FREMDHEIT IST MACHBAR![]() Martin
R. Dean wurde als Sohn eines aus Trinidad stammenden Arztes indischer Herkunft und einer Schweizerin
geboren. Er lebt und arbeitet als Schriftsteller in Basel. Foto: z.V.g. Immer
mehr Leute wollen ans Meer, ans Mittelmeer, wo auch ich diesen Sommer Ferien machte. Unter meinem Balkon
zogen Heerscharen halbnackter Badegäste den Lungomare entlang, auf der Mole nachts im blauen Mückenlicht
sahen sie aus wie Ameisen. Auf der anderen Meeresseite stachen ebenfalls Leute in See und durchpflügten
die Wellen bis Lampedusa. Ein dichtgewobener Teppich farbloser Schlager tönte den ganzen Tag am Strand
und verbreitete die Atmosphäre von easy going. Auch der Präsident war unter die Künstler gegangen und
sang dem Volk die Melodien, die es am liebsten hören wollte. Die
Senegalesin, die farbige Badetücher verkaufte, war mit einem anderen Schiff gekommen. Sie verbrachte
den Sommer an den Küsten Italiens und wurde im Herbst wieder abgeschoben. Zuhause im Senegal versorgte
sie mit ihren Einnahmen zwei Kinder. Auf meine Frage, wie es ihr hierzulande gehe, entgegnete sie ohne
Umschweife, die Italiener seien Rassisten. Wie denn? fragte ich und ging dabei einer braungebrannten
Schönheit aus dem Weg, die zu ihrem Badeschirm stolzierte. Die meisten Italiener reisen nicht, sagte
die Senegalesin. Sie lernen kaum andere Sprachen. Sie interessieren sich nicht für andere Kulturen als
ihre eigene. Wie ist es so weit gekommen? Seit Jahren
reise ich nach Italien, weil es da alles gibt, was ich liebe. Aber es fällt mir immer mehr auf, dass
an den Stränden die nordafrikanischen Verkäufer die einzigen Farbigen sind. Dass allerorten kaum über
die Gesellschaft, aber immer und ausführlich übers Essen und Kleider geredet wird. Dass kaum Bücher,
sondern nur Zeitschriften und Comics gelesen werden. Dass überall auf Teufel komm raus Kleiderboutiquen
aus dem Boden schiessen. Und – natürlich – dass überall ein Fernseher steht, dessen Programm man am
besten ignoriert. Ist Italien rassistisch geworden?
– Als ich bei einem jungen Zeitungsverkäufer wegen Barack Obama die Zeitung kaufe, schüttelt dieser
den Kopf. Wie kann das gut gehen mit diesem Obama, fragt er mich, der Mann ist doch ein Muslim. Der
singende Premierminister schickt Militär in die Städte, um die Ausländer (nicht die Touristen) zu schikanieren.
Seine Regierung nimmt die Fingerabdrücke der Romakinder, nicht aber der Mafia, die an den Müllbergen
in Neapel ihre Millionen verdienen. Der singende Premier altert nicht, denn in ihm stecken noch die
Gespenster der dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts, die sein Freund, der neue Bürgermeister von
Rom, zu rühmen nicht müde wird. Warum, singt nun das Land mit ihnen, sollte an Mussolini alles nur schlecht
gewesen sein? Italien ist ein Beispiel dafür, dass
Fremdheit herstellbar ist. Wenn die Politik und die Medien die Meinungen machen, wenn sie Menschen in
ihrer Sichtweise beeinflussen dann ist es gelungen, den Fremden in Italien noch fremder zu machen. Sodass
er schliesslich in den Städten des Nordens unverhohlen als Sündenbock für alles taugt. Das
Gefühl der Fremdheit zwischen Menschen ist nicht angeboren, sondern sozial erzeugt. Gute Integrationspolitik
vermindert dieses Gefühl, indem sie informiert und die Angst vor dem Fremden nimmt. Gute Integrationspolitik
positioniert den «Ausländer» in jene gesellschaftlichen Positionen, wo gewohnheitsmässig der Einheimische
ist. Dieser Rollentausch bewirkt auf Anhieb eine neue Wahrnehmung. Just also das, was die nicht gerade
fremdenfreundliche Justizministerin von St. Gallen, Karin Keller-Suter, ablehnt, wenn sie keine ausländischen
Polizisten einstellen will. Begründung: Der Einheimische lässt sich nur ungern von einem Ausländer büssen.
Ihre Ablehnung der Integration könnte entlarvender nicht sein. Der Ausländer soll gefälligst am Rand
der Gesellschaft bleiben! Ich wünsche mir viele Afrikaner,
die an Italiens Stränden liegen und sich von Italienern Badetücher verkaufen lassen. Martin
R. Dean | ||||||||||||||||||||||||||||||||







