«INTEGRATION IST EIN WILLENSAKT»




Serife Isik: emanzipiert, erfolgreich und integriert.
Foto: Güvengül Köz Brown


UnterdrÜckte Ehefrauen, zwangsverheiratete Töchter,
kontrollierte Schwestern. Die Wirklichkeit einer Türkin hat oft nichts mit den Klischees zu tun, in die sie die westeuropäische Gesellschaft gerne hineinprojiziert. Selbstbewusste Frauen, wie die 29-jährige Assistenzärztin Serife Isik, gehen ihren Weg und sind dabei längst keine Exotinnen mehr.


Frau Isik, Sie sind Assistenzärztin am Kantonsspital Aarau. Gibt es Momente, wo Arbeitskolleginnen und -kollegen oder auch Patienten überrascht sind, dass eine Türkin als Ärztin arbeitet?

Unter meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen spüre ich keine Überraschung darüber, dass ich als Türkin Ärztin geworden bin. Aber bei einigen Patienten ist die Überraschung schon da, vor allem bei meinen eigenen Lands- leuten. Dass ich nicht als Krankenschwester arbeite, sondern als Ärztin verblüfft sie schon und gleichzeitig reagieren sie immer stolz, dass es eine von «ihnen» so weit gebracht hat.


Wie haben Sie als Heranwachsende den Spagat zwischen Tradition und Integration bewältigt?

Ich und meine zwei Schwestern sind mit traditionell islamischen Werten aufgewachsen. Für meine Eltern war es selbstverständlich, dass wir die Koranschule und den Türkischunterricht besuchten. Obwohl sie in der Erziehung sehr konservativ waren, in schulischen Belangen hatte diese Einstellung irgendwie keinen Stellenwert. Sie wollten, dass wir über die Bildung ein besseres Leben haben als sie. Dank dieser liberalen Einstellung bin ich heute Ärztin. Der Spagat zwischen Tradition und Integration war vor allem in den Teenagerjahren eine grosse Belastung. Ich habe rebelliert und reagierte auf die Härte meiner Eltern zeitweise mit viel Zorn. Was für meine Schweizer Freundinnen selbstverständlich war – zum Beispiel der Ausgang – hatte in meinem Leben keinen Platz.


Was sind Ihrer Meinung nach die Kriterien für eine erfolgreiche Integration?

Wichtig ist, dass man die zum Teil massiv ausgeprägte Angst vor dem Fremden eliminiert. Offenheit für Neues und eine unverkrampfte Art, sich einer neuen Erfahrung zu stellen, sind das A und O einer erfolgreichen Integration. Auch Ausländerinnen und Ausländer dürfen bei der Integration nicht passiv sein. Sie sollen nicht auf der faulen Haut liegen und sich bedienen lassen. Ganz wichtig scheint mir, dass die Integration nur über das Beherrschen der Sprache bewerkstelligt werden kann. Daher muss ein Sprachkurs obligatorisch sein. Mich selbst nervt es ja auch, dass die erste Generation von Zugewanderten, die seit 20 bis 30 Jahren hier leben, immer noch kein Wort oder nur gebrochen Deutsch reden. Ich verstehe, dass man sich darüber ärgert. Für mich ist die Integration ein Willensakt.


Und wie haben Sie es geschafft?

Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich kenne nichts anderes als das Leben in der Schweiz. Hier ist meine «Heimat». Das Seltsame war für mich, dass ich hier die «Ausländerin» war und in der Türkei die «Schweizerin». Das tönt abgedroschen, aber es war wirklich so. Die Suche nach der eigenen Identität war mein ewiger Begleiter. Irgendwann war dieser innere Konflikt weg. Ich war ich und das war gut so. Ich musste mich nicht mehr hinterfragen. Aber warum habe ich es geschafft? Nun, auch wenn meine Eltern nicht eine höhere Bildung geniessen konnten, war für sie Bildung der Schlüssel zum Erfolg. Diese Unterstützung hat mich auf meinem Weg, studieren zu wollen, immer bekräftigt. Ich hatte zudem das Glück, dass ich auch Lehrer hatte, die sich für meine Leistungen interessierten, mich gefördert und an mich geglaubt haben.


Wie kann man Ihrer Meinung nach andere Kinder mit Migrationshintergrund fördern?

Migrantenkinder müssen die gleichen Chancen haben. Das Aneignen der deutschen Sprache ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Zudem müsste man schauen, dass in den Klassen eine gesunde Durchmischung zwischen Einheimischen und Migranten herrscht. Wenn der Ausländeranteil überwiegt, kann das kontraproduktiv sein.

Güvengül Köz Brown

Nora Regli