Wenn Vorurteile schwarz sehen




Noël Tshibangu erzählt MIX seine Geschichte. Foto: Guggisberg


Menschen afrikanischer Herkunft sind aufgrund ihrer Hautfarbe im Alltag immer wieder mit Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung konfrontiert. Noël Tshibangu lebt seit über 20 Jahren in der Schweiz und weiss, wie tief die historisch gewachsenen rassistischen Ressentiments gegenüber «schwarzen» Menschen in Europa verankert sind.


Täglich machen sich Millionen von Menschen auf den Weg nach Irgendwo, mit der Hoffnung, sich dort ein besseres Leben unter menschenwürdigen Bedingungen aufzubauen. Eine solche Reise hat auch der aus dem Kongo stammende Noël Tshibangu hinter sich. 1987 brach er mit nur wenig Gepäck auf, um nach Europa zu gelangen. Jedoch nicht ganz freiwillig. Wie jedes Schicksal ist auch seine Biografie geprägt von tragischen Ereignissen. Als junger Dichter und Theaterschauspieler trat er regelmässig im staatlichen Fernsehen auf, bis seine künstlerischen Auftritte immer politischere Züge annahmen. Seine kritische Haltung gegenüber dem Regime im damaligen Zaire hatte weitreichende Konsequenzen auf sein ganzes Leben. Wie viele andere seiner Landsleute war auch er wegen Willkür und politischer Repressionen gezwungen, sein Heimatland von einem Tag auf den anderen zu verlassen. «Als ich mich endlich entschied, wegzugehen, war ich für einen Moment erleichtert, dass die Unsicherheit, in der ich lebte, endlich ein Ende finden würde. Die Ungewissheit, was mich in der Fremde erwartet, war zu diesem Zeitpunkt zweitrangig», erinnert er sich.


Demontiertes Selbstverständnis

Die Reise der Hoffnung führte ihn über Umwege in die Schweiz. Doch die Ernüchterung im gelobten Land liess nicht lange auf sich warten. «Mir wurde schon im Durchgangszentrum bewusst, dass die afrikanischen Flüchtlinge die eigenen Diskriminierungsmechanismen, vor denen wir aus unseren Heimatländern geflüchtet waren, in die Schweiz importiert hatten. Bevor ich also der europäischen Diskriminierung ausgesetzt war, fand ich mich inmitten von Stammvölkerdiskussionen.» Doch die Auffälligkeit seiner Hautfarbe und somit seiner ethnischen Herkunft machte ihm in einer mehrheitlich «weissen» Gesellschaft schnell bewusst, dass er anders war. Zum ersten Mal realisierte er, dass er eine dunkle Hautfarbe hatte. «Ich war jung und nahm mich selbst als intelligent, attraktiv und gesund wahr. Doch von aussen wurde ich auf einmal als das pure Gegenteil von meinem eigenen Selbstverständnis wahrgenommen. Ich empfand das als ein Attentat auf mein Wesen», gesteht er lächelnd und mit einem Zwinkern in den Augen. Noël Tshibangu, der unter anderem als Fachbereichsleiter bei der Aidshilfe Schweiz arbeitet, geht es nicht darum, die Schweiz als ein rassistisches Land zu brandmarken. Was Noël Tshibangu auch sagt, er macht es mit viel Humor und Ironie, ohne dabei ins Lächerliche zu verfallen. Jedes Wort ist gut überlegt und in seiner Wirkung aufs Genauste durchdacht. Und immer wieder betont er, dass es keinen Sinn mache, bei Negrophobie nur über rassistische Erfahrungen einer einzelnen Person zu sprechen, denn erst das Kollektive zeige das wahre Ausmass von Diskriminierungen im Alltag. «Es ist egal, ob ein Schwarzer ein Dealer ist oder nach einem langen Arbeitstag im Büro nach Hause geht. Polizeilich kontrolliert werden beide, denn allein schwarz zu sein, ist verdächtig.» Der in Biel lebende Familienvater ist überzeugt, dass der Umgang mit den aus Afrika stammenden Menschen stark geprägt ist von Stereotypen und Vorurteilen, die noch aus der Kolonialzeit stammen. «Wir gelten als kriminell, primitiv, faul, ungebildet und arm. Diese tief verankerten rassistischen Bilder haben eine ganz reale Konsequenz auf unseren Alltag: von der unnötigen Polizeikontrolle bis hin zur Wohnungssuche und zur Ausbildung.» Vor allem der Zugang zum Arbeitsmarkt sei für viele Menschen aus Afrika schwer – nicht nur für jene mit schlechter Ausbildung, sondern auch für jene mit einem Hochschulabschluss. Das führe automatisch zu einem mangelnden Sicherheitsgefühl, was wiederum einen negativen Einfluss auf eine erfolgreiche Integration habe, meint Noël Tshibangu.


Die Hoffnung stirbt zuletzt

Für den 46-jährigen Kongolesen ist mit Barack Obama eine neue Ära angebrochen. «Zur Stärkung der schwarzen Identität war seine Wahl ein historischer Meilenstein. Eine Utopie erhält ganz pragmatische Konturen und eingefahrene Denkschablonen kommen ins Wanken.» Doch es bestehe auch ausserhalb der Vereinigten Staaten hinsichtlich des Umgangs mit der afrikanischen Geschichte grosser Handlungsbedarf. «Europäische Regierungen müssen den Kolonialismus, die Ausbeutung und die Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschheit verurteilen und geeignete Massnahmen zur Bekämpfung der Negrophobie einleiten. Solch eine Botschaft wäre ein wichtiges Zeichen für die notwendige Rehabilitierung von Afrikanerinnen und Afrikanern.» Noël Tshibangu hat nicht nur grosse politische Träume, sondern auch ganz kleine persönliche. «Ich wäre der glücklichste Mensch auf der Welt, wenn ich irgendwann mal von einer Verkäuferin nicht auf Englisch, sondern selbstverständlich auf Schweizerdeutsch angesprochen würde.»

Güvengül Köz Brown


Gewalt verhindern heisst «Stopp» sagen




Lernen, komische Gefühle ernst zu nehmen. Foto: z.V.g.


Sicherheit beginnt schon bei den Kleinen. Das hat sich die Kantonspolizei Bern mit dem Projekt Gewaltprävention an Schulen auf die Fahnen geschrieben. Klassen vom Kindergarten bis zur Oberstufe können es in Anspruch nehmen. MIX hat die Polizistin Ursula Aegler bei einem Besuch in einem Kindergarten in Bern begleitet.


Im idyllischen Berner Oberland begann die Abteilung Prävention der Kantonspolizei Bern 2006 mit dem Pilotprojekt Gewaltprävention an Schulen. Inzwischen ist die Nachfrage so gross, dass es vorläufig nur auf Anfrage angeboten wird, so Peter Giger, Leiter der Abteilung Prävention bei der Kantonspolizei Bern.

Gewaltprävention an Schulen beruht auf drei Grundpfeilern: Als Erstes werden die Bedürfnisse im Gespräch mit der Schulleitung und unter Einbezug der Lehrerinnen und Lehrer abgesteckt. Anschliessend besuchen ein bis zwei Polizistinnen und Polizisten des sechsköpfigen Teams die Klasse und erarbeiten zusammen mit den Schülern, welche Gesichter Gewalt haben kann, wie sie sich schützen und – ganz wichtig – wo sie Hilfe holen können. Zum Abschluss organisieren Lehrerschaft und Polizei zusammen einen Elternabend; denn der Einbezug der Eltern ist entscheidend für eine erfolgreiche Gewaltprävention.

Abgesehen von diesen festen Elementen richtet sich die Kapo Bern nach den Bedürfnissen der Schulen und Kinder. Diese reichen von der Thematisierung von Gewalt an der Schule, im Internet und häuslicher Gewalt bis zu Sport und Suchtmitteln. Die Arbeit mit Kindern mit Migrationshintergrund unterscheide sich dabei nicht von der mit Kindern mit Schweizer Eltern. Hingegen stellt Peter Giger fest, dass gerade Migrantinnen und Migranten es oft schätzen, dass sie als Eltern einbezogen werden. Sprachliche Barrieren überwinden die Polizistinnen und Polizisten, indem sie Faltprospekte zur Gewaltprävention in vierzehn verschiedenen Sprachen anbieten.

Auch die Einbindung von Partnern wie der Berner Gesundheit, dem Blauen Kreuz, dem Schweizer Kinderschutz und vielen anderen wird bei der Abteilung Prävention grossgeschrieben.

Auf dem Faltprospekt sind über dreissig kantonale und nationale Kontaktadressen aufgeführt.


Man darf «Stopp» sagen

Doch was bedeutet Gewaltprävention konkret? Für rund zwanzig Kinder in einem Kindergarten in Bern heisst es zuerst einmal, jemanden kennen lernen, der helfen kann. Die «Grossen» kennen Ursula Aegler, die Polizistin war schon ein Jahr zuvor zu Besuch. «Woran erkennt ihr, dass ich Polizistin bin?», will sie wissen. Hm – die Uniform kann es nicht sein, denn weder sie noch ihr Kollege Daniel Roth tragen eine. Nach einigem Rätseln klärt Ursula Aegler auf: am Ausweis. Sie gibt ihn in die Runde.

Dann folgt die erste grundlegende Botschaft für die Kinder: Es gibt gute und schlechte Gefühle. Was verursacht ein gutes Gefühl? Der eigene Geburtstag zum Beispiel. Was ein schlechtes? «Streit mit der Schwester.» «Wenn jemand den Schneemann kaputt macht.» Die Kinder zeichnen lachende Gesichter mit Igelfrisur und traurige mit riesigen kullernden Tränen.

Zweite Botschaft: Wenn man sich traurig oder schlecht fühlt, dann darf und soll man «Stopp» sagen. Wie man sich Gehör verschafft, übt Ursula Aegler mit den Kindern ausgiebig. «Das war noch gar nichts!», feuert sie die Kinder an. Und noch einmal und noch einmal stampfen zwanzig Kinder auf, strecken sich die gespreizten Handflächen entgegen und brüllen wie aus einer Kehle: «Stopp!».

Doch nun wird es schwierig. Denn nun lockt Ursula Aegler mit einer Zwanzigernote und will ein «Müntschi» von Patrick*. Der Junge zaudert einen Moment, erliegt dann der Versuchung und greift nach dem Geldschein. Die Polizistin hält Patrick sachte zurück und empfiehlt ihm, auf sein komisches Gefühl zu vertrauen und vom eben erlernten «Stopp» Gebrauch zu machen. Auch als Polizist Daniel Roth draussen mit dem Auto vorfährt und die Kinder mit M&Ms zum Einsteigen bewegen will, zeichnet sich der Widerstand auf den Gesichtern ab: M&Ms mögen sie eigentlich schon... Trotzdem schreien viele tapfer: «Stopp!»


Hilfe holen

Zurück im Kindergartenzimmer lernen die Kinder den dritten Schritt der Gewaltpräventionsschulung: Schlechte Gefühle darf und soll man jemandem erzählen. Zum Beispiel dem Mami, dem Teddy oder noch besser jemandem unter der Nummer 147, der Notfallnummer für Kinder von Pro Juventute. Auch ohne die Zahlen schon zu erkennen, können die Kinder die Nummer wählen. Auf der Telefontastatur sind die Ziffern untereinander angeordnet, wie Maja*, die Jüngste, mit einem Blick erfasst.

Zum Abschied verteilt Ursula Aegler Bonbons mit Polizeilogo und für die Eltern eine Broschüre zu häuslicher Gewalt und eine zu sexuellem Missbrauch sowie den kleinen Handorgelprospekt mit Adressen zur Hilfe bei Gewalt. Diesen für alle in der Muttersprache – zur Vorbereitung auf den Eltern-Kinder-Abend, der zwei Wochen später stattfinden wird.

Nora Regli, * Namen geändert