«SCHENK MIR EINE GESCHICHTE»




Die Animation und die Sensibilisierung für die Sprache ...
Foto: Patrick Guggisberg


Das Projekt «Schenk mir eine Geschichte» soll Kindern aus bildungsfernen Familien mit Migrationshintergrund das Lesen schmackhaft machen. Wir haben Trendelina Jaha bei ihrer Arbeit in der Agglomeration Zürich begleitet.

Trendelina Jaha ist eine von über 20 Animatorinnen des Projektes «Schenk mir eine Geschichte». Ihr Arbeitsort ist die Stadtbibliothek in Schlieren. Das Ziel dieser speziellen Leseförderung ist es, Kindern ihre Muttersprache näherzubringen. Der Ansatz dahinter: Wer eine Sprache beherrscht, der hat es später einfacher, eine weitere dazu zu erlernen. Seit dem Frühjahr 2006 arbeiten 26 Animatorinnen daran, die Kinder in ihrer jeweiligen Erstsprache, in diesem Projekt betrifft dies Albanisch, Arabisch, Portugiesisch, Spanisch, Tamil und Türkisch, vertieft zu fördern. Das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM hat das Projekt im Frühling 2006 ins Leben gerufen. «Schenk mir eine Geschichte» entstand aufgrund der PISA-Studie vom Jahr 2000, die klar gezeigt hat, dass bei der Leseförderung grosser Handlungsbedarf besteht. Die Ergebnisse der Studie zeigten deutlich, dass der Lernprozess viel früher als erst bei Schuleintritt unterstützt werden muss. Neben dem SIKJM unterstützen auch die Fachstellen für Integration verschiedener Kantone und Städte (Zürich, Solothurn, Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Winterthur) das Projekt finanziell.


Mit Spiel und Spass Albanisch lernen

«Schenk mir eine Geschichte» richtet sich an mehrsprachige Familien und fördert auf spielerische Art die Freude an der Sprache und insbesondere am Lesen. Um den Kontakt zu Müttern mit Migrationshintergrund herzustellen und sie langsam an die Leseförderung heranzuführen, bedarf es, laut Frau Jaha, zuerst ein bis zwei Hausbesuche. Bei der Suche von Familien setzen die Animatorinnen auf ihr breites Netzwerk bei ihrer Sprachgruppe, auf Lehrkräfte, interkulturelle Vermittlerinnen und Vermittler und Frauen- oder Elternvereine. Bei Trendelina Jaha bewährt sich bereits die Mundpropaganda und als Folge füllt sich jeden zweiten Freitag die Bibliothek in Schlieren mit Müttern und Kindern albanischer Abstammung zum ge-meinsamen Lesen, Basteln und Singen. Alle Animatorinnen verfügen über eine Ausbildung als interkulturelle Vermittlerin/Übersetzerin, sind ausgebildete Lehrerinnen für heimatliche Sprache und Kultur HSK oder Spielgruppenleiterinnen. Gute Deutschkenntnisse sind eine weitere wichtige Voraussetzung für das Gelingen des Projektes. Die Animatorinnen übernehmen für die Familien die Funktion als Brückenbauerinnen zwischen ihrer Herkunftskultur und derjenigen der Schweiz.


Packende Geschichten sind der Schlüssel

Um halb drei Uhr nachmittags treffen Mütter mit ihren Kindern und Nachbarskindern in der Bibliothek in Schlieren ein. Albanische Gesprächsfetzen füllen die Räumlichkeiten. Frau Jaha beginnt wie jeden Freitag mit einer Geschichte. Die Mädchen und Knaben bilden einen Kreis, während die Animatorin ein farbenfrohes Bilderbuch in albanischer Sprache auswählt. Mit viel Mimik, Gestik und Spannung erzählt Trendelina Jaha eine Geschichte aus dem Buch. Die Kinder hören gebannt zu und drängen sich dichter heran, um einen Blick auf die Bilder erhaschen zu können. Trendelina Jaha fordert die Kinder auf, auch selbst eine Kurzgeschichte oder einen Reim zu erzählen. «Eine Geschichte hilft den Kindern sehr beim Lernen, vor allem wenn Sie diese dann auch zu Hause weitererzählen. Dies fördert ihre Sprachkompetenz ungemein. Lernen heisst nicht nur, Wörter auswendig zu können und zu kennen, sondern diese auch richtig anzuwenden, und das ist viel einfacher mit Geschichten oder Sing- und Klatschspielen, wie wir sie hier anwenden.» Frau Jaha spricht aus Erfahrung: Neben dem Projekt «Schenk mir eine Geschichte» führt sie auch noch eine albanische Spielgruppe.


Kombiniertes Lernen

Sprache ist vielfältig. Vielfältig sind auch die Wege, sich die Sprache und, damit verbunden, den Wortschatz anzueignen. Heute wird zur Unterstützung in Schlieren gebastelt. Bunte Kugeln für die Arm- und Halsketten stehen bereits auf dem Tisch bereit. Bevor die fröhliche Gruppe beginnen kann, werden die verschiedenen Farben der Kugeln aufgezählt. «Der Spass darf hier auf keinen Fall zu kurz kommen», bemerkt Trendelina Jaha, «ansonsten verlieren die Kleinen zwischen 3 und 10 Jahren schnell das Interesse. Ausserdem soll Lernen Freude bereiten, das hilft auch später in der Schule.» Auch die Mütter werden in den Prozess miteinbezogen, sie sollen zu Hause mit den Kindern weiter die Farben lernen. Mit den schönen Arm- und Halsketten wird das gleich viel einfacher.


Wort für Wort

Kaum sind die 90 Minuten um und das Basteln vorbei, verziehen sich die Kinder in eine Ecke und nehmen ohne jegliche Aufforderung ein Buch zur Hand. An ein Nachhause Gehen ist nicht zu denken, trotz aller Bemühungen der Mütter. Ein Trick hilft dann doch: Mit dem ausgeliehenen Buch unter dem Arm gehts in die Ferien. Der erste Schritt zur Leseförderung ist getan.

Olivia Neubauer


Das erste Kind: Die Ratgeber für Eltern von pro juventute

Die Geburt des ersten Kindes ist für Eltern einer der schönsten Augenblicke im Leben. Doch das Neugeborene verändert auch den Alltag einer Familie grundlegend. Für Eltern gilt es, sich neu zu orientieren und sich der neuen Situation anzupassen. Damit sich Mutter und Vater in diesem neuen Lebensabschnitt nicht verloren fühlen, begleitet pro juventute mit den «Elternbriefen» werdende Eltern mit unterstützenden Informationen über Pflege, Familie, Ernährung und Erziehung. Seit bald 40 Jahren profitieren jährlich über 50000 Eltern von den hilfreichen Tipps rund um die Entwicklung des Kindes ab Geburt bis zum Schuleintritt.

Auch fremdsprachige Eltern werden in ihrem Elterndasein tatkräftig unterstützt. Die Broschüre «Unser Baby» umfasst 35 Seiten und gibt Eltern mit Migrationshintergrund in der Muttersprache konkrete Ratschläge, wie sie ihr Baby im ersten Lebensjahr ernähren, pflegen und seine Entwicklung fördern können. Die Broschüre gibt es in den sieben Sprachen Albanisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Türkisch, Tamil, Spanisch, Portugiesisch und Englisch – jeweils in Kombination mit Deutsch oder Französisch. Mit «Unser Baby» will pro juventute Kindern aus Migrantenfamilien in der Schweiz einen guten Start ermöglichen und die Integration erleichtern.

Die Broschüre soll neu von der Kleinkindererziehung bis zum sechsten Lebensjahr ausgebaut werden. Dafür ist die Stiftung auf finanzielle Hilfe angewiesen. Unterstützen Sie die Arbeit von pro juventute mit einer Spende auf das Konto: PC 80-3100-6.




3 FRAGEN AN REGINE AEPPELI




Regine Aeppli, Regierungsrätin und Vorsteherin der Bildungsdirektion des Kantons Zürich. Foto: z.V.g.


«Schenk mir eine Geschichte» ist eines unter vielen Projekten, die Eltern helfen sollen, ihre Kinder zu fördern. Inwiefern können Eltern überhaupt zur Förderung ihres Kindes beitragen? Und wie viel soll dem Bildungssystem überlassen werden?

Wer kleine Kinder betreut, fördert sie auch. In diesem Sinne sind es zuerst einmal die Eltern, welche die Kinder fördern. Ihr Beitrag zur Entwicklung und damit auch zur Bildung der Kinder ist unschätzbar wertvoll. Bei Kindern im Vorschulalter spielt sich Bildung nicht formell ab, also nicht im Bildungssystem. Ich sehe unsere Aufgabe darin, mit gezielten Fördermassnahmen dazu beizutragen, dass sich alle Kinder von klein an ganzheitlich entwickeln können.


Die Bildungschancen eines Kindes sind stark vom sozialen und ökonomischen Hintergrund der Eltern abhängig. Wie können Kinder mit schlechten Voraussetzungen möglichst früh gefördert werden?

Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich verfolgt in dieser Legislatur das Ziel, dass alle Kinder zum Zeitpunkt ihrer Einschulung auch wirklich bereit für die Schule sind – also etwa fähig sind, die Unterrichtssprache zu verstehen. Dies gelingt nicht allen Familien ohne Unterstützung. Neben bestehenden Angeboten wie der Mütter- oder der Erziehungsberatung haben wir deshalb mehrere Projekte lanciert. So fördern wir beispielsweise mit dem Projekt Spielgruppenplus gezielt die Deutschkenntnisse von Kindern zwischen 2 und 5 Jahren. Vergessen wir nicht, dass frühe Förderung auch den Kindergarten mit seinen eigenen entwicklungsorientierten Lehr- und Lernformen umfasst.


Letzten September hat der Zürcher Regierungsrat beschlossen, das Basler Integrationsmodell «Fördern statt Fordern» einzuführen. Wie kommt Ihrer Ansicht nach die neue Strategie der Bildung zugute?

«Fördern und Fordern» heisst die Devise des Regierungsrates. Dieser doppelten Strategie lebt auch die Bildungsdirektion nach: Zum einen bereiten wir eine umfassende frühe Förderung vor. Zum anderen sollen in Zukunft Eltern auch zum Besuch von Elternbildungskursen verpflichtet werden können, wenn dies als angezeigt erscheint.