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 Um zu fordern, muss man fördern
Nichtschweizer Jugendliche haben häufiger schulische Probleme als Einheimische. Das
muss und darf nicht sein. Von frühzeitiger Förderung und Integration profitiert
die ganze Gesellschaft.
Kinder verschiedener Kulturen in einer Basler Schule.
Dass sie gelegentlich in der albernen Kindersprache angesprochen wird, mit der manche
Einheimische auf Ausländerinnen und Ausländer einreden, findet die
23jährige in Basel lebende Germanistikstudentin Eda eigentlich noch ganz lustig. Das
Lachen verging ihr allerdings damals, als ihr Lehrer meinte, für einen Wechsel aufs
Gymnasium würden ihre Deutschkenntnisse nicht ausreichen: «Dabei gehörte
ich gerade in Deutsch zu den Klassenbesten.»
Offenbar war auch für Edas Lehrer nur schwer zu fassen, dass eine Türkin etwas
anderes werden könnte als Putzfrau. Auch an der Uni wird Eda als Exotin bestaunt. Das
ist nicht weiter verwunderlich. Zwar haben rund ein Drittel aller Basler Jugendlichen
keinen Schweizer Pass, auf den Gymnasien und Universitäten bleiben
Ausländerinnen und Ausländer aber eine verschwindend kleine Minderheit. 36
Prozent der Schülerschaft an Basler Schulen sind ausländischer Herkunft. In der
Primar- und Orientierungsschule entspricht ihr Anteil dem Bevölkerungsdurchschnitt.
Doch während fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler in der
Weiterbildungsstufe keinen Schweizer Pass hat, sind es in den Gymnasien nur 15 Prozent.
Nicht nur Sprachprobleme
Die schlechten Chancen ausländischer Jugendlicher auf einen höheren
Schulabschluss und dementsprechend bessere Berufsaussichten, lassen sich nicht allein mit
mangelnden Deutschkenntnissen erklären. Auch Migrantinnen und Migranten zweiter und
gar dritter Generation schaffen nur selten die Matur. Selbst scheinbar völlig
integrierte Jugendliche aus Spanien und Italien sind in Gymnasien und Diplomschulen
deutlich untervertreten.
Silvia Bollhalder, Konrektorin der Basler Orientierungsschulen, gibt zu bedenken, dass
auch andere Faktoren als Sprachdefizite die schulischen Leistungen dieser Jugendlichen
beeinträchtigen: «Soziale Benachteiligung spielt natürlich auch eine
Rolle. Wie soll ein Jugendlicher konzentriert an seinen Aufgaben arbeiten, wenn in der
elterlichen Zweizimmerwohnung fünf Menschen auf engstem Raum zusammen leben?»
Ein weiteres Problem ist, dass die Eltern der Kinder und Jugendlichen oft aus
ländlichen Regionen kommen und den Wert einer Schulausbildung nicht einsehen. Auch
die Germanistik-Studentin Eda kennt diese Probleme: «Unsere Eltern sind vor 20 oder
30 Jahren aus der Türkei gekommen und träumen immer noch davon, irgendwann
einmal zurückzukehren. Dabei halten sie Wertvorstellungen lebendig, wie sie in der
Türkei vor Jahrzehnten geherrscht haben.» Die Jugendlichen sitzen
buchstäblich zwischen Stuhl und Bank. So vererbt sich die Armut der Eltern indirekt
auch auf die nachfolgen- den Generationen. Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.
Mehrheit in der Schweiz geboren
Die Hälfte aller Migrantinnen und Migranten in Basel ist in der Schweiz
geboren. Bei den Kindern und Jugendlichen sind es sogar 62 Prozent. Trotzdem sind sie in
qualifizierten Berufen und weiterbildenden Schulen krass untervertreten. Diese
Jugendlichen stellen fast die Hälfte aller Jugendlichen ihrer Altersgruppe.
Die Basler Ethnologin Rebekka Ehret, wissenschaftliche Verantwortliche des Basler
Integrationsleitbildes, betrachtet die Situation nüchtern: «Unsere Gesellschaft
kommt ohne diese Jugendlichen gar nicht aus. Also liegt es beim Staat und der Wirtschaft,
diese jungen Menschen optimal zu fördern, damit Wirtschaft und Gesellschaft sie auch
fordern können.»
Wir alle sind darauf angewiesen, dass diese Kinder und Jugendlichen ihren Platz in unserer
Gesellschaft einnehmen. Und zwar in qualifizierten Berufen. Denn unqualifizierte
Arbeitskräfte tragen weniger zu den Sozialwerken bei, sind öfter von Armut,
Krankheit, Fürsorgeabhängigkeit und Invalidität betroffen. «Für
leistungs- und tragfähige Mitglieder der Gesellschaft müssen wir frühzeitig
in die Förderung und Ausbildung investieren», erklärt Thomas Kessler,
Basler Delegierter für Migrations- und Integrationsfragen. «Das kann man sich
durchaus vorstellen wie in der Privatwirtschaft: Wer in seine Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter investiert, Weiterbildung und Aufstiegsmöglichkeiten offeriert,
profitiert von einer motivierten, loyalen Belegschaft.»
Zweisprachigkeit ist ein Vorteil
Laut Silvia Bollhalder geht es darum, die Kinder so früh wie möglich zu
erreichen. Und vor allem darum, sie zweisprachig zu unterrichten. «Pilotversuche in
Basler Kindergärten haben ganz enorme Fortschritte sowohl in der Sprache, wie auch in
den allgemeinen schulischen Leistungen gebracht.» Dabei geht es darum, die
Zweisprachigkeit der Kinder und Jugendlichen nicht als Defizit, sondern als
Schlüsselqualifikation zu begreifen, was sie in der modernen, globalisierten
Wirtschaft ja auch ist. Ausserdem haben empirische Untersuchungen ergeben, dass
zweisprachige Schülerinnen und Schüler vielleicht in der deutschen
Schriftsprache benachteiligt sind, aber bei gleichen Bedingungen in Mathematik und
Fremdsprachenfächern deutlich besser abschneiden als ihre deutschsprachigen
Klassenkameraden.
Udo Theiss
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