Die Angst vor dem Islam![]() Y. mit Blick zurück und nach vorn. Foto: Andi Cortellini Fast schon täglich sorgen mediale Berichterstattungen über zuschlagende, vergewaltigende, erpressende oder sogar tötende Jugendliche für Entsetzen und Ratlosigkeit. Verstehen, warum es zu solch schwerwiegenden Vorfällen kommt, tut niemand – zum Teil nicht einmal die Täter selbst. Eine Begegnung mit Y*. Y. wirkt auf den ersten Blick unscheinbar und fast schon etwas schüchtern. Aus Respekt siezt er mich konsequent während des ganzen Interviews und beantwortet, wenn auch zum Teil harzig, alle Fragen offen und gutmütig. Dass sein Vorstrafenregister wahrscheinlich länger ist als die Dauer der obligatorischen Schule, sieht man dem 17-jährigen Jugendlichen nicht an. Schon mit sieben Jahren hat er zum ersten Mal einen Klassenkameraden mit einem Messer bedroht. Die Spirale der Gewalt drehte sich von da an immer schneller und immer heftiger. Seine kriminelle Vergangenheit ist gekennzeichnet von Sachbeschädigungen, Vandalismus, Raubüberfällen, Körperverletzungen und Drohungen. Warum er so gewalttätig und aggressiv war, kann er nicht in Worte fassen. Als hätte es für ihn nie einen anderen Weg ausser den der Gewalt gegeben. Sehnsucht nach Normalität Y. wurde im aargauischen Baden als Kind kurdischer Eltern geboren. Dass er seit seiner Kindheit selbst von allen Familienangehörigen zum Teil grundlos geschlagen wurde, verharmlost er. Auch dass er schon mit 14 Jahren anfing, Alkohol in grösseren Mengen zu konsumieren, bringt er in keinen direkten Zusammenhang zu seinem juristisch strafbaren Handeln. Zu seinen Taten steht er, ohne andere dafür verantwortlich zu machen. Weder den traumatisierten Vater, der in der Türkei in Gefängnissen gefoltert wurde, noch die Mutter, die seit Jahren in psychotherapeutischer Behandlung ist. Seit vier Monaten lebt er schon in der geschlossenen Abteilung eines Jugendheims in Basel. Die Gitter an den Fenstern zeigen, dass hier die Freiheit für eine begrenzte Zeit aufhört. Trotzdem, unglücklich ist er nicht darüber. «Dieses Durchgangsheim ist meine persönliche Rettung», sagt er mit Bestimmtheit. In diesen vier kargen Wänden sieht er jene Chance auf ein besseres und geregeltes Leben, die er «draussen» nie vorgefunden hatte. Er hat Träume, die anderen banal und fast schon bieder erscheinen mögen. «Wenn ich 30 bin, werde ich morgens aufstehen, mit meiner Frau frühstücken, ihr zum Abschied einen Kuss geben, in mein Auto steigen, zur Arbeit fahren und hart arbeiten, um für mich und meine Familie zu sorgen.» Bilder einer heilen Welt, die erahnen lassen, welche Sehnsucht nach Normalität in Y. schlummert. Da erscheinen seine fünf CDs mit deutschem Gangster-Rap, die auf seinem Tisch gestapelt sind, fast schon wie eine Karikatur seiner eigenen Realität. Die Zukunft ist wesentlich «Das ist halt mein Leben, ich kann meine Straftaten nicht mehr rückgängig machen. Auch dann nicht, wenn ich grosse Reue zeigen würde. Ich bin aber froh, dass ich niemanden getötet habe», sagt Y. nüchtern. Die Zukunft ist wesentlich und nicht das Vergangene. Im Sommer wird er in einem anderen Massnahmezentrum für straffällige junge Erwachsene eine vierjährige Lehre als Schreiner beginnen. Die Bereitschaft, sich zu verändern, scheint er verinnerlicht zu haben. Er wirkt weder verbittert noch rachsüchtig, wenn er von seinem verzweifelten Versuch, erwachsen zu werden, berichtet. Vielmehr ist er traurig und enttäuscht, dass er nicht in einem Glauben aufgewachsen ist, wo gesellschaftliche Normen und Grenzen nicht nur zum Schutze anderer, sondern auch zum Schutz der eigenen Sicherheit dienen. «Wenn ich mal Kinder habe, werde ich versuchen, alles anders zu machen. Wenn sich Kinder etwas in den Kopf gesetzt haben, dann werden sie es auch ausprobieren. Eltern können sie nicht davon abhalten, sie können aber mit ihnen reden. Mit Schlägen und Bestrafungen erreicht man nichts. Ich habe viel gelernt in den letzten Monaten. Man muss zuerst zuhören und verstehen, bevor man andere für ihre Taten verurteilt. Ich möchte zum Beispiel auch einem Pädophilen zuhören, damit ich seine Verurteilung, die er ja verdient, auch wirklich nachvollziehen kann.» Erste Gehversuche Eine verpasste Kindheit lässt sich nicht in einem Jugendheim im Schnell- durchlauf nachholen. Doch man kann den Anstoss dazu geben, dass es okay ist, wieder von ganz vorn anzufangen. Y. ist noch nicht so weit, die ersten Gehversuche allein zu bewältigen. Doch er nimmt sich die Zeit – mit der Unterstützung, die er im Heim bekommt. Er möchte, dass seine Eltern endlich stolz auf ihn sind. Mit einem geregelten Leben und einem Beruf erhofft er sich die Anerkennung, die ihm bis heute verweigert geblieben ist. Kindliche Träume von Glück und Geborgenheit finden sich auch in seiner Sammlung von Figuren aus KinderÜberraschungseiern wieder, die er sorgfältig auf dem Sideboard seines Zimmers aufgestellt hat. Y. hat einen langen und steinigen Weg vor sich. Und er hofft, dass er nie wieder stolpert. Güvengül Köz Brown * Name der Redaktion bekannt. | ||||||||||||||||||||||||||||||||







