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 Zwei Ärztinnen und eine Sozialpädagogin erzählen von ihren Erfahrungen
Erwerbstätige Migrantinnen werden oft nur in stereotypen Berufen wie Putzfrauen,
Animierdamen oder als Fabrikarbeiterinnen gesehen.
Wie sieht die Lebenswirklichkeit von Migrantinnen, die in der Schweiz leben, aus?
Über 650000 Frauen sind es, die in dieses Land gekommen sind, hier leben und
arbeiten. Weltweit migrieren insgesamt mehr Frauen als Männer. Diese Tatsache
widerspiegelt sich aber keineswegs im Umgang mit Migrantinnen. Unser Bild von Migrierenden
ist männlich. Wir stellen uns den politisch verfolgten Mann oder einen Familienvater,
der auf der Suche nach Existenzsicherung ist, vor. Auch im Zusammenhang mit Arbeit denken
wir in erster Linie an Saisonniers oder an hoch qualifizierte Arbeitskräfte in der
Medizin oder IT-Branche. Erwerbstätige Migrantinnen werden oft nur in stereotypen
Berufen wie Putzfrauen, Animierdamen oder als Fabrikarbeiterinnen gesehen. Sie sehen sich
bei uns mit verschiedenen Vorurteilen und Hindernissen konfrontiert. Als Frauen mit
Familie und Beruf sind sie einer doppelten Belastung ausgesetzt, die auch Schweizerinnen
kennen. Hinzu kommen Schwierigkeiten bezüglich fehlender Sprachkenntnisse und der
Nichtanerkennung der in der Heimat abgeschlossenen Ausbildung.
Ein grosser Teil der Migrantinnen in der Schweiz ist erwerbstätig (67,6%).
Viele befinden sich aber bezüglich Einkommen, beruflichen Status und
Arbeitsbedingungen auf der untersten Hierarchiestufe. Gesamthaft gesehen haben sowohl
Schweizer wie auch ausländische Männer den besseren Zugang zu höheren
beruflichen Stellungen als die Frauen. Migrantinnen sind deshalb gerade doppelt
benachteiligt; als Frauen und als Migrantinnen. Nicht selten wird diesen Frauen mit dem
Vorurteil, «unqualifiziert zu sein», begegnet und der individuellen Situation
zu wenig Rechnung getragen.
Drei Migrantinnen, die heute in Basel leben, geben Auskunft über ihre Arbeit und ihre
Erfahrungen hier in Basel. Die befragten Frauen stammen aus Brasilien und der Türkei.
Sie sind zwischen 35 und 50 Jahren alt und leben schon seit vielen Jahren
in Basel.
Wo wurden Sie geboren und welche Ausbildung haben Sie gemacht?
L.C*: Ich bin in Brasilien geboren und habe dort das Medizinstudium absolviert. Nach dem
Studium habe ich mich im Bereich der öffentlichen Gesundheit im Fach
Epidemiologie spezialisiert.
F.U.: Ich bin aus der Türkei. Dort habe ich Medien und Wirtschaft studiert.
A.N.: Ich bin in Brasilien geboren und habe dort Medizin studiert. Ich bin auf Gynäkologie
und Geburtshilfe spezialisiert.
Welche beruflichen Veränderungen haben Sie seit Ihrer Ankunft in Basel gemacht?
L.C.: Da meine medizinische Ausbildung hier nicht anerkannt wurde, habe ich mich für den
Bereich Migration interessiert, Kontakt mit anderen Migrantinnen aufgenommen und an Kursen
und Seminaren über Gesundheitsförderung teilgenommen. Schliesslich bin ich dann
zur Multikulturellen Suchtberatungsstelle beider Basel (Musub) gekommen. Auch habe ich
während mehrerer Jahre bei Nosotras, einer Beratungsstelle für Frauen aus
Lateinamerika, ehrenamtlich mitgearbeitet.
F.U.: In Basel besuchte ich die Höhere Fachschule für Sozialarbeit. Heute arbeite ich
in einem Heim als Sozialpädagogin. Ich arbeite mit jungen Menschen, begleite und
sehe, wie sie sich entfalten und weiter entwickeln, das macht mir Spass.
A.N.: Viele. Zuerst hatte ich den ärztlichen Beruf aufgegeben und war als Familienfrau
beschäftigt. Später habe ich als Übersetzerin und Begleiterin für
portugiesisch und spanisch sprechende Leute gearbeitet. Im Jahre
1998 habe ich mit anderen Brasilianerinnen eine Beratungsstelle für Brasilianerinnen
und ihre Familien in Basel auf die Beine gestellt. Die Beratungsstelle heisst CIGA-Brasil.
Welchen Hindernissen sind Sie hier begegnet?
L.C.: Der Sprache, die ich nicht konnte. Ich habe eine Familie mit zwei Kindern. Ich blieb
lange Zeit als Erzieherin und Hausfrau zu Hause. Ich musste eine Alternative zu meiner
Tätigkeit als Ärztin suchen, da mein Medizinabschluss hier nicht anerkannt wird,
was nicht einfach war.
F.U.: Eine neue Sprache musste ich lernen, dafür brauchte ich Geld und für meinen
Sohn eine Betreuung. Es war kein Verständnis dafür da, dass ich nur geschriebene
Sprache konnte und sonst nichts (kein Schweizerdeutsch). Als lernende Mutter musste ich
trotzdem viele verschiedene Aufgaben erledigen und ich wollte Zeit für Familie, Kind
und für mich haben.
A.N: Da ich zuerst die deutsche Sprache gelernt und gewartet hatte, bis meine Kinder gross
waren, bin ich keinen grossen Hindernissen begegnet. Als ich mich entschieden habe, wieder
berufstätig zu sein, hatte ich die volle Unterstützung von meiner Familie.
Obwohl mein ärztliches Diplom hier nicht anerkannt ist, hatte ich die
Möglichkeit, als Assistenzärztin in einem Spital zu arbeiten. Wenn ich
selbstständig arbeiten wollte, müsste ich das Staatsexamen machen. Das
würde vier oder fünf Jahre dauern. Hier möchte ich noch erwähnen, dass
die schweizerischen Medizindiplome in Brasilien auch nicht anerkannt werden.
Sind Sie Vorurteilen begegnet?
L.C.: Nein!
F.U.: Natürlich zuerst als Frau. Ich sollte zu Hause bleiben und mich um unseren Sohn
kümmern, alle guten Mütter machen es so. Als türkischer Flüchtling
sollte ich lieber arbeiten gehen als die Schule besuchen und Politik machen,
wer bezahlte meine Schule?
A.N.: Nein, weder als Frau noch als Migrantin.
Welche positiven Erfahrungen haben Sie in Basel gemacht?
L.C.: In dieser multikulturellen Gesellschaft andere Mentalitäten kennen zu lernen.
F.U.: In Basel habe ich Deutsch gelernt, einige nette Leute kennen gelernt, die ich sehr
schätze und nicht verlieren möchte. Mein Sohn ist hier gross geworden und hat
die Schule besucht. Vor allem lebe ich seit 10 Jahren in Basel und im Alltag begegne ich
verschiedenen Menschen und mache dadurch viele gute Erfahrungen.
A.N.: Alles, was ich bis heute hier gemacht und erlebt habe, die positiven und die weniger
positiven Erfahrungen, betrachte ich als eine Bereicherung meines Lebens. Mein Horizont
ist offen und weit geworden.
Wie sieht Ihre Zukunft aus?
L.C.: Das ist schwierig zu sagen. Zur- zeit möchte ich meine Ausbildung beenden und meine
Arbeit in der Multikulturellen Suchtberatungsstelle beider Basel weiterführen und
auch weiterhin die Tätigkeit von Nosotras Basel unterstützen.
F.U.: Ich lebe im Moment hier; was in Zukunft passiert, weiss ich nicht.
A.N.: Mein Wunsch für die Zukunft ist, wieder als Frauenärztin und gleichzeitig als
Paar- und Familientherapeutin zu arbeiten. Zurzeit bin ich optimistisch für meine
Zukunft.
Interview und Artikel wurden von Susanne Goepfert und Nihal Karamonoglu, Fachgruppe Arbeit
& Migration, Frauenrat Basel-Stadt, verfasst.
*Die Namen sind der Redaktion bekannt.
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