Die Angst vor dem Islam




Amira Hafner-Al Jabaji, Solothurner Islamkennerin. Foto: Urs Byland


Die Debatte über eine mögliche Islamisierung Europas ist geprägt von Polemik und Verallgemeinerungen. Terroranschläge und der dänische Karikaturenstreit haben ihre Spuren hinterlassen. Amira Hafner-Al Jabaji, ausgwiesene Expertin im interreligiösen Dialog, versucht auf die Verunsicherungen in der Bevölkerung einzugehen und aufzuklären.


Woher kommt die Angst vor dem Islam?

Sie ist vielschichtig, in Europa ist sie historisch in einer lange anhaltenden Rivalität von islamischen und christlichen Gesellschaftssystemen begründet. Andererseits wird der Islam bzw. die Muslime im Allgemeinen als Problemverursacher wahrgenommen. Wie sich Muslime positiv in die Gesellschaft einbringen, kommt kaum zum Ausdruck.


In Österreich, wo der Islam für Muslime als Pflichtfach gelehrt wird, hat eine Studie ergeben, dass 21,9 Prozent der lehrenden islamischen Religionslehrer die Demokratie ablehnen. Diese Erkenntnisse schüren wiederum die Angst vor einer so genannten Parallelgesellschaft. Wie interpretieren Sie das?

Die überwiegende Mehrheit von 80 Prozent spricht sich ja für die Demokratie aus. Auf dieser Gruppe muss aufgebaut werden. Das Demokratieverständnis der Geistlichen kann nicht auf die gesamte muslimische Population übertragen werden. Der Grossteil der Muslime will als gleichwertige Mitglieder unserer Gesellschaft gelten und nicht immer nur auf die religiöse Zugehörigkeit reduziert werden.


Kommen wir trotzdem auf die Ausbildung der Imame zu sprechen. Wie wird das im Kanton Solothurn bzw. in der Schweiz gehandhabt?

In der Schweiz gibt es bisher keine staatliche Imamausbildung. Die Imame werden auf unterschiedlichen Wegen rekrutiert. Manche Imame, die hierzulande lehren, werden vom türkischen Staat ausgebildet und für maximal fünf Jahre angestellt. In der Schweiz brauchte es aber Imame, die in der Gesellschaft verankert sind und um die Situation der Muslime in diesem Land Bescheid wissen. Sie sollten fähig und gewillt sein, nebst der gottesdienstlichen Tätigkeiten und Lehre sich in der Gemeinde auch interreligiös zu engagieren und langfristig als Gesprächspartner für Behörden zu dienen. Das heisst, dass neben den klassischen Fertigkeiten eines Imams noch zahlreiche weitere Kompetenzen vorhanden sein müssen. Ein solches Amt verlangt einen Studiengang. Neu bietet die Universität Freiburg immerhin eine Weiterbildung für muslimische Kaderleute an.


Der Streit um die Minarette schlägt seit Monaten hohe Wellen in der Schweiz. Hat die muslimische Bevölkerung ein Recht auf Moscheen? Und inwiefern tangiert die Diskussion die Religionsfreiheit?

Jeder Mensch hat das Recht, seine Religion im Einzelnen oder in der Gemeinschaft auszuleben. Diese Regel muss für Menschen aller Religionsgemeinschaften gelten. Was die Situation in der Schweiz angeht, so ist es eine Peinlichkeit, dass selbst hochrangigen muslimischen Gästen aus dem Ausland nichts anderes als umfunktionierte Fabrikgebäude als Gebetsstätten angeboten werden kann. Die Situation von vielen kleinen Hinterhofmoscheen ist zudem für die Integration und die Anerkennung der Muslime nicht dienlich und schürt ausserdem das Image eines randständigen Islams. Die Minarettdiskussion läuft für die Muslime in doppelter Hinsicht in die falsche Richtung. Erstens liegt das Bedürfnis nicht primär im Bau von Minaretten, sondern von würdevollen Gebetsstätten, was viele entsprechende Aussagen von Repräsentanten islamischer Organisationen gezeigt haben. Zweitens fällt es schwer, dieses Engagement gegen Minarette nicht als allgemeine Ablehnung gegen Muslime zu verstehen.


Wie können diese gegenseitigen Ängste abgebaut werden?

Auf beiden Seiten müssen die Leute der Mitte, also die gemässigten Kräfte, als Brückenbauer wirken. Zwei extreme Lager sind selten zu konstruktiven Gesprächen fähig. Unsere Gesellschaft sollte sich wieder vermehrt an der Mitte orientieren und nicht an den Scharfmachern auf beiden Seiten.


Oft wird der Islam mit Terrorismus in Verbindung gebracht. Wie gehen Muslime in der Schweiz mit solchen Vorurteilen um und wie manifestieren sich diese im Alltag?


Vor allem Männer mit arabischen Namen haben es schwer, etwa bei Geldtransfers ins Ausland sowie bei der Wohnungs- und der Arbeitssuche. Aber auch Frauen, die ein Kopftuch tragen, sind von Vorurteilen und Diskriminierung betroffen. Dies durch offene oder versteckte Anfeindungen im Alltag oder ebenfalls bei der Stellensuche. Der Frust ist gross, wenn in einer so genannten Leistungsgesellschaft das Kopftuch noch vor der eigentlichen Leistung steht.

Casper Eberhard


Amira Hafner-Al Jabaji, 1971 als Tochter eines Irakers und einer Deutschen in Bern geboren, studierte Islamwissenschaften, vorderorientalische Philologie und Medienwissenschaften. Sie ist seit 1996 freischaffend als Referentin und Publizistin in den Bereichen des Islams und des interreligiösen Dialogs tätig.


Den Ball treten, nicht den Schiedsrichter!




Fussballtrainer erweitern ihre Kompetenzen. Foto: z.V.g.


Gewalt unter Schweizer Juniorenfussballern hat in den letzten Jahren schon manchen lokalen Fussballverein gezwungen, Massnahmen zu ergreifen. Doch welche zeigen Wirkung? Die Juniorenförderung RegioGrenchen setzt auf die Weiterbildung von Trainern.


Sport kann die Verständigung unter Menschen fördern – im Sport kommt es aber auch zu Konflikten, die in Gewalt ausarten können. Das musste auch die Juniorenförderung RegioGrenchen erfahren. Besonders unter jungen Fussballern haben in den letzten Jahren Spannungen zugenommen. Rund um die Spiele, aber auch im Training häuften sich Anpöbeleien, Sachbeschädigungen und Schlägereien. Nicht nur an die Adresse von gegnerischen Mannschaften, sondern auch innerhalb der Teams.

Die Juniorenförderung RegioGrenchen und insbesondere deren Präsident Beat Lauper wollten dem nicht tatenlos zusehen und beauftragten – auf Initiative des Kantons Solothurn – die interkulturelle Sprachschule DeutschImpuls, ein Konzept zur Unterstützung der Juniorenfussballtrainer zu erarbeiten. Daraus entstanden ist ein Weiterbildungsangebot zu den Themen Gewaltprävention und Integration. Joanna Krawczyk, Projektleiterin, betont: «Auch wenn beim Fussball Emotionen eine grosse Rolle spielen, wäre es falsch, zu behaupten, dass Fussball per se Gewalt produziert. Die Ursachen dafür sind vielfältig und komplex.»


Kommunikation als Schlüssel zur Gewaltprävention

Joanna Krawczyk hat schon in Basel mit dem kombinierten Sprach- und Fussballtraining «Kicken Sie Deutsch», ein auf Fussball zugeschnittenes Projekt für Menschen verschiedener Nationalitäten realisiert. Als Sprachlehrerin und interkulturelle Vermittlerin ist Kommunikation ausserdem ihr Metier. «Und Kommunikation», erklärt sie, «ist der Schlüssel zur Verhinderung von Gewalt und steht deshalb im Zentrum der Weiterbildung.»

In vier Modulen bringen die Kursleiter Davide Carone, ein passionierter Fussballspieler, und Tahir Citaku, der unter anderem auch als Trainer tätig ist, den über zwanzig Juniorentrainern von RegioGrenchen Strategien zur Gewaltprävention und zur besseren Integration ihrer Mannschaftsmitglieder bei. An zwei Samstagmorgen im Herbst 2008 haben die Teilnehmer geübt, wie man mit der Art, miteinander zu kommunizieren, das Gegenüber positiv beeinflussen kann. Dazu gehört, vorgefasste Meinungen zu hinterfragen und als Vorbild für die Spieler Klischees nicht weiterzutransportieren – zum Beispiel gegenüber einzelnen Nationalitäten, wie es in den multinationalen Nachwuchsmannschaften vorkommen kann. Schon nach dem ersten Schulungsmorgen hätten die Teilnehmer ihre eigene Kommunikation und die der anderen wachsamer beobachtet, so Joanna Krawczyk.

Zwei weitere Module sind dem Thema Gewalt gewidmet, angefangen bei der Definition von Gewalt bis zu Überlegungen, wie Konflikten in der Mannschaft oder Problemen mit dem Schiedsrichter begegnet werden kann, ohne dass sie in Gewalt ausarten. Im vierten und vorläufig letzten Teil ihrer Weiterbildung im Frühling 2009 werden sich die Grenchener Juniorentrainer mit der Gruppenintegration und der Zusammenarbeit mit den Eltern befassen.


Blick in die Zukunft

Für eine Bilanz ist es noch zu früh, denn die Teilnehmer haben gerade einmal die Hälfte der Weiterbildung absolviert. Die ersten Rückmeldungen sind jedoch positiv. Die Juniorentrainer schätzen an ihrer – wohlgemerkt obligatorischen – Weiterbildung die Verknüpfung von Theorie und Praxis. In ihrer Grundausbildung komme die Pädagogik nämlich zu kurz, bemängeln sie. Auch Joanna Krawczyk ist zufrieden und wünscht sich für eine nachhaltige Wirkung eine noch intensivere Koordination zwischen Schule, Eltern und Freizeitaktivitäten wie dem Fussball, nicht nur in Grenchen.

Und wie geht es weiter mit dem Projekt? Vorläufig bleibt es einmalig. Es ist zu hoffen, dass auch in anderen Vereinen vermehrt auf die pädagogischen Aspekte der Trainerausbildung gesetzt wird. Das kommt vor allem den Jugendlichen selbst zugute, wenn auch nicht unmittelbar ihrer sportlichen Leistung, so doch ihren sozialen Kompetenzen in Gruppen: auf dem Fussballplatz, in der Schule, in der Lehre, zu Hause und im Freundeskreis. Im Idealfall trägt das Projekt nicht nur zur Vermeidung negativer Schlagzeilen über die Juniorenfussballer von RegioGrenchen bei. Ein Stück weit ist es ein Beitrag zu einer Gesellschaft, die Konflikte ohne Gewaltausbrüche zu regeln versteht.

Nora Regli


Der Kanton Solothurn ist im Rahmen der Umsetzung des Konzeptes Gewaltprävention massgebend an der Finanzierung des Projektes beteiligt. Siehe auch:

www.so-gegen-gewalt.ch

Weitere Sponsoren sind die Stadt Grenchen, der Fussballverband sowie die ökumenische Kirche.