AFRO SCHWEIZERIN - ABER NICHT NUR




Möchte kritisch hinterfragen statt schubladisieren: Serena Dankwa. Foto: sf


Ihre Mutter ist Schweizerin, Ihr Vater stammt aus Ghana. Wo sind Sie aufgewachsen?

Mein Vater bekam 1961 ein Stipendium, um in Zürich Medizin zu studieren. Ich war ein Jahr alt, als er mit meiner Mutter, die er hier kennen gelernt hatte, nach Ghana zurückkehrte. Dort lebten wir, bis ich sieben war. Aus wirtschaftlichen und familiären Gründen sind wir in die Schweiz zurückgezogen; von der Grossstadt Accra in ein Dorf im Aargau.


Wie wurden Sie hier als Schweizerin mit «dunkler» Hautfarbe aufgenommen?

Ich wurde vor allem permanent mit der Frage konfrontiert, wo ich herkomme. Als Kind in Ghana war es für mich selbstverständlich, Schweizerin und Ghanaerin zu sein. Doch hier wurde meine «Normalität» zu einem Thema. Da ich nicht als Schweizerin wahrgenommen wurde, musste ich mich dauernd mit dem Thema «Anderssein» auseinandersetzen; eine Konfrontation, die mich geprägt hat. Sie ist anstrengend, aber birgt auch Chancen. Sie hat mein Interesse geweckt, genauer hinzuschauen und die Geschichte «anderer» Menschen und Gesellschaften zu studieren, statt sie zu schubladisieren.


Und was haben Sie auf diesem Weg gefunden?

Grundsätzlich, dass man die Dinge kritisch hinterfragen muss. Und dass es normal ist, gemischter Herkunft zu sein. Tatsache ist, dass jeder Mensch eine Mischung ist. Das wird aber nur bei jenen wahrgenommen, bei denen es sichtbar ist. Wer verhindern will, von aussen definiert und auf Hautfarbe und Herkunftsfragen reduziert zu werden, muss kreativ werden und eigene Fragen und Ideen entwickeln.


Sie haben klassische Gitarre studiert, wurden Musikjournalistin und moderieren heute die Performing-Arts-Sendung «Klanghotel» beim Schweizer Fernsehen. Gleichzeitig sind Sie Doktorandin am Institut für Sozialanthropologie der Uni Bern. Gibt es da einen Zusammenhang?

Klar, globale Zusammenhänge Spiegeln sich ja nicht nur in Wirtschaft und Politik, sondern auch in der Musik. Das wurde mir vor etwa zehn Jahren bewusst, als ich bei DRS 2 über afrikanische Musik berichten sollte, wovon ich damals, als klassische Gitarristin keine Ahnung hatte. So begann ich, zu recherchieren und stiess im Keller der Basler Handelsgesellschaft auf eine Sammlung mit alten Aufnahmen westafrikanischer «Popmusik» aus Ghana. Da fragt man sich: Was machen die Originale alter Platten aus Ghana in Basel? Die Antwort liegt in der Tätigkeit dieser Basler Handelsgesellschaft, die einst von der Basler Mission ins Leben gerufen wurde. Während der Kolonialzeit hat sie in Ghana u.a. Musik aufgenommen und (dort) verkauft. Das ist nur eine von vielen historischen Verbindungen, die zwischen der Schweiz und Ghana und anderen ehemaligen Kolonien bestehen. Trotzdem sieht sich die Schweiz nicht als Teil der postkolonialen Welt.


Fehlt Ihrer Meinung nach in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für diese helvetisch-afrikanische Geschichte?

Auf jeden Fall. Das Schweizer Selbstbild wurde stark geprägt von den vielschichtigen Beziehungen zu Afrika und umgekehrt. Auch Schweizer haben in den Kolonien Handel getrieben und missioniert. Nicht zuletzt über die Abgrenzung zum Bild, das man sich von den «Anderen» machte, entstand das Bild des Eigenen, des Schweizerischen. Solche Verstrickungen müssen unbedingt Teil des Geschichtsunterrichts werden. Dann wird es Afro-Schweizern/-innen vielleicht leichter fallen, sich als Teil einer globalen (Schweizer) Geschichte zu verstehen.


Als was sehen Sie sich selbst?

Am ehesten bezeichne ich mich als Afro-Schweizerin oder als «mixed» von «mixed-race» oder als Schwarze Schweizerin, Schwarz mit grossem S, was soviel bedeutet wie: mit afrikanischem Hintergrund. Es gibt einen riesigen Pool an Identifikationen und es gibt unendlich viele Variationen des «Andersseins». Seconda sein ist eine Form davon. Ich bin Afro-Schweizerin – aber nicht nur, ich bin auch Feministin, Exvegetarierin, Warmduscherin, Genossenschafterin etc. Identitäten lassen sich nicht festschreiben. Das Leben ist nun mal komplexer, als man uns weismachen will.

Güvengül Köz Brown