PUTZEN SIE DEUTSCH - INTEGRAZIONE À LA SOLOTHURN!




Nach der Reinigungs- die Kopfarbeit. Raumpflegerinnen lernen Deutsch. Foto: Hansruedi Aeschbacher


Ein Pilotprojekt in Solothurn macht gelebte Integration vor. Über Putzlappen und Eimer finden fremdsprachige Raumpflegerinnen des Kantonsspitals Olten den Zugang zur Deutschen Sprache.

Die Begeisterung der fremdsprachigen Raumpflegerinnen aus dem Hausreinigungsdienst des Kantonsspitals Olten hielt sich in Grenzen, als sie zum ersten Mal davon erfuhren, dass sie am Arbeitsplatz Extraschichten einschieben müssen, um Deutsch zu lernen. Doch die anfängliche Skepsis hielt nicht lange an und alle Teilnehmerinnen waren schliesslich mit Überzeugung dabei. Nach einer ausgeschriebenen Probelektion und einem persönlichen Gespräch mit den Vorgesetzten haben sich 24 Migrantinnen für den Kurs eingeschrieben. Für viele von ihnen war es der erste Sprachkurs, auch wenn sie zum Teil schon 10, 15, gar 30 Jahre in der Schweiz leben.

Der von der Solothurn Spitäler AG initiierte 2-monatige Sprachkurs ist in zwei Teile unterteilt: Im eher praktischen Teil von Katharina Zaugg, die gemeinsam mit Joanna Krawczyk die Inhalte erarbeitet hat, steht die Anwendung der Sprache im Arbeitsumfeld im Vordergrund. So beschreiben zum Beispiel die Raumpflegerinnen aus einer Ansammlung von Reinigungsmitteln und -hilfsmitteln, wofür diese gebraucht werden. Dabei werden auch die einzelnen Schmutzarten und Oberflächen benannt.

Weiter lernen die Frauen Nützliches zu Themen wie Wasserkreislauf und Ökologie.


Gesund Deutsch lernen

Wichtiger Teil von «Putzen Sie Deutsch» ist der Ergonomieunterricht. Mit nützlichen Übungen zur Entlastung von Armen, Händen und Rücken lernen die Frauen, wie Bewegungsabläufe erleichtert werden können. Daneben stehen weitere Module wie Stimmschulung und das Erlernen von Zahlenreihen, aber auch z.B. das Erstellen von Glückwunschschreiben auf dem Lektionsplan.

Joanna Krawczyk ist für den klassischen Teil des Deutschunterrichts zuständig. Doch auch bei ihr läuft nicht alles klassisch ab, denn auch sie setzt auf Bewegung und kognitives Lernen. «Wir arbeiten mit Migrantinnen, die aus ihren Herkunftsländern Fachkompetenz in Haus- und Familienarbeit mitbringen. Diese ist Teil der eigenen Identität. Wir betrachten diese Kompetenzen als wertvoll und deswegen unterstützen wir die Berufstätigkeit als Raumpflegerin als eine sinnvolle Phase der Integration.»


Zugang zu einer neuen Welt

Das Putzen ist für die meisten der Raumpflegerinnen der erste und teilweise einzige Kontakt mit Schweizerinnen und Schweizern. Dieser Kontakt formt auch ihr Bild über die Schweiz. Die «Fürs-Putzen-brauchts-kein-Deutsch-Mentalität» wurde oft von beiden Seiten als Ausrede für die Beibehaltung des Statusquo gebraucht. Dieser scheint sich einem Wandel zu unterziehen. «Deutsch zu können ist wichtig, weil ich manchmal einen Arzt, eine Schwester oder den Chef etwas fragen muss», meint Milica Stevanovic (43) aus Olten in einem Interview mit dem Sonntag-OT.

«Wir waren überrascht, wie gross das passive Verständnis der deutschen Sprache teilweise war», meint Katharina Zaugg. Während des Unterrichts hat sich für viele Frauen eine sprachliche Verkrampfung gelöst, was sie sowohl in der Ausübung ihrer Tätigkeit bestärkt als auch ein Tor zu einer anderen Kultur öffnet. Rosa Consentino (48) aus Trimbach, Teilnehmerin des Kurses strahlt: «Seit ich in diesem Kurs bin, kann ich besser Deutsch und habe keine Angst mehr, Fehler zu machen.»


Wird aus dem Pilot eine Serie?

Auf den Erfolg des Kurses angesprochen, meint Nadia di Bernardo Leimgruber, Beauftragte Integration des Kantonsspitals Olten: «Die Frauen fühlen sich gefördert und wertgeschätzt. Für viele ist es die erste Fortbildung überhaupt. Mit diesem Kurs wird ihnen die Angst vor dem Fehlermachen genommen und die Teilnahme animiert zum Besuch von weiteren Kursen. Diese zusätzliche Qualifizierung hilft dem Unternehmen und erleichtert den Reinigungsfrauen nicht nur den Arbeitsalltag, sondern ist auch für eine berufliche Entwicklung unerlässlich.»

Der Weg für weitere unterhaltsame und lehrreiche Stunden ist vorgespurt. Zurzeit läuft eine Evaluation des bestehenden Kurses. Geplant ist ein Folgekurs für die bisherigen Raumpflegerinnen in Olten. Es wird auch eine Ausweitung des Projekts auf andere Spitäler in Betracht gezogen. Bald soll also überall in Solothurn auf Deutsch geputzt werden!

Caspar Eberhard


Die Solothurner Spitäler AG ist Initiantin des Projekts «Putzen Sie Deutsch». Unterstützt wird es auch vom Integrationskredit des Kantons SO und des Bundes. Ein Vorläufer des Projekts wurde erstmals in Basel während vier Jahren von Joanna Krawczyk von der Sprachschule Deutschimpuls.ch und Katharina Zaugg durchgeführt.

Entstanden aus einem Deutschkurs für Raumpflegerinnen, hat sich dieser vom klassischen Deutschlernen zu einer spielerischen Anwendung der Sprache im Arbeitsumfeld gewandelt.




DIE KUNST DES DEUTSCHLERNENS



Auf der Spur der Natur und der deutschen Sprache. Foto: z.V.g.


Das Solothurner Integrationsprojekt «Treffpunkt Museum» richtet sich an Teilnehmende von Deutsch- und Integrationskursen. Unter der Leitung einer Museumspädagogin können kostenlose Workshops im Natur- oder Kunstmuseum besucht werden.

Migrantinnen und Migranten gehören zu den seltenen Besuchern des Natur- und des Kunstmuseums Solothurn. Die Schwelle zum Besuch dieser Orte scheint trotz Gratiseintritt hoch zu sein. Gerade aber diese Menschen auf das Museum als Freizeitmöglichkeit aufmerksam zu machen, hat beträchtliches Integrationspotenzial. Durch die Bekanntschaft mit dem Museum steigt das Verständnis der Eltern bzw. der Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer, auch mit ihren eigenen Kindern an weiteren Aktivitäten teilzunehmen. Feride Dawrie Arpoz, Ümit Arslan und Patrick Job Moyowabo haben mit ihrer Deutschkursleiterin Gabi Kurz im Naturmuseum an einem Workshop unter der Leitung von Judith Vonwil teilgenommen. Sie sind sich einig, dass eine Integration in einem neuen Land durch gute Kenntnisse einer Landessprache gefördert wird. Deutsch zu lernen, macht umso mehr Spass, je lebendiger der Unterricht gestaltet wird. Im Naturmuseum können sie präparierte Tiere bestaunen, Vogelgezwitscher unterschiedlichster Stimmlagen lauschen und Verblüffendes über die einheimische Tierwelt erfahren. Bilder und Objekte eignen sich ausgezeichnet dazu, an eigene Erlebniswelten anzuknüpfen, seine Beobachtungen in Worte zu fassen und sich mit Kultur und Natur der Schweiz auseinanderzusetzen. Das Kennenlernen und Anwenden des Wortschatzes aus dem Umfeld der Museumsobjekte, das Formulieren eigener Beobachtungen und Assoziationen, das Lösen einfacher mündlicher und schriftlicher Arbeitsaufträge erweitert und festigt die Sprachkenntnisse der Teilnehmenden.


Tiere als Verbindungsquelle

Mit viel Eifer lösen die Teilnehmenden die ihnen gestellten Aufgaben: Warum mag ich gewisse Tiere, warum andere nicht? Welche Tiere leben in der Luft, welche am Boden? Nicht nur das Tier selbst, auch die kulturelle Wahrnehmung eines Tieres steht im Mittelpunkt. Frau Dawrie Arpoz berichtet, dass in ihrem Heimatdorf in der Türkei jeder Haushalt mit einer Katze, einem Hund und einem Esel bestückt ist. Letzterer wird als Lastenträger eingesetzt, die Katze dient als Mäusefängerin und der Hund bewährt sich als Bewacher. Vor ihrem gewalttätigen Bruder flüchtend kam sie vor 30 Jahren in die Schweiz, wo sie zuerst im Tessin lebte und Italienisch lernte. Wegen ihrer Schwester zog sie in die Deutschschweiz. Sie spricht bereits fünf Sprachen, nun lernt sie auch noch Deutsch. In der Schweiz ist sie bisher verschiedenen Arbeiten in Restaurants, Hotels und Fabriken nachgegangen. Vom Naturmuseum ist sie hell begeistert, da sie als visuell sensibler Mensch mit den vielen Objekten, die es zu erkunden gibt, voll auf ihre Rechnung kommt.


Vom Museum in die Moschee

Herr Arslan lebt seit 21 Jahren in der Schweiz und stammt ebenfalls aus der Türkei. Neben seiner Arbeit im Gastgewerbe und in der Papierfabrik blieb ihm kaum Zeit, sich mit der schweizerischen Kultur intensiver auseinanderzusetzen. Könnte er das Rad der Zeit nochmals zurückdrehen, so würde er bereits viel früher einen Deutschkurs besuchen. Erfreut stellt er fest, dass ihm die erworbenen Sprachkenntnisse ganz neue Kontaktmöglichkeiten eröffnen. Doch Integration ist ein gegenseitiger Prozess – das weiss auch Herr Arslan. Er fördert diesen, indem er in der Moschee Solothurns in einen Dialog mit Schulklassen, Studierenden oder Gemeindevertretern tritt. Thema: Der Islam. Neben den Sprachkenntnissen nennt Herr Moyowabo einen geregelten Aufenthaltsstatus als förderlichen Faktor für eine Integration in der Schweiz. Er ist ein politischer Flüchtling aus der Demokratischen Republik Kongo und die Ungewissheit über den Ausgang seines Asylgesuches nagt an ihm. In seiner Heimat studierte er Medizin, nun hofft er, in der Schweiz sein Studium fortsetzen zu können. Die Art und Weise des Workshops sagt ihm sehr zu und er staunt über die ihm bislang unbekannten Tiere im Naturmuseum.

Am Schluss des Workshops nimmt Judith Vonwil die Teilnehmenden in die Vergangenheit mit: Zusammen bestaunen sie die Fussabdrücke von Dinosauriern, die vor 145 Millionen Jahren in Solothurn herumgestreift sind. Wieder zurück in der Gegenwart und mit einem Haifischzahn als Geschenk in der Tasche sind sich alle einig, dass sie ins Naturmuseum zurückkehren wollen.

Rahel Reinert