«TIBET IST EIN TEIL VON MIR.»




Yangzom Brauen, erfolgreich und vielseitig engagiert. Foto: Christian Stähler


Die Bernerin Yangzom Brauen ist eine erfolgreiche Schauspielerin und auf bestem Weg, in der Traumfabrik Hollywood Fuss zu fassen. Mit Filmgrössen wie Al Pacino und Charlize Theron stand sie bereits vor der Kamera. Doch während andere hoffnungsvolle Starlets ausserhalb der Filmsets vor allem durch Drogenexzesse und Sexskandale von sich reden machen, setzt sich die 29-Jährige für ein unabhängiges Tibet ein.


Sie sind nicht nur Schauspielerin, sondern auch eine engagierte Tibet-Aktivistin. Woher kommt dieses Engagement für Tibet?

Ich empfinde mich nicht als Tibet-Aktivistin, sondern bin eine normale Tibeterin, die sich für ihr verloren gegangenes Land einsetzt. Tibet ist ein Teil von mir. Meine Grossmutter und meine Mutter stammen aus Tibet und sind 1959, kurz nachdem seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, nach Indien geflüchtet ist, auch geflohen. Ich weiss, was sie durchgemacht haben, und wünsche mir so sehr, dass sie es noch erleben, in ein freies Tibet zurückzugehen, zumal meine Grossmutter immer noch mit der Hoffnung lebt, in Tibet sterben zu dürfen.


Welche Rolle spielt Heimat allgemein für Sie?

Für mich sind nicht Orte ausschlaggebend für Heimatgefühle, sondern sinnliche Erinnerungen und Momente, in denen ich mich wohlfühle. Der Geruch von brennendem Holz im Cheminée, die Stadt Bern im Winter ganz in Weiss, die Kuhglocken auf der Alp, Geschirrgeklapper aus der Küche – das sind Dinge, die bei mir heimatliche Gefühle auslösen.


Als Sie vor sieben Jahren gegen die Wahl Chinas zum Olympia-Gastland demonstriert haben, mussten Sie in Russland eine Nacht im Gefängnis verbringen. Wie fühlt man sich in dieser Situation?

Was wir damals erlebt haben, ist nicht zu vergleichen mit dem, was in chinesischen Gefängnissen vorgeht. Wir wurden nicht für 20 Jahre ins Gefängnis gesteckt, wir wurden nicht gefoltert oder vergewaltigt, wir wurden lediglich illegal für einige Stunden festgehalten. Illegal, weil wir nicht über unsere Rechte informiert wurden und keinen Anspruch auf einen Anwalt hatten. Ich fühlte mich schon machtlos, doch dank dem «richtigen Pass» sind wir am anderen Tag wieder herausgekommen. Tibeterinnen und Tibeter in Tibet haben aber nicht das Glück, im Besitz eines Schweizer Passes zu sein. So werden sie ohne einen gerechten Prozess verurteilt. Oftmals kommen Angeschuldigte gar nicht vors Gericht, sondern werden in Arbeitsumerziehungslager gesteckt. Diese Ungerechtigkeiten machen mich zutiefst traurig und wütend zugleich.


Hatten Sie nie Angst?

Angst hatte ich nur, als ich in einem Raum des Polizeigebäudes sass, über die Dächer von Moskau blickte und nicht wusste, wo wir uns befanden und was mit uns passieren würde. Unsere Protokolle wurden, nachdem wir sie signiert hatten, verändert. Dinge wurden dazugedichtet, die nicht der Wahrheit entsprachen. Es ist beängstigend, wenn die Wahrheit in Lüge verwandelt wird. Man ist machtlos und merkt, wie sehr man als Einzelner gegenüber dem Staat ausgeliefert sein kann.


Woher nehmen Sie den Mut, sich in prekäre Situationen zu begeben?

Ich bin nicht mutig, ich würde mich eher als «nicht feige» bezeichnen. Ich denke nicht an Mut, wenn ich mich für Tibet einsetze. Ich kämpfe friedlich für die Gerechtigkeit, dazu braucht es keinen Mut. Jeder sollte das tun, wo auch immer Ungerechtigkeit passiert.


Aus beruflichen Gründen leben Sie zurzeit in Los Angeles. Gibt es für Sie Unterschiede bezüglich des Sicherheitsgefühls in den USA und der Schweiz?

Den Menschen in der Schweiz geht es gut; sie sind entspannter und weniger hektisch als die Amerikaner. Es ist aber auch nicht verwunderlich: Wir haben nicht wie amerikanische Jugendliche 10000 Franken oder mehr Schulden, wenn wir mit der Ausbildung fertig sind. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist jede und jeder auf sich selbst gestellt. Es gibt kein grosses Sozialnetz, das einen auffängt. Ein Sicherheitsgefühl wie in der Schweiz gibt es in Amerika nicht.


Wo fühlen Sie sich persönlich sicher?

Ich schliesse meine Haustür ab, dann fühle ich mich nachts sicher. Ich schlafe so tief, dass ich nicht einmal von einem Erdbeben erwache. Nachts meide ich unbeleuchtete Strassen. Ansonsten gibt es bei mir keine Sicherheitsvorkehrungen. Ich bin allerdings sehr wachsam und versuche auch Dinge, welche hinter meinem Rücken passieren, zu spüren.

Güvengül Köz Brown