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 Verena Brönnimann ist Schulinspektorin im Kanton Basel-Landschaft. In dieser Funktion ist sie für die Integration von Schülerinnen und Schülern aus anderen Kulturkreisen zuständig, für junge Migrantinnen und Migranten also. Im Interview mit der Migrationszeitung berichtet Verena Brönnimann vom Alltag in Klassen, die von kultureller Vielfalt geprägt sind, von Vor- und Nachteilen, die aus diesem Mix der Kulturen hervorgehen können, von allerlei Missverständnissen und Chancen, die daraus entstehen – und schliesslich von zukunftsweisenden Wegen, die den multikulturellen Schulalltag erleichtern sollen.
In Sachen Disziplin können sich schon Kontraste zu unserem liberaleren Schweizer Schulalltag ergeben.
Migrationszeitung: Frau Brönnimann, Kinder mit ganz verschiedenen Pässen, aus vielen Ländern, mit ganz verschiedenen kulturellen und sprachlichen Hintergründen bilden zusammen einen Klassenkörper, das ist heute – auch an den Schulen des Kantons Basel-Landschaft – Alltag. Was stellt das für Anforderungen an die Lehrerin, den Lehrer? Verena Brönnimann: Einerseits brauchen Kinder, die noch nicht gut Deutsch können, zusätzliche Zuwendung. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen sich immer fragen, ob diese Kinder auch wirklich verstanden haben, was gesagt wurde, woran im Unterricht gerade gearbeitet wird. Dies verlangt erhöhte Aufmerksamkeit. Andrerseits bringen diese Kinder aus ihren Heimatländern viel mit ein. Dieses Anderssein kann viele interessante Elemente in eine Klasse bringen. Das ist eine Bereicherung. Einerseits werden Lehrpersonen also sicher mehr gefordert, andrerseits ist die kulturelle Vielfalt in den Klassen bereichernd.
Migrationszeitung: Sind wir an unseren Schulen in der Region Basel momentan denn mit einem eigentlichen Sprachproblem konfrontiert, welches in dieser Form vor ein paar Jahren noch nicht vorhanden war? Brönnimann: Ja, auf jeden Fall. Nur würde ich dies nicht auf die letzten Jahre beschränken. Schon seit fünfzig Jahren, seit der Einwanderung der italienischen Gastarbeiter, sind wir mit einem Sprachproblem konfroniert. Es ist klar, wenn Kinder nicht gut Deutsch können, bringt dies Probleme mit sich. Diese Kinder müssen speziell gefördert werden. In den letzten Jahren hat sich der Anteil an Migrantenkindern kontinuierlich erhöht. Auch wird die Vielfalt an verschiedenen Sprachen und Kulturen immer breiter.
Migrationszeitung: Es wird oft gesagt, dass fremdsprachige Kinder in Klassen zu Lern- und Niveaudefiziten führen würden. Stimmt das? Brönnimann: Dies ist schwer zu beurteilen. Ich besuche als Inspektorin dauernd Schulklassen – ich habe nicht den Eindruck, dass es so ist. Es kommt sehr auf den Anteil an Kindern mit Sprachproblemen in einer Klasse an. Wenn es nur wenige Kinder sind, wie es dies in den Klassen des Baselbiets mehrheitlich der Fall ist, ist der Einfluss gering. Bei einem hohen Anteil ist es klar, dass die Arbeit in der Regel langsamer voranschreitet. Dies hat sicher auch Einfluss auf die Leistung einer Klasse. Es kann aber auch sein, dass Schweizer Kinder durch den Umstand, dass sie gegenüber den fremdsprachigen Klassenkameradinnen und -kameraden einen Vorsprung haben, beflügelt, angespornt und motiviert werden. Wir müssen deshalb viele Aspekte und Schattierungen berücksichtigen, wenn wir über diese Frage diskutieren. Zum Beispiel hat das Bildungsbewusstsein der Eltern, die Schichtzugehörigkeit, der Unterricht in der Klasse und anderes mehr einen Einfluss auf das Lernen der Kinder.
Migrationszeitung: Es ist doch so, dass in den Herkunftsländern vieler dieser fremdsprachigen Schülerinnen und Schüler die Schule, die Lehrerschaft einen ganz anderen Stellen- wert, einen anderen Status haben, als dies in der Schweiz der Fall ist. Hat dies dann Auswirkungen auf den Schulalltag in unserer Region? Gibt es in der multikulturellen Schule dies- bezüglich Verständigungsprobleme? Brönnimann: Ja, davon höre ich immer wieder, auch bei Begegnungen mit Eltern fremdsprachiger Kinder. Deutlich gespürt habe ich dies, als ich während der letzten beiden Schuljahre Spezialklassen aus dem Kosovo begleitet habe. Lehrpersonen sind in den Herkunftsgebieten dieser Kinder absolute Autoritätspersonen. Daraus können sich durchaus Kontraste zu unserem offeneren Schulalltag ergeben. Kinder und Eltern aus anderen Kulturkreisen bereitet dies gelegentlich Mühe. Da prallen unterschiedlichste Menschenbilder, gegensätzliche Auffassungen von Schule, Lehrerschaft und Gesellschaft aufeinander.
Migrationszeitung: Stimmt es denn, dass viele Eltern von Schülerinnen und Schülern aus anderen Kulturkreisen – zum Beispiel gerade aus der Türkei oder den Gebieten, die wir Ex-Jugoslavien nennen – den Eindruck haben, dass beispielsweise die Disziplin an Schweizer Schulen eher leger gehandhabt wird? Brönnimann: Das stimmt. Oft sagen diese Eltern dann, die Schweizer Schule sei keine gute Schule; die Disziplin sei schlecht, die Schweizer Schulkinder hätten vor nichts und niemandem Respekt, auch vor den Lehrerinnen und Lehrern nicht. Es kommt eben sehr auf den kulturellen Hintergrund dieser Familien an.
Migrationszeitung: Wie können wir die Kluft, welche da – etwa gerade zwischen verschiedenen Vorstellungen über Disziplin – entsteht, im Schulalltag überbrücken? Brönnimann: Ich persönlich habe den Eindruck, dass die Disziplin an unseren Schulen – und ich habe als Inspektorin schon eine grosse Anzahl von Klassen gesehen – mehrheitlich gut ist. Es gibt in der Schule zwischen Kindern und Lehrpersonen auch jenseits vom blossen Vermitteln von Schulstoff eine Menge von Begegnungs- und Interaktionsmöglichkeiten. Der selbstverständliche und oft auch partnerschaftliche Umgang ist für Eltern aus anderen Kulturen oft schwierig zu verstehen. Für sie ist der partnerschaftliche Lehrer, die partnerschaftliche Lehrerin keine Autoritätsperson, folglich kann die Disziplin auch nicht stimmen, folglich ist der Unterricht nicht gut. Meiner Meinung nach ist dies ein kulturelles Missverständnis. Ich denke, dass wir das Thema Disziplin mit Eltern aus anderen Kulturkreisen genauer betrachten sollten. Wir müssen ihnen genauer erklären, was wir machen, warum wir es so machen, welche pädagogischen Vorstellungen wir haben. Ich denke, die meisten Menschen würden dies verstehen.
Migrationszeitung: Das heisst, es gibt immer wieder Kommunikationsprobleme zwischen Eltern von Kindern aus anderen Kulturkreisen und unseren Schulbehörden...? Brönnimann: Dies ist in der Tat ein grosses Problem.
Migrationszeitung: Was können wir tun? Brönnimann: Viele Eltern aus der Migrationsbevölkerung sind für uns schlecht erreichbar. Wir müssen nach Begegnungsmöglichkeiten suchen, mit denen wir sie besser erreichen können. Im November startete ein Projekt, bei dem wir die Eltern aus andern Kulturen zu regionalen Treffen einladen. An diesen Elternanlässen, zu denen nur je eine Kultur eingeladen ist, wirken Mediatorinnen und Mediatoren mit; sie übersetzen Inhalte nicht nur sprachlich, sondern können auch bezüglich kultureller Unterschiede aufklären und vermitteln. Dort wird den Eltern erklärt, dass bei uns vieles anders ist, als sie es gewohnt sind. Wir werden ihnen zum Beispiel den Wert der Berufsausbildungen oder unser Schulsystem erklären. Im Idealfall wären solch vermittelnde Mediatorinnen und Mediatoren fest bei einer Schulbehörde angestellt; dies streben wir an.
Migrationszeitung: Was sagen Sie den Leuten, die fordern, dass man Schweizer Kinder und fremdsprachige Kinder getrennt unterrichten solle? Brönnimann: Da bin ich völlig dagegen. Dies verstösst gegen die Menschenrechte. Ghettoisierung und Aussonderung bewirken, dass die notwendigen Brücken zwischen Schweizer Kindern und Kindern aus der Migrationsbevölkerung nur sehr eingeschränkt gebaut werden können. Wir leben real in einer kulturell vielfältigen Gesellschaft; wir brauchen diese Brücken unbedingt.
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