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 Michael Schindhelm, Direktor Theater Basel
In gewisser Weise sind Sie selbst in die Schweiz immigriert, wie gehen Sie damit um?
Es ist nicht so, dass ich jetzt das erste Mal im Ausland leben würde. Ich studierte
in jungen Jahren fünf Jahre in Russland. Dazu ist meine Heimat von der Landkarte
verschwunden. Ich schätze das «freiwillige» Leben in der Fremde. Aber das
setzt voraus, dass man eine Wahl hat, die Heimat nicht verlassen muss. Ich bin nicht
ungern in Basel, es ist ein interessantes soziales Wechselspiel. Basel ist irgendwie
isoliert vom Umland, und doch ist die Schweiz wiederum ein Land, welches sehr stark die
Einflüsse des Umlandes assimiliert.
Erschwert es den eigenen Arbeitsalltag, wenn man von einem anderen Ort stammt?
Ja und nein! Auf der einen Seite begegnet man einer anderen Mentalität und versucht
diese zu verstehen, auf der anderen Seite sieht man die Dinge in einem anderen Licht und
kann mit dieser Mentalität auch experimentieren. Gerade wenn man etwas Neues bieten
will, ist es gut, wenn man ein bisschen dafür arbeiten muss, um zu verstehen, wie die
Dinge sind, am Ort, wo man gerade ist. Sonst besteht im Theater die Gefahr
der Betriebsblindheit.
Verändert sich das Theater, je mehr das Publikum multikulturell wird, das man
erreichen will oder verstehen Sie das Theater universell?
Das Theater funktioniert und findet überall nach ähnlichen Arbeitsmethoden
statt: Es spielt keine Rolle, ob in Basel, ob in Berlin oder irgendwo sonst. Dazu kommt,
dass viele Künstler aus Tanz und Oper Global Players sind. Auf der anderen Seite ist
es eine Herausforderung, die Themen und Stoffe des Abendlandes und die ästhetischen
Mittel des Abendlandes weiter zu vermitteln, einen anderen Zugang zu diesen zu bieten.
Wie arbeiten denn die verschiedenen Kulturen im Haus zusammen?
Im Theater ist man es schon von jeher gewöhnt, mit sehr vielen verschiedenen
Nationalitäten zusammenzuarbeiten. Das erstreckt sich von der Technik bis hin zur
Direktion. Im Theater haben all diese Menschen ein gemeinsames Projekt, das heisst
vielleicht Shakespeare oder Mozart, und durch dieses werden sie verbunden.
Werden sich nationale, kulturelle Identitäten in der Arbeitswelt auflösen?
Speziell im Theater haben sich die kulturellen Identitäten etwas abgeschliffen, das
heisst aber nicht, dass sie nicht doch in die tägliche Arbeit mit hineingetragen
werden. Verschiedene Nationen haben unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten, den
Tanz, die Musikalität, die Sprache, das Bild, die Maske etc. Da ist gleichzeitig der
Einfluss der Popkultur. Das Theater funktioniert wie ein Schmelztiegel: Die
unterschiedlichen Identitäten finden immer eine Interpretation, fliessen immer in die
alltägliche Arbeit ein.
Buchtipp: Michael Schindhelm, Zauber des Westens, DVA.
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