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 Ein Gespräch mit Silvia Bollhalder, Konrektorin an den Basler Orientierungsschulen
(OS). Silvia Bollhalder befasst sich beruflich und darüber hinaus schon
seit Jahren mit Fragen der Integration. Sie erkennt und würdigt in
Integrations-Diskussionen immer auch die grösseren gesellschaftlichen
Zusammenhänge und postuliert ganz klar, dass isoliertes Vorgehen im Schulbereich oder
so genannte «Pflästerchen-Politik» nichts bringen. Die Migrationszeitung
diskutierte mit Bollhalder über die Wahrnehmung des Fremden, über Unterschiede
zwischen den Menschen, über Bilder, die sich in Köpfen festgesetzt haben
eine Diskussion, die eben weit über den schulischen Rahmen hinausführt.
Es sollen heterogene Kleingruppen oder Klassen geführt werden.
Migrationszeitung: Frau Bollhalder, wir haben gerade darüber geredet, dass es eine
Tendenz gibt, Jugendliche aus der Migrationsbevölkerung immer gerne
defizit-orientiert zu betrachten; Schwächen werden in den Vordergrund gestellt,
über Talente hingegen wird nicht geredet
Silvia Bollhalder: Es ist ganz klar, dass wir Kinder haben, die völlig herausragen
und das ist durchaus auch bei solchen der Fall, die normalerweise nicht gross
beachtet werden also bei Neuzuzügerinnen, bei Neuzuzügern. Bei denen
heisst es ja immer gerne, dass sie sowieso lange Zeit brauchen, bis sie in der Schweiz, an
der Schule nur ein bisschen etwas verstehen würden. Wenn ein Kind in die Schweiz
komme, besagt ein viel gehörtes Klischee, und schon so 13, 14 Jahre alt sei, dann
lerne es sowieso nie mehr Deutsch; diesen Kindern wird oft von Anfang an keine Chance
gegeben. Wir aber sehen immer wieder Kinder aus anderen Kulturkreisen, die absolute
Talente sind, Begabungen haben, die auch ein unglaubliches Wissen mitbringen.
Mir fällt da beispielsweise gerade ein 12-jähriger Chinese ein, der in
Mathematik so gut ist, dass wir eigentlich gar nicht wissen, was wir mit ihm machen
sollen... Hochinteressant ist etwa, dass Kinder aus Ex-Jugoslawien im
mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich oft viel weiter sind als Schweizer Kinder im
gleichen Alter und für diese Fächer auch oft grosse Begabungen mitbringen. Viele
Kinder aus anderen Kulturkreisen, die in Basel wohnen, haben ja Eltern mit hervorragenden
Ausbildungen. Es ist für Schweizer Kinder von Vorteil, wenn sie auch an neuen Formen
der Wissensvermittlung teilhaben können, die inhaltlich weit über das
hinausgehen, was bei uns im Lehrplan steht.
Migrationszeitung: Sie haben in unserem Vorgespräch auch einen serbischen Jungen
erwähnt
Bollhalder: Richtig, der war so gut in Mathematik, dass der Rektor des
Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasiums mir sagte, es täte ihm leid, aber er
sehe, was dieser Junge könne, obwohl sein Deutsch noch nicht gut sei. Doch von der
Schule würde er lange nicht das bekommen, was er eigentlich brauchen würde. Der
Junge sei eben fachlich so viel weiter, dass der Rektor für eine wirkliche
Förderung keine Garantie geben könne.
Migrationszeitung: Es gab doch früher das pädagogische Ideal, eine Schulklasse
als homogenen Körper zu behandeln. Motto: Alle Kinder sind gleich. Dieses Modell wird
heute als gescheitert angesehen; was machen wir jetzt?
Bollhalder: Die Empfehlung ist ganz klar, dass heterogene Kleingruppen gebildet oder eben
auch heterogene Klassen geführt werden sollen. Und dass wir zumindest auf der
Mittelstufe, ich weiss nicht, ob es in der Primar auch schon so viel Sinn macht
gemischte Gruppen unterrichten sollten.
Die Hilfestellungen untereinander können so viel besser laufen. So kann etwa ein
intelligentes Kind viel mehr profitieren, wenn es den anderen Sachen erklären darf,
wenn es gewisse Aufträge erhält, im Rahmen der Klasse auch Verantwortung
übernehmen kann. So wird das intelligente schnelle Kind viel mehr profitieren, als
wenn es dauernd innerhalb einer Gruppe wirkt, in der alle etwa gleich weit sind. Wenn wir
aber Klassen bilden, die nur aus schulisch mittleren und schwächeren Kindern
bestehen, dann kommen diese Kinder sehr viel langsamer vorwärts. In einer heterogen
geführten Klasse, die auf Unterschiede Rücksicht nimmt, können die
Schülerinnen und Schüler voneinander profitieren.
Migrationszeitung: Von vielen Schweizerinnen und Schweizern wird ja über die
Migrationsbevölkerung geredet, als würde diese eine homogene, einheitliche
Gruppe darstellen. Das stimmt ja nun überhaupt nicht, das ist ein komplett falsches
Bild, denn die real existierende Migrationsbevölkerung repräsentiert klar
kulturelle Vielfalt. Dieses verquere Bild zeigt sich doch sicher auch im Schulalltag immer
wieder!?
Bollhalder: Mit Sicherheit, ja. Dieses Bild ist das Bild, das sich jemand macht, ohne die
andere Seite zu kennen. Als Kind habe ich ja eigentlich nur Ausländer gesehen und
nicht weiter differenziert: Wer nicht deutsch redet, ist ganz einfach Ausländer.
Später erkannte ich das Fremdsein an Hautfarbe oder Kleidung. Später
schätzte ich dann plötzlich Menschen, die aus Italien, Frankreich, England
stammten, nicht mehr als fremd ein aber alle anderen ausländischen Frauen und
Männer immer noch (lacht). Und so geht es doch vielen, was sich ungewohnt
anhört, ungewohnt aussieht, ist fremd, ausländisch. Doch sobald wir einmal
jemanden aus einer anderen Kultur kennen lernen, bekommen wir plötzlich einen ganz
anderen Zugang... Der andere Mensch ist plötzlich nicht mehr ausländisch, nicht
mehr nur fremd er darf gern anders sein, er ist interessant, gerade weil er so ist,
wie er ist.
Migrationszeitung: Gibt es da auch konkrete Beispiele aus dem Schulalltag?
Bollhalder: Eine Basler OS-Klasse hat sich beispielsweise mit einer
türkischen Lehrerin zusammen einen Film angesehen, auf Türkisch. Der Film wurde
immer wieder angehalten, die Buben und Mädchen erstellten Hypothesen, was da wohl
geschehen sei, es wurde übersetzt und diskutiert.
Die Schülerinnen und Schüler haben dabei an realen Beispielen gelernt, wie
leicht wir zu Fehleinschätzungen neigen, wenn wir Sprache und kulturelle
Hintergründe unseres Gegenübers nicht verstehen.
Wenn wir einen Zugang haben, mit einer Person reden, kommunizieren können, dann ist
diese Person in Ordnung. Ängste entstehen meistens, wenn uns etwas fremd ist.
Migrationszeitung: Gerade in der Schule ist Kommunikation unter allen Beteiligten
Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern ganz besonders
wichtig...
Bollhalder: Kinder und Jugendliche finden leichter Kontakt zueinander als Erwachsene. Sie
finden sich gegenseitig aus ganz verschiedenen Gründen nett oder blöd (lacht)
da spielt das Thema «Schweizer» oder «Ausländer» noch
gar keine so grosse Rolle...
Migrationszeitung: Im Moment wird viel über Rassismus und Rechtsextremismus unter
Schweizer Jugendlichen diskutiert. Oft entstehen ja gerade so radikale Ansichten aus Angst
vor dem Fremden, Unbekannten. Genauso beängstigend, fremd und seltsam wirken ja wohl
auch wir Einheimische auf die Migrationsbevölkerung. Das Ganze ist doch auch ein
gegenseitiges Kommunikationsproblem...
Bollhalder: Wenn Gruppen von jungen Männern, die eindeutig aus einer anderen Kultur
stammen, zusammen in die Innerstadt gehen und spazieren, werden sie oft gleich als Gang
angesehen. Wenn türkische Männer abends in Gruppen auf der Strasse stehen und
diskutieren, wird dies von vielen Schweizerinnen und Schweizern als befremdend aufgefasst.
Dabei sind diese Dinge in den Kulturen, aus der diese Menschen stammen, alltäglich,
sie gehen zusammen spazieren, sie treffen sich auf der Strasse und führen
ganz sicher nichts Böses dabei im Schilde.
Migrationszeitung: Es gibt ja aber in unserer Gesellschaft nebst Unterschieden in Sachen
Nationalität noch ganz andere gewichtige Unterschiede zwischen den Menschen; die
wirken sich doch bestimmt auch auf die Schule aus...
Bollhalder: Eigentlich sind ja die sozialen Unterschiede zwischen den Menschen und
das gilt auch für Schulkinder viel wesentlicher als jene, die sich aus den
verschiedenen Nationalitäten ergeben. Ein Kind aus einer einfachen Umgebung, Vater
vielleicht Hilfsarbeiter, hat einen anderen Zugang zur Welt, als ein Kind, dessen Familie
über mehr Ressourcen verfügt, dessen Eltern vielleicht einen akademischen
Hintergrund haben.
Letztere bringen viel mehr Themen, viel mehr Wissen um Zusammenhänge von daheim mit,
das wirkt sich natürlich auch auf die schulischen Leistungen aus.
Ein Kind, das noch nie gehört hat, was ein Kloster ist oder ein Pirat oder was
eigentlich das Mittelalter sein soll , hat es viel schwerer, in der Schule
einzuhängen.
Wir holen Leute in die Schweiz, die uns Arbeiten abnehmen sollen, die wir nicht so gerne
machen. Wir holen Hilfsarbeiter, die nicht so viel Bildung mitbringen ihre Kinder
sind dann in mehrfacher Hinsicht benachteiligt.
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