Kein Pardon für häusliche Gewalt![]() «Häusliche Gewalt kommt bei uns nicht in die Tüte.» Foto: z.V.g. Häusliche Gewalt kennt keine ethnischen, religiösen oder sozialen Grenzen. Sie passiert alltäglich und überall. Besonders Migrantinnen, die von familiärer Gewalt betroffen sind, brauchen einen besonderen Schutz, denn sprachliche Schwierigkeiten, soziale Isolation und kulturelle Barrieren behindern sie oft bei der Suche nach Hilfe. Halt-Gewalt, die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt, hat hier den Auftrag, aufzuklären und zu sensibilisieren. Häusliche Gewalt ist Realität. In der Schweiz ist jede fünfte Frau davon betroffen. «Nach der ersten offiziellen Studie zum Ausmass von häuslicher Gewalt vor 12 Jahren ist eines klar geworden: Häusliche Gewalt darf nicht länger Privatsache bleiben», erklärt die Halt-Gewalt-Co-Leiterin Catherine Jobin Fliegel. Und es hat sich etwas getan: Seit 2004 gelten verschiedene Gewaltdelikte in Ehe und Partnerschaft als Offizialdelikte und werden von Amtes wegen strafrechtlich verfolgt. «Es ist nicht erwiesen, dass mit dem neuen Gesetz die Delikte abgenommen haben, doch immerhin ist Gewalt in den eigenen vier Wänden kein Tabu mehr», erklärt Catherine Jobin Fliegel weiter. Erhebungen zeigen, dass der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund sowohl unter Opfern wie auch bei den Tätern höher liegt als bei der Schweizer Bevölkerung. «Bei Migrantenfamilien aus bildungsfernen und patriarchalisch geprägten Lebenswelten bestehen oft starre Rollenbilder. Versuchen sich Frauen und Kinder daraus zu lösen, entstehen Konflikte», erklärt Karin Haeberli, ebenfalls Co-Leiterin. Um diesen Opfern effektiv helfen zu können, hat die baselstädtische Interventionsstelle, die dem Justizdepartement angegliedert ist, 2006 unter anderem so genannte Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus 15 Herkunftsländern ausgebildet. So konnten vor allem Frauen in ihrer Muttersprache über ihre rechtliche Situation und das Beratungsangebot informiert werden. Die aus Sri Lanka stammende Vinothini Velupillai hat drei solcher Veranstaltungen für ihre Landsleute auf Tamil durchgeführt. Einblick in den tamilischen Alltag Sie sind höflich, zurückhaltend, fleissig und fallen selten «negativ» auf. Doch hinter den Kulissen des Angepasstseins verbergen sich oft grosse Probleme, die kaum jemand von aussen wahrnimmt. «Tamilinnen und Tamilen fallen nicht auf, weil sie ruhig sind, hart arbeiten, nicht reklamieren und bescheiden leben. Das sind Charaktereigenschaften, die in der Schweiz geschätzt werden», erklärt Vinothini Velupillai, die seit über 22 Jahren in der Schweiz lebt und im Sommer ihre Zweitausbildung als Sozialarbeiterin abschliessen wird. Sie kennt die Probleme ihrer Landsleute: Viele tamilische Familien haben einen unsicheren Aufenthaltsstatus; gleichzeitig ist ihr Anteil an so genannten Working Poor überdurchschnittlich hoch. Das führt zu engen Wohnverhältnissen, finanziellen Problemen bis hin zu Schulden, die man nicht mehr abzahlen kann. Oft kommt noch Alkohol ins Spiel. Genug Stoff, dass man irgendwann einmal die Nerven verliert. «In der tamilischen Kultur lebt man immer noch sehr stark in der Sippenidentität. Alles wird innerhalb der Familie gelöst. Meine Aufgabe war es, vor allem den Frauen aufzuzeigen, dass Drohungen, sexuelle Nötigung oder Körperverletzung keinen Platz in einer Beziehung haben.» Einige Frauen, die sie damals an den Veranstaltungen kennen gelernt hat, leben heute in einem Frauenheim. Eine traurige Erfolgsbilanz. Güvengül Köz Brown Weitere Informationen
unter www.halt-gewalt.bs.ch 3 Fragen AN Guy Morin![]() Guy Morin, Stadtpräsident Basel. Foto: z.V.g. Wie beurteilen Sie die Diskussion rundum die «Ausländerkriminalitiät» in der Schweizer Politik und in den Medien aus Basler Sicht? Die Diskussion um die so genannte Ausländerkriminalität finde ich unausgewogen und einseitig. Unsere Erfahrungen in Basel sind nämlich überwiegend positiv. Basel hiess zugezogene Menschen schon immer willkommen. Diese Tradition macht sich bezahlt: Rund 30 Prozent unserer Einwohnerinnen und Einwohner haben einen ausländischen Pass, viele Menschen aus dem Dreiland arbeiten in Basel. Das Zusammenleben funktioniert gut und falls notwendig, analysieren wir die Ursache von Problemen und suchen nach Lösungen. Gerade die Tatsache, dass unser Kanton so viele Kulturen beheimatet, macht unsere Stärke aus. Was für Ziele verfolgen Sie diesbezüglich als Regierungspräsident? Der Kanton Basel-Stadt leistet bei der Integration seit über zehn Jahren schweizweit erfolgreiche Pionierarbeit. Diese Arbeit ist neu meinem Department angegliedert. Es ist mir ein Anliegen, die Integration weiter voranzubringen und in Basel das Willkommensklima noch mehr auszubauen. Nur gemeinsam können wir eine erfolgreiche Zukunft gestalten. Wo sehen Sie die Chancen, allen Baslerinnen und Baslern ein positives Lebensgefühl zu vermitteln? Basel ist ein wichtiger Wirtschaftsstandort und befindet sich in einem internationalen Wettbewerb. Ich betrachte gute Integrationsarbeit als Standortvorteil für unseren Kanton. Um aber die Attraktivität unseres Kantons erhalten zu können, müssen wir weiterhin verantwortungsvolle Politik betreiben. Dazu gehört die Chancengleichheit für alle – unabhängig davon, ob jemand von hier ist, oder nicht. Wichtig ist der Zugang zu Bildung, Berufsbildung und zu sicheren Arbeitsplätzen. Eine prosperierende, sichere und weltoffene Stadt ist auch eine Stadt, in der die Menschen gerne leben. Basels Polizei ist international![]() Tobias Zehnder hilft gerne Menschen. Foto: z.V.g. Was in vielen Kantonen noch strikte abgelehnt wird, ist in Basel seit über zehn Jahren ein fester Bestandteil des Stadtbildes: Polizistinnen und Polizisten mit Migrationshintergrund. Tobias Zehnder war der erste asiatische Polizist in der Rheinstadt. Für ihn eigentlich kein Grund, einen Artikel darüber zu schreiben. Die blaue Uniform sitzt, am Gürtel hängt die Pistole und auch die Handschellen sind dort, wo sie sein sollen. Tobias Zehnder ist ein ganz normaler Basler Polizist. Doch man muss nicht zweimal hinschauen, um zu merken, dass er äusserlich nicht ganz dem klassischen Europäer entspricht. Der 37-jährige Familienvater von drei Kindern kommt ursprünglich aus Südkorea, wurde jedoch mit vier Jahren von einer Schweizer Familie adoptiert und lebt seither in der Region Basel. Dass er sich vor 12 Jahren entschied, zur Polizei zu gehen, sieht er selbst nicht als eine grosse Errungenschaft an. «Ich bin sehr früh Vater geworden und musste mich zwischen Studium und Geldverdienen entscheiden. Da ich jedoch meinen Pflichten als Vater nachkommen wollte, habe ich mich für den Berufsweg Polizist entschieden.» Heute verbindet ihn mit seiner Arbeit mehr als das Geld. «Ich bin gerne bei der Polizei und identifiziere mich stark mit meiner abwechslungsreichen und spannenden Arbeit. Es ist ein tolles Gefühl, Menschen zu helfen, auch wenn mein Engagement in den seltensten Fällen als Hilfe wahrgenommen wird.» Veränderungen lösen Diskussionen aus Beleidigende und rassistische Bemerkungen kommen schon einmal vor, wenn er auf Streife ist. Doch das stört ihn kaum noch. «Ob ich als Scheissbulle oder als Schlitzauge beschimpft werde, spielt keine Rolle, vor allem in unangenehmen Situationen nicht, denn in diesen Momenten sieht man Polizisten sowieso als Feind und nicht als Helfer.» Die Ansicht, dass Einheimische zum Beispiel die Verhaftung durch einen Polizisten mit Migrationshintergrund nicht akzeptieren würden, kann Tobias Zehnder nicht bestätigen. «Man sieht als Erstes die Uniform, das spricht für sich selbst. Und wenn man noch die Sprache gut beherrscht und kompetent auftritt, ist es nicht relevant, wie man aussieht. Die wenigen negativen Erfahrungen, die ich bis jetzt gemacht habe, kamen vor allem von der Schweizer Bevölkerung. Migrantinnen und Migranten finden es toll, dass ‹ Ausländer › bei der Polizei arbeiten. Vorurteile, die Polizei sei rassistisch, spielen dann irgendwie keine Rolle mehr, weil sie davon ausgehen, dass ein Polizist mit Migrationshintergrund nicht fremdenfeindlich sein kann.» Tobias Zehnder ist Schweizer, doch 14 seiner Kolleginnen und Kollegen bei der Basler Polizei haben keinen Schweizer Pass. Sie stammen unter anderem aus Ghana, Deutschland, Exjugoslawien, Italien oder aus der Türkei. Reaktionen auf nicht einheimische Hüter des Gesetzes gibt es nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im Korps selbst. «Natürlich gibt es auch intern Gesprächsstoff, wenn anders aussehende Kollegen ihre Arbeit bei uns antreten, doch das legt sich nach einer kurzen Zeit wieder. Ich habe das selbst so erlebt. Veränderungen lösen nun einmal Diskussionen aus, das ist normal.» Dass der Kanton Basel-Stadt seit dem Inkrafttreten des revidierten Polizeigesetzes vor 13 Jahren Aspirantinnen und Aspiranten mit Migrationshintergrund die Aufnahme in den Polizeidienst ermöglicht, zeugt von Mut und unterstreicht die Vorreiterrolle des Kantons in Integrationsfragen. Die Rheinstadt wird auch in Zukunft an dieser Strategie festhalten, wie Rolf Meyer, interimistischer Polizeikommandant von Basel, in einem Interview gegenüber MIX bestätigt. Güvengül Köz Brown Rolf Meyer, interimistischer Polizeikommandant von Basel, nimmt Stellung![]() Polizistinnen und Polizisten mit Migrationshintergrund leisten seit 1996 einen Beitrag zur Sicherheit in der Stadt. Welche Rolle spielt das für Sie? Letztlich haben wir alle einen Migrationshintergrund. Für die Arbeit bei der Basler Polizei spielt es keine Rolle, welchen Pass jemand in der Tasche hat. Wichtig ist die Kompetenz, welche die Mitarbeitenden mitbringen. Anfänglich war das Gesetz auch bei uns umstritten, aber heute ist es kein Thema mehr. Wie reagieren Baslerinnen und Basler darauf? Wie bei andern Polizisten auch. Bringt er eine gute Nachricht oder hilft er aus der Klemme, dann ist es ein «guter» Polizist. Stellt er einen Busszettel aus, eine Verwarnung oder wird man von einem Polizisten mit auf den Posten genommen, dann mag man den betreffenden Polizisten eben nicht so sehr. Was empfehlen Sie anderen Kantonen, die sich gegen den Einsatz von Polizistinnen und Polizisten mit Migrationshintergrund wehren? Die Kantone müssen selbst entscheiden, wie sie das handhaben wollen. Wir sagen aber allen, die nachfragen, dass wir bisher nur gute Erfahrungen gemacht haben. Welche Strategie wird die Basler Polizei künftig in diesem Bereich verfolgen? Kompetente Leute sind bei der Basler Polizei weiterhin hochwillkommen, unabhängig davon, woher sie stammen. | ||||||||||||||||||||||||||||||||










