«ELMA HEISST AUF DEUTSCH DER APFEL!»




Spielen, singen, basteln, malen. Deutsch lernt man auf verschiedenen Wegen. Foto: Güvengül Köz Brown


Die Baselbieter Gemeinde Füllinsdorf investiert in die frühe Sprachförderung. Seit Sommer 2007 lernen Migrantenkinder spielerisch die deutsche Sprache in der Spielgruppe 3Plus.

Es ist kurz vor 9 Uhr. Nach und nach trudeln die 15 Kinder zwischen drei und vier Jahren in der Spielgruppe 3Plus im Füllinsdorfer Schönthal-Schulhaus ein. An der einen Hand ihre farbigen Stoffrucksäcke gefüllt mit dem Proviant für den «Znüni», an der anderen ihre Mütter, Väter oder Opas, die sie an diesem Montagmorgen für zwei Stunden in die Obhut von Doris Bürgin und Iris Schmucki geben. Noch ist es ganz ruhig. Nur wenigen Kindern fällt der Abschied von Mama und Papa schwer. Alexander fühlt sich heute krank und möchte ohne Papa auf gar keinen Fall in den Spielunterricht. Kein Problem, Gjergj Tunaj darf seinen Sohn begleiten. Es ist ein buntes Sprachwirrwarr, wenn die Eltern sich endlich von ihren Sprösslingen verabschieden: Türkisch, Serbisch oder Tamil. Doch, wenn sich die Tür zur Spielgruppe 3Plus schliesst, übernimmt das Deutsch die Führung.


Natürlicher Umgang mit der Sprache

Doris Bürgin, die Spielgruppenleiterin, bringt mit einem kleinen Stups das an der Decke hängende Windspiel zum Klingeln. Ein Zeichen, das die Kinder kennen: Es ist Zeit, sich im Morgenkreis zu sammeln. Alle setzen sich auf den Boden, einige Hände haltend, und warten geduldig, bis sie das allmorgendliche Rituallied «Guten Morgen» singen können. Bis vor vier Wochen haben viele dieser Kinder Deutsch weder verstanden noch gesprochen. «Der spielerische Zugang zur deutschen Sprache und das lustvolle Lernen stehen bei uns im Vordergrund. Wenn die Kinder in zwei Jahren in den Kindergarten kommen, soll ihnen die deutsche Sprache nicht fremd sein», erklärt Doris Bürgin. Während sie für den schweizerdeutschen Teil zuständig ist, vermittelt die erfahrene Sprachlehrerin Iris Schmucki das Hochdeutsch: «Kinder sind offen und haben Spass daran, die deutsche Sprache zu lernen. Wir geben diesem bestehenden Interesse und der Neugier nur die nötige Nahrung.» Die Kinder spielen, singen, basteln und malen. Dabei wird der natürliche Umgang mit der neuen Sprache selbstverständlich. Es ist unumstritten: Der Mensch hat eine Anlage zur Mehrsprachigkeit und je früher er dieses Potenzial nutzt, desto grösser ist die Effektivität des Sprachenlernens auch für die Zukunft.


Der Teller ist ein Kreis

Auf einem roten Tuch liegen zehn alltägliche Gegenstände beziehungsweise Nahrungsmittel. Doris Bürgin nimmt einen Apfel, hebt ihn hoch und fragt in die Runde: «Was ist das?» Yusuf, einer der Drillinge, die man auf den ersten Blick kaum auseinander- halten kann, ruft: «Das ist eine elma?» Elma? Die türkischen Kinder, die hier in der Überzahl vertreten sind, nicken, während die anderen keine Ahnung haben, was Yusuf hier von sich gibt. Iris Schmucki greift ein: «Ja, Yusuf, das ist eine elma, aber auf Deutsch heisst das der Apfel». Alle wiederholen: «Der Apfel.» Jetzt wird ein Teller in die Luft gehoben. Leyla schreit: «Das Kreis.» Abgesehen vom bestimmten Artikel, der nicht ganz stimmt, hat die Kleine aus Serbien und Montenegro trotzdem nicht ganz Unrecht. Doch, ein Teller ist nun mal ein Teller und Doris Bürgin korrigiert und alle Kinder sagen wieder gleichzeitig: «Der Teller.» Mit viel Augenzwinkern vergehen die zwei Stunden im Nu und die Kinder erhalten, ohne dass sie es sich bewusst sind, essentzielle Anregungen für ihre sprachliche Entwicklung, die wiederum die Weichen für einen erfolgreichen Übergang in den Kindergarten und späteren Schulerfolg stellt.

Güvengül Köz Brown

Nach Liestal hat Füllinsdorf im Sommer 2007 die zweite 3Plus- Spielgruppe gegründet. Die vom damaligen Gemeinderat Friedrich Häring ergriffene Initiative wird heute von seiner Nachfolgerin Karin Thommen-Mischle vollumfänglich unterstützt. Die Politikerin und Lehrerin setzt sich für die frühe Förderung ein und sieht es als eine wichtige Massnahme, Kinder schon vor dem Kindergarteneintritt mit der deutschen Sprache vertraut zu machen. Nach dem einjährigen 3Plus können die Kinder eine reguläre Spielgruppe besuchen.




VIELE, VIELE BUNTE BÜCHER




Die KBL Liestal bietet neu auch Kinder- und Jugendliteratur in Tamil und einigen Sprachen mehr an. Foto: z.V.g.


Albanische Bildlexika, Mädchenromane in tamil, spanische Kinderbücher oder deutsch-englische EasyReader. Die Kantonsbibliothek Baselland (KBL) hat ihr Angebot an fremdsprachiger Literatur für Kinder und Jugendliche in den letzten Jahren sukzessive ausgebaut.

Die Bedürfnisse der Ausleihenden sind so vielfältig wie das Angebot. Wir haben zwischen den Büchergestellen gestöbert.

Die Sprachenvielfalt in der Schweiz erweitert sich. Neben Einheimischen, die eine oder mehrere Fremdsprachen lernen, bereichern auch aus dem Ausland zugezogene Menschen den sprachlichen Austausch. Spanisch, Albanisch, Englisch oder Tamil sind ein Teil des helvetischen Alltags – auch im Baselbiet. Hier hat mehr als jede zehnte Person gemäss Bundesamt für Statistik nicht Deutsch als Hauptsprache. Diese Vielsprachigkeit und die Absicht, schon Kleine und Kleinste sprachlich zu fördern, haben Auswirkungen auf die Nachfrage in Bibliotheken. Die KBL hat darauf reagiert und in den letzten beiden Jahren ein breites Angebot an fremdsprachiger Kinder- und Jugendliteratur aufgebaut. Caroline Ruosch war dabei hauptsächlich beteiligt und meint: «Wir möchten Lesestoff in verschiedenen Sprachen und Formen anbieten und damit jungen Menschen mit Migrationshintergrund konkreten Zugriff auf ihre Herkunftskultur ermöglichen.» Dabei steht nicht nur die Breite des Angebots im Vordergrund, sondern auch qualitative Merkmale. «Die Mehrheit der Publikationen, die wir anbieten, sind in der Originalsprache veröffentlicht worden», unterstreicht Frau Ruosch einen der Grundsätze und fügt schmunzelnd an, dass «einige fremdsprachige Kinder, welche mit Büchlein aus unserem Kulturkreis aufgewachsen sind, oft überrascht reagieren, wenn sie neu mit Buchdarstellungen aus ihrer Ursprungskultur konfrontiert werden. Es gibt also ab und zu nicht nur für Schweizer Kinder Neuland zu entdecken.» Die Auswahl der Bücher erfolgt im Gespräch mit Sachverständigen aus dem jeweiligen Kulturkreis und Partnerbibliotheken.


Vielfältige Lesegelüste

Interessierte gelangen aus unterschiedlichsten Gründen zwischen die knallgelben Büchergestelle in der KBL. Kleinkinder können mit Bildergeschichten spielerisch an eine Sprache heran geführt werden, was als Fundament für das Erlernen jeder Sprache gilt. Jugendliche, welche im Fremdsprachenunterricht Mühe bekunden, finden mit so genannten EasyReader einfach geschriebene zweisprachige Krimis oder Geschichten mit Themen aus dem jugendlichen Problemalltag. Und Kinder aus Sri Lanka zum Beispiel erfahren aus entsprechenden Kinderbüchern mehr über tamilische Gegebenheiten und das virtuose Schriftbild, welches sich vom lateinischen Alphabet stark unterscheidet. Erfreut über das erweiterte Angebot sind auch Verantwortliche von Sprach- und Kulturförderangeboten. Fljurie Xhema, Vermittlerin von heimatlicher Sprache und Kultur in so genannnten HSK-Kursen für albanische Jugendliche, nutzt das Angebot regelmässig: «Ich finde immer wieder Publikationen, die ich in den Unterricht einbauen kann. Ich versuche, die Schülerinnen und Schüler bei der Identitätsfindung zu unterstützen, denn zu wissen, woher man kommt, hilft bei der Integration in eine andere Kultur.» Weitere Anbieter von Kursen für die Festigung der Muttersprache bei Kindern sind ebenfalls potenzielle Nutzerinnen und Nutzer. «In der Zusammenarbeit mit Institutionen aus der Sprachförderung besteht noch viel Potenzial, wir sind nun dabei, die richtigen Ansprechpersonen zu finden und gemeinsame Angebote aufzubauen», zeichnet Frau Ruosch den weiteren Weg auf. Virginia Gisela Rüst, Argentinierin und Mutter eines neunjährigen Sohnes, ist ebenfalls begeistert vom Angebot: «Wir sprechen zu Hause vor allem Spanisch, unser jüngster Sohn wächst also zweisprachig auf. Das altersgerechte Angebot in Liestal ermöglicht nun neben dem mündlichen auch einen Zugang zum geschriebenen Spanisch. Das erweitert den Sprachhorizont und wer schon in frühen Jahren mit dem Lesen vertraut wird, egal in welcher Sprache, hat später in der Schule weniger Mühe.»

Philipp Grünenfelder


Weitere Informationen: Kantonsbibliothek Baselland, www.kbl.ch