 |
 |
 Wandern gehört seit jeher zu den menschlichen Gewohnheiten. Unsere Vorfahren sind
gewandert, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Später, nach Aufkommen der
Städte, sind sie von den ärmeren Orten in wirtschaftlich stärkere,
kinderarme Orte gezogen und haben so zum wirtschaftlichen Erfolg beigetragen. Diese Fakten
werden oft vergessen. Dieser kurze Blick in die Geschichte der Migration (ein Auszug aus
dem Buch «Der Weg zur Gegenwart» von Georg Kreis) soll helfen, die aktuellen
Verhältnisse in der richtigen Relation zu sehen.
Wir kennen die humanitäre Seite der Schweiz: den neutralen Kleinstaat im Zentrum
eines politisch unduldsamen und kriegerischen Europa als Zufluchtsort für politische
Flüchtlinge und kampfunfähige Soldaten. Die Schweiz hatte indessen auch eine
andere Seite als Land, das nicht der gesamten Bevölkerung eine
Existenzgrundlage bieten konnte und manche seiner «Kinder» zur Auswanderung
zwang.
Der Centralbahnplatz in Basel vor der letzten Jahrhundertwende mit Auswanderungsagenturen.
Aus der Schweiz auswandern
Ist von Auswanderung die Rede, denken wir sogleich an Überseereisen, an ferne
Länder und andere Kontinente. Eine weniger spektakuläre, aber wesentlich
ältere Auswanderungsform muss aber zuerst vorgestellt werden: die saisonale
Auswanderung. In manchen Regionen entsprach es einer durchaus normalen Notwendigkeit, dass
die lokale, oft ungenügende Existenzbasis durch auswärtige
Erwerbstätigkeiten verstärkt wurde. Die Saisonwanderung war im Tessin besonders
ausgeprägt. Was im Winter zu Strohwaren verarbeitet wurde, brachten die Männer
in der warmen Jahreszeit auf die norditalienischen Märkte. Die Maurer und Gipser des
Sottoceneri waren ebenfalls vor allem im Sommer als Saisonniers in Italien tätig. Im
Sopraceneri dagegen verliessen die Männer eher im Winter die Täler und suchten
Arbeit in Italien als Kaminfeger und Ofenbauer, aber auch als Packträger.
Die bekanntere Form der Auswanderung ist die definitive Übersiedlung in ein anderes
Land. Etwa die Hälfte der schweizerischen Auswanderer liess sich in den
Nachbarländern nieder. Diese wenig spektakuläre Tatsache wird neben der Aufsehen
erregenden Auswanderung nach Übersee leicht übersehen. Die kontinentale
Auswanderung wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts allerdings teilweise verdrängt
durch die aufkommende Massenauswanderung insbesondere nach Amerika. Dieses Novum in der
schon lange bestehenden Auswanderungstradition der Schweiz entsprach aber einem
allgemeinen, gesamteuropäischen Vorgang.
Auswandern aus wirtschaftlicher Not
In der Schweiz waren die alpinen Regionen von der Auswanderung besonders stark betroffen:
das Tessin, Graubünden, Glarus, das Berner Oberland und das obere Wallis.
Eine Zone mittlerer Auswanderungshäufigkeit bildeten der Neuenburger-, der Berner-
und der Baselbieter Jura, das Emmental, der Aargau und das westliche Züribiet. Die
wirtschaftliche Tragfähigkeit dieser Gebiete war so schwach, beziehungsweise die
Belastung durch das Bevölkerungswachstum so stark, dass die bescheidene Existenzbasis
beim Auftreten von Missernten, Überschwemmungen und anderen Katastrophen leicht
zerstört wurde. Die aufkommende Industrie konzentrierte sich auf wenige Regionen und
war noch nicht genug entwickelt, um die «überschüssige»
Landbevölkerung und die Heimarbeiter aufzunehmen. Die Glarner Textilindustrie zum
Beispiel konnte nicht alle Handweber in den modernen Produktionsprozess integrieren, die
ihre Verdienstmöglichkeiten verloren hatten, nachdem der europäische Markt durch
billige Baumwollstoffe aus England überschwemmt worden war. Die neueingestellten
Industriearbeiter waren überdies nur zum kleinsten Teil ehemalige Handweber. Die
Fabriken lagen im Tal die Handweber wohnten aber an den Hängen. Zudem wurden
in den Fabriken jüngere Leute bevorzugt.
Gemeinden, die durch die Armen, beziehungsweise die Armenunterstützung besonders
belastet waren, ermunterten ihre Unterstützungsbedürftigen zur Auswanderung.
Airolo zum Beispiel stellte 25 000 Franken zur Verfügung, um 50 Auswanderungswilligen
die Reise nach Kalifornien zu bezahlen. Anders als die Gemeinden und Kantone nahm der Bund
in der Auswanderungsfrage eine indifferente und von 1870 an eher ablehnende Haltung ein.
Die Massenarmut und der damit verbundene Auswanderungszwang erklärt sich zum Teil aus
dem rapiden Bevölkerungswachstum, wie ihn das Glarner Beispiel illustriert.
Auswanderungsagenturen: die Schlepper von damals
In den 1850er Jahren wurden in der Schweiz die ersten Auswanderungsagenturen
gegründet. 1882 gab es deren 9 davon 6 allein in Basel und je eine in Aarau,
Bern und Genf. 1885 beschäftigten sie oft bloss in Nebenfunktion
insgesamt 359 Agenten.
Die Auswanderungsagenturen bearbeiteten als profitorientierte Unternehmen den Markt und
schufen mit ihren Angeboten eine Nachfrage. Zeitungsannoncen und Flugblätter riefen
zur Auswanderung auf und priesen maximale Transportleistungen zu minimalsten Tarifen an.
Mit den Reisediensten wurde zuweilen auch billig erworbener Boden teuer weiterverkauft.
Bis zum Ende des Jahrhunderts entwickelten sich die Auswanderungsagenturen zu einem
umsatzstarken Wirtschaftszweig. Ihre Dienstleistungen wurden mehr und mehr auch an
ausländische Emigranten verkauft. 1913 zum Beispiel nahmen gegen 130 000
Ausländer schweizerische Reisebüros in Anspruch; der ausländische Anteil
war 20mal grösser als der schweizerische. Einzelne Reisebüros und
Speditionsfirmen unserer Zeit haben ihre Wurzeln im ehemaligen Auswanderungswesen.
Andere Lockungen gingen von bereits emigrierten Schweizern aus. Albert Conus aus dem
freiburgischen Saulgy benutzte 1873, als er zum Kauf von Landwirtschaftsgeräten
nochmals in die Schweiz zurückkehrte, die Gelegenheit und ermunterte diejenigen
mitzukommen, «denen die Eltern keinen Boden gelassen haben, wo sie ihren Arm
gebrauchen können». Denen, die von eigenem Grundbesitz träumten, rief er
zu, dass es in Chile genug Wiesen habe und dort die Gruyère-Fabrikation leicht sei.
Manche Berichte waren tendenziös und nicht im Interesse der künftigen
Einwanderer, sondern der Unternehmer geschrieben. Vorübergehende Heimkehrer holten
sich übrigens nicht nur landwirtschaftliches Gerät sie suchten sich unter
dem reichen Vorrat unverheirateter Frauen ihre Lebensgefährtin aus und trugen so ein
weiteres zur Erhöhung der Auswanderungsquote bei.
Die stimulierende Wirkung der Auswanderungsagenturen ist umstritten. Man darf aber
annehmen, dass Aufforderungen bloss auf offene Ohren stiessen, wenn die persönlichen
wie sozio- ökonomischen Voraussetzungen gegeben waren. Gewiss haben auch die
Auswanderungsvereine stimulierend gewirkt. Sie gingen jedoch davon aus, dass ohnehin
ausgewandert werde, dass aber diese Auswanderungen sorgfältig durchgeführt
werden müssten, damit sie nicht als Misserfolg endeten.
Stimulierend wirkten auch die Verbesserungen der Transportmöglichkeiten. Andere
Auswanderungsursachen lagen in Konflikten familiärer, politischer und konfessioneller
Natur. Gewisse Auswanderer kehrten der Schweiz für immer den Rücken. Es gab auch
das Phänomen der Rückwanderung, wobei Misserfolg oder Erfolg zur Heimkehr
führen konnten. Oft kehrten reichgewordene Emigranten ins Heimattal zurück und
belebten mit ihrem Reichtum die karge Region.
Wahl zwischen sozialer oder geographischer Verpflanzung
Man mag es als widersprüchlich empfinden, dass 1844/45 etwa 300 Glarner durch
Verdienstschwund aus der Heimat vertrieben wurden, obwohl etwa 400 Ausländer im
Kanton ihren Verdienst hatten. Dies entspricht aber einem generellen Befund: die Schweiz
war gleichzeitig Aus- wanderungs- und Einwanderungsland, und die Einwanderungen glichen
die Auswanderungen zahlenmässig einigermassen aus. Seit 1847 überwogen sogar die
Einwanderer, die Schweiz wurde zu einem Nehmerland.
Arbeit hätte es schon gegeben. z.B. beim Bau des Gotthardtunnels, aber solche Arbeit
wäre für diejenigen, die ihre ursprünglichen Verdienstmöglichkeiten
verloren, mit einem sozialen Abstieg verbunden gewesen. Und so zogen manche die
geographische Verpflanzung der sozialen Verpflanzung vor.
Unter den Auswanderern gab es eine beachtliche Zahl von Gewerbetreibenden, die versuchten,
ihrem angestammten Beruf oder wenigstens einer selbständigen Tätigkeit
nachzugehen. Auf diese Weise wurde mancher Familienbetrieb im Ausland gegründet und
fabriziert oft bis heute Schweizer Produkte im Ausland.
|
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|