in ein Gerät eintippte, versuchte Firat, der in der linken Hand das noch verpackte Fleischstück trug, mit der rechten Hand das Tier zu streicheln. Kaum machte er die erste Bewegung in Richtung des Hundes, heulte dieser laut und knirschte mit den Zähnen, während er versuchte, sich auf Firat zu werfen. Zum Glück reagierte der zweite Polizist sehr schnell und beruhigte das Tier. Firat aber musste auf die Wache mitgehen.

Seine Bemühung, das Herz des Hundes zu gewinnen, wurde fälschlicherweise als Tierquälerei eingestuft und mit der Abnahme von Fingerabdrücken bestraft.

Yusuf Yesilöz*, Januar 2009

*Buchautor und Filmemacher. Letzte Publikation: «Gegen die Flut», Roman, erschienenen im September 2008 im Limmatverlag.