«SCHRITT:WEISE» FRÜHE FÖRDERUNG IM GUNDELI




Erfahrungen sammeln und die Erziehungskompetenz stärken.
Foto: z.V.g.


Für Familien, die ihre Erziehungskompetenzen und Ressourcen in der Entwicklung ihrer Kleinkinder optimal einsetzen wollen, gibt es in Basel jetzt ein gezieltes Spiel- und Lernprogramm. Das Pilotprojekt schritt:weise startet im November im Gundeli-Quariter.

Ein lauer Sommertag in Basel. Die Stadt am Rhein wirkt, als wäre sie noch nicht bereit für den Alltagsstress, der hinter den Büros und Geschäften auf die Mitarbeitenden lauert. Der Sommer macht träge und da die meisten gerade aus den Ferien zurück sind, trotzen sie dem monotonen Rhythmus der Arbeitswelt. Ganz anders geht es den Basler Erstklässlern, die gerade ihren ersten Schultag hinter sich haben. Für die Neueingeschulten fängt ein wichtiger Lebensabschnitt an. Spannend, neu und aufregend ist die Welt des Lernens. Während die Grundschule für die meisten Kinder der erste Schritt in eine erfolgreiche Bildung bedeutet, ist es für eine kleine Minderheit bereits der Ort, wo sich das erste Scheitern im Bildungswesen abzeichnet. Typische Schulanfänger gibt es kaum noch. Wissensstand, Begabung oder motorische Geschicklichkeit sind so unterschiedlich ausgeprägt, dass das alte Versprechen nach Chancengleichheit nicht für alle die erhoffte Realität ist. Deshalb wird immer mehr auf frühe Förderung gesetzt, die vor dem Kindergarteneintritt angesetzt wird. So auch in Basel.


Basel geht schritt:weise Schritt für Schritt an

Opstapje, ein präventives Spiel- und Lernprogramm, das vor über zehn Jahren in den Niederlanden entwickelt wurde, hat den Weg in die Schweiz gefunden. Der in Winterthur domizilierte Verein a:primo hat das Programm in die schweizerischen Verhältnisse übertragen und bietet es seit 2006 unter dem Namen schritt:weise Gemeinden und Städten an. Was in Bern (vgl. S. 21), Winterthur und St. Gallen seit einigen Monaten erprobt wird, soll jetzt auch im Basler Gundeli-Quartier als Pilotprojekt gestartet werden. Claudia Ermert, Projektleiterin und Beauftragte für Familienfragen Abteilung Jugend, Familie und Prävention, JD, ist froh, dass das Projekt endlich ins Rollen kommt: «Alle Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Manche Mütter und Väter sind jedoch aufgrund unterschiedlicher Belastungen nicht in der Lage, dem Kind genügend Anreize wie gemeinsam spielen, singen oder Geschichten erzählen zu geben. Wir bieten diesen Eltern und ihren anderthalb bis zwei Jahre alten Kindern Unterstützung an.» Sie ist überzeugt, dass schritt:weise auch in Basel viel bewirken wird. Ergebnisse aus Deutschland unterstreichen die Wirksamkeit des Programms. Im Gegensatz zu Bern wird in Basel schritt:weise vorerst nicht in den Muttersprachen von Migrantenfamilien durchgeführt. Man will das Projekt Schritt für Schritt einführen und Erfahrungen sammeln. Ziel ist es grundsätzlich, alle Familien zu erreichen, zumal für Frau Ermert schritt:weise kein spezielles Migrantenprogramm ist.


Spielend lernen

Beladen mit Bilderbüchern, Bauklötzen, Farbstiften und Malblöcken wird eine speziell ausgebildete Hausbesucherin aus dem Quartier einmal in der Woche für eine halbe Stunde ein fester Bestandteil im Leben der Familien. Bei jedem Besuch erhalten die Eltern zudem Unterlagen mit Spielideen. 18 Monate lang werden die 12 bis 15 ausgewählten Familien aus dem Gundeli-Quartier auf ihrem Weg, ihre Kleinkinder zu fördern, begleitet. «Spielend lernen macht Spass. Dies wird im Programm für Eltern und Kinder erlebbar. Die Hausbesucherin hat die Aufgabe, die Kinder an altersgerechte Spiele heranzuführen und die Eltern für die gegenwärtige Entwicklungsphase des Kindes zu sensibilisieren. Es ist ein ressourcenorientiertes Projekt, das nur in Zusammenarbeit mit den Eltern funktioniert», betont Claudia Ermert. Neben den Hausbesuchen gibt es regelmässige Treffen der Mütter, die durch Silvia Kästli, Sozialpädagogin bei HELP! For Families und Koordinatorin des Projekts, in Zusammenarbeit mit der Hausbesucherin organisiert werden. Silvia Kästli ist auch zuständig für die Ausbildung und die Begleitung der Hausbesucherin sowie die Auswahl der Familien. Wichtig ist es, dass die Hausbesucherin aus dem gleichen Umfeld wie die Familien kommt. Dies steigert die Akzeptanz und beschleunigt den Vertrauensaufbau zwischen Familie und Hausbesucherin. Die Trägheit, die Basel an diesem Sommertag zu umhüllen schien, ist verflogen. schritt:weise wird mit viel Eifer umgesetzt. Der Erfolg lässt sicher nicht lange auf sich warten.

Güvengül Köz Brown


Weitere Informationen:
Silvia Kästli
Telefon 079 503 24 45 oder 061 386 92 10
silvia.kaestli@help-for-families.ch




VERANTWORTUNG WAHRNEHMEN




Cornelia Conzelmann leitet die Arbeiten am Gesamtprojekt «frühe Förderung». Foto: Philipp Grünenfelder


Bestehendes vernetzen sowie zusätzliche Anreize und Angebote schaffen: der Kanton Basel-Stadt übernimmt eine aktive Rolle und erarbeitet ein umfassendes Paket an Massnahmen zur frühen Förderung. Cornelia Conzelmann, Leiterin des Bereichs Tagesbetreuung im Erziehungsdepartement, erläutert MIX die Pläne und Hintergründe.


Weshalb ist aus der Sicht des Kantons Frühförderung notwendig?

Eine gelingende Entwicklung von Kindern vor Eintritt in den Kindergarten ist der Schlüsselfaktor für spätere schulische Erfolge und die damit verbundene soziale Sicherheit. Frühe Förderung versteht sich nicht nur als Sprachförderung, sondern als Aktivierung von Potenzial ganz allgemein. Kinder sind neugierig und wollen die Welt entdecken. Diese Bedürfnisse müssen von Betreuungspersonen, also auch Eltern, aktiv gestillt werden können. Der Kanton nimmt hier seine Verantwortung wahr und leistet gezielt Unterstützung.


Wird damit nicht die Kompetenz der Eltern untergraben?

Es ist nicht das Ziel, Eltern zu bevormunden oder grundsätzlich ihre Erziehungsqualitäten anzuzweifeln. Aus unterschiedlichen Gründen ist es nicht allen Eltern gleich möglich, die natürliche Entwicklung ihrer Kinder genügend mitzugestalten. Wir wollen Hand bieten und Anreize und Rahmenbedingungen schaffen, damit möglichst alle Kinder dieselbe Chance auf eine ganzheitliche Entwicklung haben. Dies kann nur in Partnerschaft mit den Eltern gelingen. Deshalb müssen die Angebote und Anlaufstellen niederschwellig und kostengünstig gestaltet werden und nicht mit Vorurteilen behaftet sein, damit Eltern sie im Bedarfsfall auch nutzen.


Was ist denn die Grundlage dieses Pakets?

Der Kanton wie auch private Organisationen stellen bereits ein vielfältiges Beratungs-, Bildungs- und Betreuungsangebot für Familien mit kleinen Kindern zur Verfügung. Nun gilt es, diese Angebote zu vernetzen und bedarfsgerecht auszugestalten, damit noch mehr Familien gezielt erreicht werden können. Das Massnahmenpaket basiert auf drei aufeinander aufbauenden Grundpfeilern: Wie verbessern wir den Zugang zu den Eltern mit kleinen Kindern? Wie erkennen wir, ob besondere Unterstützung notwendig ist, und dann natürlich, wie diese Unterstützung aussehen kann?


Wie wollen Sie den Zugang zu den Familien finden?

Der Kontakt zu den Familien besteht zum Teil bereits heute. Die Mütter- und Väterberatung übernimmt eine wichtige Funktion. Aber auch Mitarbeitende anderer Stellen, z.B. solcher, welche Familien finanziell unterstützen, oder auch Mitarbeitende von Quartiertreffpunkten, Spielgruppen und Tagesheimen stehen im Austausch mit Eltern. Da noch näher heranzukommen und neue Wege zu finden, ist das Ziel. Die meisten fremdsprachigen Eltern haben grosses Interesse daran, dass ihre Kinder Deutsch lernen. Nicht selten ist dies der Hauptgrund für den Besuch einer Spielgruppe oder eines Tagesheims.


Der Kontakt ist das eine. Wie aber merken Sie, ob Unterstützung notwendig ist?

Mütter- und Väterberaterinnen sind in der Lage, Entwicklungsverzögerungen beim Kind festzustellen. In Zusammenarbeit mit Kinderärzten und Kinderärztinnen empfehlen sie den Eltern bei Bedarf weitere Abklärungen und entsprechende Massnahmen. Die Sprech- stunden finden in der Regel in den Quartiertreffpunkten statt. Um auch das Umfeld der Familie und mögliche soziale Problemlagen und Bedürfnisse wahrzunehmen, wären Hausbesuche sehr nützlich. Familiäre und soziale Probleme können nur angesprochen werden, wenn eine gute Vertrauensbasis zwischen den Beteiligten besteht.


Werden im Bedarfsfall nur die Kinder gefördert oder auch das Umfeld berücksichtigt?

Beides. Wir wollen Eltern befähigen, ihre Kleinen, soweit das geht, selbst zu fördern. Das Projekt «schritt:weise» geht zum Beispiel diesen Weg.

Die direkte Betreuung für Kinder ist aber genauso wichtig. Dabei sollen bestehende Betreuungsangebote wie Tagesheime und Spielgruppen genutzt werden. Hier schliesst das Projekt «Mit ausreichenden Deutschkenntnissen in den Kindergarten» an Tagesheime führen die fremdsprachigen Kleinkinder seit Jahren nebenbei an die deutsche Sprache heran. Vor Kurzem haben wir in Zusammenarbeit mit Fachpersonen aus Tagesheimen und Spielgruppen Leitsätze zur Sprachförderung erarbeitet, welche in den Betreuungsangeboten umgesetzt werden. Die Aufgabe «Sprachförderung» wird auch in zukünftige Leistungsvereinbarungen einfliessen. Ganz allgemein heisst das Credo: bestehende Angebote nutzen, optimieren und mittels Vorgaben für eine Mitfinanzierung steuern.


Wie geht der Prozess weiter?

Die Regierung hat den ersten Bericht zum Paket gutgeheissen. Nun verfolgen wir die Erarbeitung und die Umsetzung detaillierter Massnahmen. Schliesslich ist es immer auch eine Frage des Budgets, was wie und in welchem Zeitrahmen umgesetzt werden kann. Uns ist zudem wichtig, alle Partnerorganisationen in den Prozess mit einzubeziehen, damit schliesslich alle Zahnräder ineinander greifen.

Philipp Grünenfelder